Vorschau: Reich gegen Streich

Justin Trenner 05.11.2021

Bemerkenswert. So könnte man den Saisonstart des SC Freiburg bezeichnen. Dabei unterstreicht dieses Wort aber trotzdem noch lange nicht, wie gut dieser Klub seit vielen Jahren arbeitet. Etatmäßig befindet sich der Sportclub aus dem Breisgau im oberen Drittel der zweiten Tabellenhälfte – was für sie ein großer Aufstieg ist. Freiburg, das ist der Club, der vor Jahren danach strebte, sich in den Top-25 zu etablieren.

Das große Ziel sei es damals gewesen, sich von Abstiegen aus dem Oberhaus nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Deshalb habe man immer so geplant, dass die zweite Liga Teil der Gedanken war. Ob das heute, im Jahr 2021 immer noch so ist? Das lässt sich bezweifeln. Christian Streich ist nun schon seit dem 2. Januar 2012 im Amt – am Wochenende wird er sein 369. Pflichtspiel als Cheftrainer des SC Freiburg leiten. Über 3.600 Tage wird er dann schon an der Seitenlinie stehen.

Damit jagt der 56-Jährige Klublegende Volker Finke. Der wiederum war allerdings zwischen 1991 und 2007 Cheftrainer beim SC. Bei Streich wird die große Frage wohl eher nicht sein, ob er sportlich so lange erfolgreich sein kann, sondern ob er das überhaupt möchte.

Der ewige Christian Streich

Manchmal merkt man ihm an, dass dieser ganze Medienrummel nicht das ist, wofür er tagtäglich hart arbeitet. Seine Spieler loben ihn in höchsten Tönen für den Umgang mit ihnen – fordernd, wenn nötig auch streng, aber immer fair und lehrreich.

Im modernen Fußball ist es womöglich wichtiger denn je, sich immer wieder zu hinterfragen, alt bewährte Methoden durch Neues zu ersetzen und sich so weniger transparent zu machen. Die Scouts und Analyst:innen der Bundesligisten sind aufmerksam. Ihnen und ihrer Software entgeht fast nichts. Deshalb sind viele Trainer darum bemüht, variabel zu bleiben und mehrere Formationen oder gar unterschiedliche Spielweisen zu entwickeln.

Bei Streich kommt hinzu, dass er sich nicht nur wegen der Analysen der Konkurrenz Gedanken machen muss, sondern auch wegen seiner eigenen Mannschaft. Mit vielen Spielern arbeitet er bereits seit Jahren zusammen. Christian Günter beispielsweise, sein Kapitän, der im Sommer 2012 den Sprung aus der Jugendakademie zu den Profis schaffte. Oder Nicolas Höfler, der schon da war, als Streich übernahm. Das erfordert die Fähigkeit eines Trainers, sich immer wieder neu zu entwickeln. Seine Methoden dürfen sich nicht abnutzen, Training und Spielweise sollten immer wieder neue Reize bieten.

Jugend forscht in Freiburg

Streich ist mittlerweile ein Urgestein in Freiburg. Als ehemaliger Jugendtrainer war er vor seiner Amtsübernahme als Co-Trainer so etwas wie die Schnittstelle zwischen der Akademie und dem Profibereich. Als er dann Cheftrainer wurde, bekamen viele junge Spieler ihre Chance und schafften anschließend den Sprung in die Bundesliga oder zumindest zu anderen Profiklubs. So wie Matthias Ginter beispielsweise.

Das beschreibt auch ganz gut, wofür Streich steht. Er will junge Spieler entwickeln, ihnen eine Perspektive aufzeigen und mit ihnen gemeinsam wachsen. Das, was er als Jugendtrainer sowieso schon tagtäglich getan hat, hat er im Profibereich schließlich in Teilen übernommen. Auch in dieser Saison kamen mit Kevin Schade (296 Minuten), Kiliann Sildillia (104) und Noah Weißhaupt (21) bereits drei Spieler aus dem Jugendbereich zum Einsatz.

Einerseits also die ständige Fluktuation im Kader, die schon dadurch beschleunigt wird, dass Freiburg seine Top-Spieler nur selten halten kann. Andererseits aber der Trainer, der sich in den letzten Jahren ebenso weiterentwickelt hat wie seine Spieler.

Variabilität und Beständigkeit unter einem Hut

Dabei geht es sicher nicht immer nur bergauf. Als Streich anfing, holte er in seiner ersten kompletten Saison gleich einen überragenden fünften Platz – nur zwei Jahre später folgte der Abstieg. In Freiburg hielt man aber an ihm fest. Weil die Überzeugung da war, dass er das Ruder erneut rumreißen würde. Und er tat es. Der direkte Wiederaufstieg und zwei einstellige Platzierungen sprechen für sich.

Im Kern blieb sich Streich immer treu: Sein Fußball soll schnell, offensiv und unterhaltsam in der Offensive, intensiv, körperbetont und aggressiv gegen den Ball sein. Gerade in den erfolgreicheren Jahren schaffte er es, Qualität auf individueller Ebene zu einer Einheit auf struktureller, gruppentaktischer Ebene zu formen.

Das gelingt ihm vor allem, weil er ein gutes Auge für Spieler und ihre besten Rollen hat. Wenn ein Team in einer Dreierkettenformation besser funktioniert, weil ein Innenverteidiger als Halbverteidiger besser funktioniert, dann hat Streich keinen falschen Stolz und wechselt die Grundausrichtung.

Oft Dreierkette, selten hohes Pressing

In dieser Saison hat er bereits im 4-4-2 und im 5-4-1 spielen lassen – wobei diese Zahlen nur die halbe Wahrheit sind. Bisher hat Streich eher die Dreierkette favorisiert. In acht von zwölf Pflichtspielen kam sie zum Einsatz. Davor ist es extrem variabel.

Freiburg verfügt über ein gutes Verständnis für die Zwischenräume und weiß diese nicht nur zu besetzen, sondern auch effizient und mit wenigen Kontakten zu bespielen. Dass die Passgenauigkeit des Sportclubs bei 75,4 % liegt, hat einen einfachen Grund: Sie spielen sehr direkt und sehr vertikal. Und dafür sind in etwa drei von vier angekommenen Pässen schon wieder gar nicht so schlecht.

Gegen den Ball agiert Freiburg kompakt und geduldig. Dabei laufen sie eher selten hoch an, sondern versuchen, den Gegner zu lenken und zu Fehlpässen zu zwingen. Vor allem gegen den FC Bayern könnte diese Geduld zum Trumpf werden. Ballverluste wie jener von Marcel Sabitzer gegen Benfica vor dem zweiten Gegentor lassen sich für die Münchner nur schwer verteidigen. Darauf wird Freiburg lauern.

Schaffen sie es dann, das Gegenpressing der Münchner auszuhebeln, könnten sie mit wenigen Kontakten vor dem Tor von Manuel Neuer auftauchen. Der wiederum dürfte zuletzt nicht gerade glücklich mit seinen Vordermännern gewesen sein, war aber auch selbst für die eine oder andere kleine Unsicherheit gut.

Große Variabilität im Zentrum

Freiburg kann es sich erlauben, so viel Risiko im Passspiel einzugehen, weil sie in Ballbesitz eine gute Grundstruktur haben, in der sie dem Gegner nur selten Raum zum Kontern anbieten. In einigen Phasen agierten sie zwischen der defensiven und der offensiven Dreierkette mit einer Mittelfeldraute. Ob Streich dieses 3-Raute-3 in Anlehnung an die guten alten Ajax-Zeiten entwickelt hat? Wohl kaum. Aber es funktioniert – meistens.

Die beiden Flügelverteidiger schieben dann sehr hoch, Grifo rückt von der linken Bahn etwas ins Zentrum ein und auch Ex-Bayern-Spieler Jeong rückt von rechts ein. Gemeinsam mit den beiden nominellen zentralen Mittelfeldspielern bilden sie dann eine Raute – nicht immer ganz mathematisch sauber, aber zumindest so, dass die Räume gut besetzt sind und darauf kommt es schließlich an. Fußball ist ja keine Mathematik.

Aber lassen wir den Rummenigge mal in der Schublade. Freiburg kontrolliert mit diesen Bewegungen bereits zu großen Teilen den gegnerischen Konter. Denn verlieren sie den Ball, stehen sie im Mittelfeldzentrum mit vielen Beinen. Der Gegner muss dann erstmal auf die Außenbahn verlagern, wo die Flügelverteidiger oft sehr schnell wieder in die Grundordnung kommen. Ob sie das gegen die Bayern genauso spielen, wird sicher auch von der Rolle der Flügelverteidiger abhängen. Gut vorstellbar, dass nur der ballnahe Außenspieler hoch agiert, während der andere etwas tiefer absichert. Das würde dann auch die Position der offensiven Halbraumspieler beeinflussen.

Freiburg läuft viel und klug

Das Verschieben zählt seit jeher zu den großen Stärken von Streichs Freiburg-Teams. Wer sich durch die letzten Vorberichte in diesem Blog klickt, wird wohl das eine oder andere mal auf dieses Wort treffen.

Freiburg zählt Jahr für Jahr zu den laufstärksten Teams, schafft es dabei aber vor allem, clever zu laufen. Sie stehen kompakt in Ballnähe, gleichzeitig kommen sie aber auch bei Verlagerungen gut in die ballfernen Räume. Das macht es so unfassbar schwer, sie zu knacken.

Mit sieben Gegentoren stellen sie aktuell die beste Defensive der Bundesliga. Nur einmal kassierten sie mehr als einen Treffer: Am dritten Spieltag gegen Stuttgart (3:2-Sieg). Auch bei den Expected Goals against stehen sie mit einem Wert von 11,2 auf Platz 3 der Liga. Es ist diese defensive Grundstabilität, die die Breisgauer von einer tollen Saison und vielleicht auch von einer Überraschung in München träumen lässt.

Überraschung in München?

Denn es ist ein echtes Top-Spiel zweier Teams, die sehr gut drauf sind. Sollten die Bayern dieses Spiel gewinnen, wäre das nicht die übliche Pflichtaufgabe, sondern eine weitere kleine Standortbestimmung. Wie gut die Offensive ist, haben die letzten Wochen gezeigt. 3,8 Tore pro Spiel sind ein unglaublicher Wert in der Bundesliga.

Gegen Freiburg werden die Bayern womöglich aber vor eine große Herausforderung gestellt. Es wird spannend zu sehen, ob die hoch dekorierte Offensive gegen den SC genauso durchschlagskräftig agieren kann wie zuletzt.

Dass im Mittelfeld viele Spiele entschieden werden, ist nicht nur eine alte Guardiola-Weisheit, sondern in diesem speziellen Fall wohl auch Tatsache. Beide Teams kommen über ein starkes Zentrum. Beide versuchen, das Spiel dort an sich zu reißen – wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln. Mal sehen, ob das Wort „bemerkenswert“ am Samstag um ca. 17:20 Uhr auch auf die Leistung der Freiburger in München zutrifft.



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