Vorschau: Hertha BSC zwischen Anspruch und Realität

Justin Trenner 28.08.2021

Der Kaffee in Berlin, er dürfte aktuell nicht wirklich schmecken. Vor dem Spiel gegen den FC Bayern kündigte Hertha-Trainer Pál Dárdai dennoch an, seiner Linie treu zu bleiben – vor allem hinsichtlich vergangener Duelle mit dem Rekordmeister. Auch weil er damit gute Erfahrungen gemacht habe. Seine Bilanz: 11 Spiele, 7 Niederlagen, 3 Unentschieden und nur ein Sieg – über den Erfolg seiner Strategie ließe sich also durchaus diskutieren.

Dennoch hat Dárdai einen Punkt: Seine Mannschaften präsentierten sich gegen Bayern oft leidenschaftlich, stabil und mit gut ausgespielten Nadelstichen – viele Duelle gingen nur knapp verloren. Zumal Hertha in München über einen längeren Zeitraum schon nicht mehr gewonnen hat.

Seit nun fast 44 Jahren warten die Berliner auf einen Sieg beim FC Bayern. Im Oktober 1977 konnten sie die Münchner mit 2:0 besiegen. Nach zwei Auftaktniederlagen gegen Köln (1:3) und Wolfsburg (1:2) sieht es auch nicht zwingend danach aus, dass Hertha diese Negativserie stoppen kann.

Der Hauptstadtklub ist abermals dabei, sich neu auszurichten. In Berlin kann man das Gerede von Neustarts und Übergangsjahren nicht mehr hören, aber tatsächlich scheint es auf den zweiten Blick diesmal eine Art Aufbruch in neue Zeiten zu sein.

Der Gegner: Hertha BSC

Ein großes Problem vieler Traditionsklubs war es in der jüngeren Vergangenheit, dass sie sich nicht von altbackenen Strukturen und Abhängigkeiten lösen können. Spätestens mit Carsten Schmidt, der seit Dezember 2020 als Vorsitzender der Geschäftsführung tätig ist, schien man in der Hauptstadt aber umzudenken. Schon vor Schmidt wurde mit Arne Friedrich eine Vereinslegende installiert, in diesem Sommer folgte mit Fredi Bobic jemand, der großes Know-how mit dem oft bemühten „Stallgeruch“ verbindet.

Hertha hat sich neu ausgerichtet, alte Zöpfe abgeschnitten und, glaubt man den Aussagen des Klubs, eine mittel- bis langfristige Strategie entwickelt, mit der man den großen Ansprüchen in Berlin endlich gerecht werden möchte. Auf diesem Weg soll natürlich auch der Investor Lars Windhorst helfen, der die lange durch die Hoeneß-Jahre leidende Hertha finanziell wiederbelebt hat.

Gerade weil Windhorst sich in der Öffentlichkeit aber nicht gerade zurückhielt und Bezeichnungen wie „Big City Club“ etablierte – und eben weil man an den vorhandenen Strukturen lange Zeit nichts veränderte, war ein Aufbruch in die Spitzengruppe der Bundesliga nie möglich. Stattdessen ruderte man mit Projekten wie Klinsmann und Lehmann in Tabellenregionen, die die Existenz in der ersten Liga bedrohten.

Abermaliger Neuanfang in der Hauptstadt

Und so brauchte es einen weiteren alten Zopf: Pál Dárdai. Dárdai hat es mit seiner Erfahrung geschafft, eine völlig verunsicherte Mannschaft in der Liga zu halten und das schlimmste aller Szenarien zu verhindern. Das hat ihm zumindest kurzfristig das Vertrauen eingebracht, den x-ten Neustart von der Bank anzustoßen. 

Durch die vielen Rückschritte steht Hertha nämlich wieder am Anfang – was häufig vergessen wird, wenn es um die aktuelle Situation nach zwei Spieltagen geht. Dárdai übernahm eine Mannschaft, die weder Selbstvertrauen noch Struktur hatte. Bevor es bei den Berlinern darum geht, wie man sich fußballerisch weiterentwickelt, wird die Frage im Mittelpunkt stehen, wie eine Hierarchie aufgebaut wird, die die gesamte Mannschaft stabilisiert.

Fußballerisch, das dürfte außer Frage stehen, kann Hertha trotz einiger Probleme im Kader durchaus überzeugen. Die Anfangsphasen gegen Köln und Wolfsburg haben das angedeutet. Aber gerade im mentalen Bereich offenbaren sich immer wieder große Schwachstellen. In beiden bisherigen Bundesliga-Partien brach das Team nach dem ersten Rückschlag ein – kein Aufbäumen, kaum Gegenwehr.

Erwartungsmanagement muss gesteuert werden

Spieler wie Selke oder Boateng müssen in ihre Rollen erst noch reinfinden, während einige andere Lautsprecher des Teams ebenfalls noch mit sich selbst zu tun haben. Dárdais Aufgabe ist es nicht, das betonte Bobic mehrfach, Hertha im ersten Jahr direkt nach Europa zu führen.

Wer sieht, wo dieses Team herkommt, der dürfte das kaum erwarten. Dárdai soll die Grundlage für die kommenden Jahre legen – unabhängig davon, ob er selbst nun kurz-, mittel- oder gar langfristig bleibt. Es ist also wichtig, das Erwartungsmanagement rund um den Klub zu steuern.

Denn der Prozess wird Zeit brauchen. Zeit, die man sich im schnelllebigen und hektischen Berlin vielleicht erstmals seit vielen Jahren nehmen möchte. Klar ist natürlich auch, dass es nicht zu einem Szenario wie in der vergangenen Saison kommen soll. Ein sicherer Platz im Tabellenmittelfeld scheint jedoch ein realistisches Ziel zu sein.

Stärken

  • Kompakte Defensivstruktur
  • Offensive Umschaltmomente
  • Physis im Angriff
  • Theoretische taktische Variabilität durch verschiedene Spielertypen (insbesondere im Mittelfeld)
  • Ballsichere Spieler in den eigenen Reihen

Schwächen

  • Mentale Probleme durch vergangene Saison
  • Mannschaft muss sich erst noch finden
  • Führungsspieler fehlen noch bzw. müssen sich erst einfinden
  • Außenpositionen offensiv und defensiv sind mangelhaft besetzt
  • Ballsicherheit ist durch fehlendes Selbstvertrauen noch nicht ausreichend
  • Statik im Spiel nach vorn

Erwartbare Spielweise

  • Kompaktes und tieferes Mittelfeldpressing mit Phasen des Abwehrpressings
  • Klarer Defensivfokus
  • Fünferkette aufgrund von schwächeren Außenverteidigern denkbar
  • Offensives Umschalten mit wenigen Kontakten
  • Lukébakio als wichtiger Zielspieler
  • Zwischenräume möglichst eng halten

Kaderprobleme: Kommen noch Spieler für die Außenbahn?

Dass auch jemand wie Bobic nicht gleich in seinem ersten Jahr zaubern kann, liegt auf der Hand. Auch wenn die Erwartungen an ihn groß und die Windhorst-Millionen sicher zuträglich sind, beeinflusst die Coronasituation den Transfermarkt stark. Hinzu kommt, dass Hertha aktuell sportlich nicht die attraktivste Station für Spieler ist, die es für die ambitionierten Ziele eigentlich benötigt. 

Deshalb muss Bobic kreativ sein. Um das erfahrene Gerüst herum sollen junge Spieler wie Marco Richter, Suat Serdar oder der zuletzt vorgestellte Jurgen Ekkelenkamp helfen, die Attraktivität des Klubs durch Erfolge zu steigern. Wenige Tage vor dem Ende des Transferfensters gibt es dennoch noch das eine oder andere größere Problem zu lösen.

Auf den Außenverteidigerpositionen sind derzeit Peter Pekarik (34) und Marvin Plattenhardt (29) gesetzt. Während letzterer seit Jahren stagniert und der Sprung auf ein höheres Niveau nicht wirklich gelingen mag, ist ersterer weit über seinen Zenit hinaus. Defensiv ist Pekarik mittlerweile zu langsam und zu anfällig und auch Lukas Klünter ist kein ausreichender Ersatz. Auf der anderen Seite hatte Maximilian Mittelstädt in den letzten Jahren genug Chancen, um an Plattenhardt vorbeizuziehen – er nutzte sie aber nicht.

Nachdem Ekkelenkamp mit seinem Kompletpaket aus Kreativität und Dynamik eine wichtige Baustelle im Mittelfeldzentrum schließen könnte, sind die defensiven Außenbahnen wohl das akuteste Problem. Bobic, so hört man immer wieder, ist dabei, den Markt nochmal genau zu beobachten. Für eine sichere Saison im Mittelfeld wäre mindestens ein Transfer auf dieser Position wohl unabdingbar.

Es ist nicht alles schlecht – aber dennoch gefährlich

Die Situation in Berlin, sie ist sicher unangenehm. Verliert man gegen die Bayern, wird die erste Krise medial in den Büchern stehen – ganz unabhängig von der Qualität des Gegners. Matheus Cunha verloren, kein Punkt nach drei Spielen – es würde wohl erste Stimmen geben, die einen erneuten Abstiegskampf prophezeien.

Ganz so düster sollte man das Bild aber noch nicht zeichnen. Der Aufbruch ist in der Hauptstadt zu spüren. Auch wenn Geduld und Vertrauen nicht gerade zu den Grundtugenden der Berliner zählen, so ist ein Unterschied zu den Vorjahren doch spürbar. Mit Schmidt, Bobic, Friedrich, den Windhorst-Millionen und der Erfahrung von Dárdai ist es kurzfristig möglich, den abermaligen Neustart so zu meistern, dass in Zukunft kein weiterer mehr notwendig ist. Der Optimismus dafür mag vielen nach den vergangenen Monaten fehlen. Und so ist es vielleicht die größte Herausforderung der Verantwortlichen, Vertrauen zurückzugewinnen und das Umfeld ruhig zu halten.

Auf diesem Weg muss beides – sowohl der vermeintlich ungünstige Zeitpunkt des Bayern-Spiels, als auch der Cunha-Wechsel – gar nicht schädlich sein. Dárdai weiß, wie er eine Mannschaft auf den Rekordmeister einstellen kann und viele der zuletzt gezeigten Schwächen in Ballbesitz werden in München keine übergeordnete Rolle spielen.

Und was Cunha betrifft? Eine neue Hierarchie lässt sich vielleicht besser etablieren, wenn der Starspieler der Mannschaft, der sich taktisch auch gern mal herausnahm, nicht mehr da ist. Sportlich ist das ohne Frage ein Verlust. Perspektivisch kann man die rund 30 Millionen Euro aber womöglich gut reinvestieren. Der Kaffee in Berlin, er schmeckt aktuell weniger bitter, als er geschrieben wird. Was aber nicht bedeutet, dass es keine Gefahren gibt – auf dem langen Weg nach oben.



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