Vorschau: Die Suche nach dem Dynamo gegen Kyiv

Justin Trenner 27.09.2021

Der erste Spieltag verlief nach Maß für den deutschen Serienmeister. Nicht nur der 3:0-Erfolg gegen den FC Barcelona ließ die Laune des FC Bayern steigen, sondern auch das 0:0 von Dynamo Kyiv gegen Benfica. Denn durch das Unentschieden im zweiten Gruppenspiel des ersten Spieltags haben die Münchner eine exzellente Ausgangslage. Ein frühzeitiger Gruppensieg und die Möglichkeit für einen Energiesparmodus in den letzten beiden Partien winkt ihnen.

Daran wird man an der Säbener Straße vermutlich noch nicht denken, wäre es doch fatal, die kommenden Gegner zu unterschätzen. Aber den Vorsprung auf Platz drei schon am zweiten Spieltag auf mindestens vier Punkte anwachsen lassen zu können, ist wohl eine nette Ausgangsposition.

Ein Sieg gegen Dynamo Kyiv ist dafür eine Pflichtaufgabe. Die Ukrainer stehen nach neun Spielen in der nationalen Liga auf Platz 1. Noch sind sie in diesem Wettbewerb ungeschlagen. Acht Siege, ein Unentschieden und beeindruckende 25:2 Tore lassen die Brust auch vor der bisher härtesten Aufgabe der Saison anwachsen. Trainer Mircea Lucescu wird sich dennoch vor allem auf seine starke Defensive verlassen. Und so könnte es für den FC Bayern ein Spiel werden, in dem sie nach dem Dynamo suchen, um Licht in die engen Räume der Ukrainer zu bringen.

Dynamo Kyiv: Vertrauen in die defensive Stabilität

Am ersten Spieltag der Champions League hatte Kyiv mit Benfica die torgefährlichste Mannschaft der portugiesischen Liga zu Gast. Benfica steht dort ebenfalls auf Platz 1 und hat alle sieben Spiele mit insgesamt 19:4 Toren siegreich bestritten. Dass sie in der Ukraine aber ohne Torerfolg und auch ohne Sieg blieben, war kein Zufall. Im Gegenteil noch wäre der Heimmannschaft kurz vor dem Ende beinahe der Siegtreffer gelungen – allerdings nach einer Abseitsposition.

Dementsprechend blieb es beim torlosen Remis. Kyiv verteidigte das eigene Tor leidenschaftlich und in den meisten Spielphasen mit hoher Aggressivität. Benfica fand nur selten Wege, um das Bollwerk zu knacken. Zwar hatten sie 65 % Ballbesitz, allerdings nur 12 Abschlüsse bei 1,4 Expected Goals. An einem guten Tag hätte das womöglich zu einem knappen Sieg gereicht, aber in diesem Fall mussten sie sich geschlagen geben.

Den FC Bayern dürfte aber keinesfalls eine Mannschaft erwarten, die 90 Minuten am eigenen Strafraum steht. Kyiv ist es aus der ukrainischen Liga gewohnt, selbst das Spiel machen zu müssen und presst dort für gewöhnlich höher als in der Champions League. Wenn sie ihre Grundordnung aus dem Benfica-Spiel aber beibehalten, dürfte es auch Momente geben, in denen sie etwas weiter herausschieben und Bayerns Spielaufbau versuchen zu stören.

Das Pressing unter der Lupe

Die Regel wird das aber nicht sein. Gegen Benfica stand man die meiste Zeit recht kompakt in einer 4-5-1-Ausrichtung, die je nach Bedarf und Spielsituation variierte. In der Tiefenverteidigung agierte man eher im 4-5-1. Schob man weiter vor ins Mittelfeldpressing, wurden Shapparenko und Buyalskyi im Zentrum aggressiver und es entstand ein 4-1-4-1, manchmal auch ein 4-4-1-1. Im höheren Mittelfeldpressing mit Tendenzen zum Angirffspressing rückten die nominellen Flügelspieler der Mittelfeldkette zentral ein, um Benficas Dreierkette anzulaufen, wodurch es eher ein 4-3-3 oder gar 4-1-2-3 wurde.

Diese Flexibilität erlaubte es Kyiv, den Gegner immer wieder vor neue Herausforderungen zu stellen und ihn teilweise sogar zu überraschen. Beim Herausschieben ließen sich klare Pressingtrigger erkennen, also Momente, in denen die Mannschaft als Kollektiv aggressiver anlief:

  • Benfica eröffnete auf einen der beiden Flügelverteidiger: Kyiv verschob stark auf den ballnahen Flügel und lief den ballführenden Spieler aggressiv an
  • Benfica eröffnete auf einen sehr breit stehenden Halbverteidiger: Kyivs ballnaher Außenspieler lief aggressiv an, der Außenverteidiger schob nach. Meist aber nur, wenn die Ukrainer schon etwas aufgerückt waren.
  • Benfica eröffnet in den Sechserraum: Die beiden Achter Shaparenko und Buyalskyi attackierten aggressiv.

Bayern wird es also mit einer kompakten und in vielen Phasen tiefstehenden Mannschaft zu tun haben, aber keinesfalls mit einer, die sich passiv ihrem Schicksal ergibt. Teilweise haben sie gegen Benfica einen hohen Druck im Mittelfeldzentrum aufbauen können, der wiederum zu aussichtsreichen Ballgewinnen führte. Allerdings wurden die offensiven Umschaltsituationen zu unpräzise ausgespielt, um ernsthaft gefährlich werden zu können.

Zu viele Angebote für den Gegner

Hohe Aggressivität bedeutet einerseits, dass man den Gegner in Stresssituationen bringt. Sie bringt aber auch die Notwendigkeit mit sich, taktisch diszipliniert zu agieren, um keine Räume zwischen den Linien zu öffnen. So oft das Pressing gegen Benfica seinen Zweck erfüllt hat, aber es gab immer wieder Momente, in denen die Portugiesen zu große Zwischenräume bekamen.

Auf den Außenbahnen löste Benfica es in zwei, drei Situationen sehr clever, indem sie Kyiv ins Pressing lockten und dann im Spiel über den Dritten Wege hinter den gegnerischen Außenverteidiger fanden. Durch das schwache Nachrückverhalten der zentralen Spieler resultierten daraus aber keine nennenswerten Chancen.

Darüber hinaus zeigte sich Benfica im Spielaufbau häufig stabil, wodurch das Pressing der Ukrainer mehrfach ins Leere lief. Gerade wenn die beiden Achter herausrücken, muss der Sechser Sydorchuk viel Raum verteidigen, was dem 30-jährigen Kapitän nicht immer gelingt. Wenn der Ball auf der Außenbahn war und Kyiv den Raum eng machen wollte, gelang es den Gästen zudem zu oft, sich zu befreien und beispielsweise über einen Spieler im Zentrum die Seite zu verlagern.

In der Entscheidungsfindung gegen den Ball haben die Ukrainer ihre Schwächen, weshalb sie ihre ansonsten nur schwer zu knackende Defensivordnung nicht immer halten können. Benfica hat prinzipiell noch zu selten versucht, Spieler mit gegenläufigen Bewegungen aus ihren Positionen zu ziehen, aber sie haben es dennoch hin und wieder geschafft. Hier muss der FC Bayern ansetzen.

Stärken

  • Defensivarbeit
  • Aggressivität
  • Variation im Pressing
  • Umschalten nach hohen Ballgewinnen
  • Technische Qualität einiger Einzelspieler – beispielsweise Shaparenko
  • Viele junge und talentierte Fußballer, die jederzeit für Überraschendes sorgen können

Schwächen

  • Taktische Disziplin
  • Entscheidungsfindung bei der Zuordnung
  • Individuelle Qualität reicht auf diesem Niveau nicht
  • Fehleranfällig im Spielaufbau
  • Lücken hinter der ersten Pressinglinie in höheren Pressingmomenten
  • Anfällig über die Außenbahnen

Typische Spielweise

  • Klare Unterscheidung zwischen Liga (offensiver, höher im Pressing) und Champions League (defensiver) – hier: Fokus auf die Spielweise gegen Benfica
  • 4-5-1-Variationen gegen den Ball
  • Zentrum kompakt halten, außen aggressiv pressen
  • Räume in Ballnähe sehr eng machen
  • Insgesamt mit hoher Aggressivität verteidigen – eher mal nach vorn schieben, als abzuwarten
  • Nach Ballgewinnen keine Ballbesitzsicherung, sondern nach Möglichkeit schnelles und vertikales Spiel
  • Shaparenko als wichtigster Anspielpunkt im Zentrum bei Ballgewinnen außen

Taktische Optionen für den FCB

Mit ihrem dynamischen Bewegungsspiel in der Offensive werden sie sich einige Räume erarbeiten können. Bayerns Grundordnung im Spielaufbau dürfte zudem stabil genug sein, um Kyiv zu locken und anschließend zu überspielen. Ein Beispiel:

Gegen zwei oder drei pressende Gegenspieler agieren die Münchner meist mit einer kompakt aufgestellten 3-2-Staffelung. Nagelsmann präferiert zwar eine 2-3-Staffelung, aber wenn gegnerische Teams hoch pressen ist Über- oder Gleichzahl wichtiger. Gegen Kyiv könnte das so aussehen:

Wenn Upamecano dann auf Hernández eröffnet, kann es passieren, dass Kyiv sich ballfern etwas fallen lässt. Pavard könnte diesen Ablauf womöglich erzwingen, indem er ins Mittelfeld aufrückt. Die Bayern haben das so schon einige Male in dieser Saison praktiziert. Upamecano bietet sich indes für einen direkten Rückpass von Hernández an und zieht seinen Gegenspieler vielleicht noch weiter heraus.

Während Kyiv auf die ballnahe Seite verschiebt, antizipieren Pavard und Müller die Situation und bringen sich in Position für das, was nun folgt: Ein Rückpass auf Upamecano, der schnellstmöglich auf Gnabry verlagert. Weil Pavard den Gegner im Mittelfeld zusammengedrückt hat, öffnet sich der Raum für einen Raumgewinn auf der rechten Seite.

Im Idealfall haben die Bayern nun eine Situation, in der sich Pavard für einen Rückpass wieder freilaufen konnte und die Angreifer in den Zwischenräumen positioniert sind.

Gnabry hat dann gleich mehrere Optionen:

  • Müller tief schicken und seinen Gegenspieler so überlaufen, dass er zwischen den Ketten für einen Rückpass empfänglich ist.
  • Pavard anspielen, der Müller oder Gnabry tief schickt.
  • Selbst ins Eins-gegen-eins gehen.

Wenn sich viele Spieler in den Zwischenräumen befinden, bedeutet das für die Gegenspieler immer, dass sie eine Entscheidung treffen müssen. Je häufiger das in einer Situation gleichzeitig der Fall ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Abwehrspieler einen entscheidenden Fehler macht, weil er einen gefährlichen Raum öffnet. Dass Kyiv trotz der oft stabilen Defensivleistungen dafür anfällig ist, haben sie in einzelnen Situationen gegen Benfica und bei der bisher einzigen Saisonniederlage vor einigen Tagen gegen Donezk (0:3 im Supercup) gezeigt.

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Player to watch: Mykola Shaparenko

Gerade bei in Deutschland eher unbekannte Mannschaften ist es immer interessant, einen Blick auf talentierte Spieler zu werfen, die ihre Zukunft womöglich bald in den Top-5-Ligen Europas haben könnten. Bei Dynamo Kyiv gibt es gleich einige davon. Viktor Tsygankov (23) hat als Rechtsaußen bereits acht Torbeteiligungen in elf Partien gesammelt und der 22-jährige Linksverteidiger Vitaliy Mykolenko ist mit seiner Dynamik im Spiel nach vorn ebenfalls ein Gesicht der jungen ukrainischen Generation.

Hier soll es aber um Mykola Shaparenko gehen. Der 22-Jährige Mittelfeldmann wurde 2018 sogar mal mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Damals hieß es in ukrainischen Medien, dass er auf einer Liste des Rekordmeisters stehen würde. Konkreter wurde es nie. Seitdem hat er sich bei Kyiv weiterentwickelt und ist zu einem wichtigen Stammspieler geworden, der auch schon in der ukrainischen Nationalmannschaft Eindruck hinterließ. Bei der Europameisterschaft stand er in vier von fünf Partien in der Startelf.

Shaparenko ist ein recht kompletter Spielertyp, weil er sowohl gegen den Ball als auch in Ballbesitz wichtige Qualitäten ins Spiel seiner Mannschaft bringt. Er ist einer der ballsichersten Spieler des Teams und kommt fast immer auf eine Passquote jenseits der 85 % – spielt dabei aber nicht nur Sicherheitspässe. Er ist der Dreh- und Angelpunkt, wenn es darum geht, gegnerische Pressinglinien zu knacken.

Zugleich bringt er einen natürlichen Drang nach vorn mit und integriert sich somit stets ins Offensivspiel. Eine Fähigkeit, für die er in der Ukraine aber besonders geschätzt wird, ist sein Zweikampfverhalten. Shaparenko geht mit hoher Aggressivität in die Duelle. Zwar hat er bereits fünf gelbe Karten in acht Pflichtspielen gesammelt, weil er hin und wieder einen Tick zu spät kommt, aber als unfairer Spieler ist er dennoch nicht bekannt. Sein Anlaufverhalten ist meist klug und wichtig, um die Schwächen seiner Mitspieler im Stellungsspiel auszugleichen. Mit erst 22 Jahren zählt er schon zu den Eckpfeilern in Kyiv. Und in Zukunft wird er wohl auf einem anderen Niveau agieren – wenn auch nicht zwingend auf dem des FC Bayern.

Kann Kyiv den bayerischen Traumstart verhindern?

Über die Favoritenrolle muss in dieser Partie nicht großartig diskutiert werden. Allerdings wird es spannend, wie viel sich Kyiv in München zutraut und wie der Rekordmeister der Männer-Bundesliga damit umgeht, wenn dann doch mal zwei oder drei Ukrainer vor den ersten Aufbauspielern auftauchen.

Möglichkeiten wird es vor allem über die Außenbahnen geben, wenn die Bayern es clever anstellen. Bekommen sie es wie gegen Barcelona hin, die Zwischenräume so dynamisch und sauber zu besetzen, steht einem Sieg nur wenig im Weg.

Bevor man sich in München aber zu früh für einen Traumstart in die neue Champions-League-Saison feiert, muss Kyiv erstmal besiegt werden. Was insbesondere dann eine größere Herausforderung werden kann, wenn man dem Gegner durch einfache Abspielfehler so viele Einladungen macht wie zuletzt gegen Fürth oder auch Leipzig.

Anstoß: Mittwochabend um 21:00 Uhr (DAZN)



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