Spätes Torfestival: Bayern serge-ießt den VfB mit 5:0

Justin Trenner 14.12.2021

Beim FC Bayern hatte Julian Nagelsmann mit Personalnot zu kämpfen. Fast das komplette zentrale Mittelfeld fiel in Stuttgart aus, weshalb der Trainer Jamal Musiala und Marc Roca von Beginn an ranließ.

Auf der anderen Seite gab es weniger Überraschungen. Pellegrino Matarazzo schickte eine Fünferkettenformation auf den Platz, die Bayern vor allem im Zentrum beschäftigen sollte.

Falls Ihr es verpasst habt:

In der ersten Halbzeit funktionierte das mal mehr, mal weniger gut. Lange stand es aber 0:0 – und immerhin das sprach für den VfB, der sich die eine oder andere gute offensive Umschaltsituation erarbeiten konnte, diese aber nicht gut ausspielte.

Auch weil die Bayern sich wacher präsentierten und weniger grobe Fehler machten. Bis auf einen leichtfertigen Davies-Ballverlust und eine Situation, in der Coman seinen eigenen Fehler gerade noch korrigieren konnte, bot man dem VfB wenig an. Allerdings musste der Franzose danach vom Platz. Für ihn kam Leroy Sané.

Bayern hatte dementsprechend mehr vom Spiel, aber im letzten Drittel fehlte abermals die Durchschlagskraft. So brauchte es auch einen Konter, den Sané mit seinem Tempo anführte. Ein diagonaler Lauf von Robert Lewandowski brachte Waldemar Anton zu Fall – kein Foul – und Sané nutzte den Raum, um Gnabry zu bedienen. Der wiederum traf sehenswert zur Führung.

2. Halbzeit

Im zweiten Durchgang begann der VfB wiederum gut und schaffte es, die Bayern hinten festzunageln. Wenn sich die Münchner mal befreien konnten, machten sie sofort Tempo, weshalb wieder ein offener Schlagabtausch drohte. Roca und Musiala wurden nun einfach überspielt.

Bayern gewann diese Wette aber. Wieder war es Gnabry, der auf 2:0 erhöhte. Fortan kontrollierten die Roten wieder das Spiel. Nach einem schnell ausgespielten Konter traf Lewandowski zum 3:0 und wenig später grätschte der Pole in eine Flanke zum 4:0. Deckel drauf?

Noch nicht. Auch Gnabry durfte nochmal ran und traf zum 5:0. Stuttgart zeigte jetzt kaum noch ernstzunehmende Gegenwehr und Bayern wechselte im Laufe des zweiten Durchgangs so durch, dass auch sie am Ende das Tempo spürbar rausnahmen. Seit längerem mal wieder ein souveräner Sieg des Rekordmeisters.

Dinge, die auffielen:

1. Roca und Musiala: Viel Licht, etwas Schatten

Wie eingangs erwähnt, musste Julian Nagelsmann umplanen. Neben Joshua Kimmich fielen auch Corentin Tolisso und Leon Goretzka aus. Das führte zu der Konstellation, dass Marc Roca und Jamal Musiala von Beginn an im zentralen Mittelfeld aufliefen. Beide konnten ihre Chance nutzen.

Roca agierte als tiefer Sechser strategisch klug und bewegte sich viel in die Pressinglücken des VfB, wodurch Bayern sich in der ersten Halbzeit viel Ruhe erarbeitete statt wie zuletzt viele Bälle sehr früh herzuschenken. Immer wieder löste er leichte Drucksituationen durch schnelles Aufdrehen. Doch Roca blieb nicht nur in tiefen Zonen auffällig, sondern schob auch gut nach und sicherte damit im Gegenpressing ordentlich ab – und war eine verlässliche Anspielstation für Klatschpässe der sich tief anbietenden Offensivspieler.

Bei Musiala gibt es eigentlich wenig Neues zu berichten. Auch er forderte die Bälle statt sich zu verstecken. Auch er löste viele Drucksituationen mit Bravour auf. Sein Zug zum Tor und seine technischen Qualitäten sind ein großer Gewinn für das Offensivspiel.

Ein kleines „Aber“ gibt es dennoch: Gegen den Ball haben beide in unterschiedlichen Punkten noch Probleme. Bei Musiala ist es offensichtlich: Er arbeitet viel nach Gefühl, versucht die Spielzüge seiner Gegner vorauszuahnen und zockt so in der Defensivarbeit spürbar. Auch weil er körperlich mit den meisten Spielern nicht mithalten kann. Roca hingegen ist manchmal zu aggressiv und verlässt seine Position zu früh. Beiden fehlt Rhythmus, weshalb Kritik immer auch im Kontext der bisherigen Spielzeit gesehen werden muss.

Dennoch: Die lange Umarmung nach seiner Auswechslung sowie das Sonderlob, das Nagelsmann nach eigener Aussage ausnahmsweise in der Kabine verteilte, hatte sich Roca verdient. Vielleicht sieht man ihn jetzt doch häufiger als in den vergangenen Wochen und Monaten.

2. Robert Lewandowski könnte zum Probl … und er trifft!

Hä? Was soll denn diese komische Überschrift? Sie soll das aus Lewandowski-Sicht erneut seltsame Spiel repräsentieren. 68 Minuten lang war er quasi wie abgemeldet. Zwar beteiligte er sich im Mittelfeld immer wieder stark am Spiel seiner Mannschaft, doch gefährliche Abschlüsse gab es kaum. Bekam er dann mal den Ball am gegnerischen Sechzehner, fackelte er dementsprechend nicht lang.

Es wirkte wie ein Rückfall in alte Zeiten. Sowohl gegen Bielefeld, als auch gegen Mainz blieben ihm Tore verwehrt. Hinzu kommt, dass der Pole vor einigen Wochen ein wenig Kritik am System äußerte. Noch sehr vorsichtig, aber durchaus deutlich dahingehend, dass er sich noch an das volle Zentrum gewöhnen müsse.

Gegen Stuttgart lief es wie so oft in dieser Saison: Die großen Chancen hatten andere aus seinem Team, während er außen vor blieb. Und so nutzte er nahezu jede Gelegenheit für Abschlüsse, statt hin und wieder den besser postierten Mitspieler zu sehen. Nach 68 Minuten hätte an dieser Stelle also gewiss gestanden: Lewandowski könnte bald zum Problem werden. Denn auch wenn Körperspracheanalysen in den seltensten Fällen zielführend ist, so ist eine leichte Unzufriedenheit beim Angreifer unverkennbar.

Dann aber traf er. Und traf direkt nochmal. Man könnte fast meinen, dass diese beiden Treffer zum 3:0 und 4:0 für die Bayern wichtiger waren als die drei Punkte und der Gnabry-Hattrick zusammen. In jedem Fall wird weiter beobachtet werden müssen, wie sehr sich Lewandowski an seine veränderte Rolle noch gewöhnen kann.

3. Grundsatzdebatte: Dreier- oder Viererkette?

Es gibt Unterschiede zwischen Texten, die live entstehen und Texten, die erst danach geschrieben werden. Beide haben Vor- und Nachteile. Ein Vorteil des Textes danach? Der Autor kann sich schon mal an den Gedanken aus der Miasanrot-Kurve bedienen – und dabei einen eigenen Gedanken näher ausführen, der ihm schon nach dem Mainz-Spiel mehrfach kam.

Was glaubt ihr? Welche realtaktische Formation stammt aus dem Spiel der Bayern gegen Mainz und welche aus jenem 5:0-Sieg über den VfB Stuttgart?

Beide von SofaScore.

Die Auflösung folgt am Ende. Kleiner Hinweis: Der Kicker hatte gegen Stuttgart eine Viererkette auf dem Papier, während er gegen Mainz eine Dreierkette sah. Und? Hilft der Hinweis? Mir würde er nicht helfen, wenn ich ehrlich bin. Ich hätte zwar eine Tendenz, mehr aber auch nicht. Debatten rund um Dreier- und Viererketten werden oft so geführt, als würden sie Dinge grundlegend verändern.

Fakt ist aber, dass die Bayern in beiden Partien eine ähnliche Grundstruktur in der Abwehr hatten. Davies auf der linken Seite höher als Pavard auf der rechten – einmal etwas mehr, einmal etwas weniger. Im Mittelfeld gibt es schon stärkere Unterschiede. Einmal mit einem klaren Sechser und viel Rotation davor.

Und hier dürfte der Unterschied viel schwerer wiegen als in der Frage danach, ob es nun hinten eine Dreier- oder eine Viererkette war. Bayern hatte zuletzt häufig Probleme damit, die Spieler im Zentrum zu finden und einzubinden. Die Formschwäche Goretzkas, Tolissos langer Weg zurück zur Topform, Sabitzers Probleme – sie alle gaben als alleiniger Sechser kein konstant gutes Bild ab. Die Verteidiger hatten dementsprechend auch Probleme, das Zentrum zu bespielen.

Gegen Stuttgart unterstützten sich Musiala und Roca besser gegenseitig und besetzten Räume, die dem VfB-Pressing wehgetan haben. Der Gegner zog sich relativ schnell zurück und Bayern hatte einen ruhigen Aufbau. Zwar hat Stuttgart auch eine andere Qualität als Mainz oder Dortmund, aber die guten Leistungen der beiden (siehe Punkt 1) haben viel mehr Impact auf das Spiel der Bayern gehabt als die Grundformation im Abwehrbereich.

Zumal auch die vermeintliche Dreierkette der vergangenen Wochen realtaktisch meist eher aussieht wie eine Viererkette. Nach dem 0:5 in Gladbach hat sich Nagelsmann wohl dazu entschieden, dass der Rechtsverteidiger konstant tiefer im Spielaufbau bleibt, wenn der Gegner hoch presst. In der zweiten und dritten Phase stand Pavard aber auch in den vergangenen Wochen schon deutlich höher. Ein entscheidender Aspekt könnte auch sein, dass Davies gegen Stuttgart trotz viel Ballbesitz durchschnittlich tiefer positioniert war als in den Vorwochen. Seine Wege nach hinten waren ebenfalls ein Handicap in manchen Situationen.

Ach ja, die Auflösung: Oben Mainz, unten Stuttgart.



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