Analyse: Massiver Klos vorm Bielefelder Tor

Justin Trenner 29.11.2021

Nach der Partie waren die Münchner prinzipiell zufrieden. Auch wenn es ein knapper 1:0-Sieg war, der durch einen Distanzschuss von Leroy Sané zustande kam, so war die Leistung in einigen Phasen doch ansprechend. Über weite Strecken der Partie kontrollierten die Bayern das Geschehen.

Über 70 Prozent Ballbesitz, 25 zu acht Abschlüsse und auch die Ergebnisse der Expected-Goals-Modelle (beispielsweise 2,5 zu 0,5 bei StatsBomb, oder 2,4 zu 0,38 bei BetweenThePosts) sprechen für sich. Bis auf eine kurze Eingewöhnungszeit zu Beginn und eine hektische Schlussphase der ersten Halbzeit hatte der Rekordmeister die Kontrolle übers Spiel.

Der xG-Plot von BetweenThePosts zeigt: Bayern hatte nicht nur deutlich mehr Abschlüsse, sondern konnte Bielefeld auch in gleich drei längeren Spielphasen komplett daran hindern, einen Ball in Richtung Manuel Neuer zu bringen.

Doch die Zufriedenheit, die die Bayern nach der Partie ausstrahlten, teilten nicht alle Beobachter:innen. Auch gegen Bielefeld tat sich die Mannschaft von Julian Nagelsmann immer mal wieder schwer damit, den kompakten Block des Gegners zu knacken. Dass die Bayern unter ihrem neuen Trainer gern übers Zentrum eröffnen, um im Angriffsdrittel dann das Spiel breit zu machen, hat sich rumgesprochen.

Bielefelds taktischer Plan

Sowohl Augsburg, als auch Kiew und jetzt Bielefeld setzten darauf, das Zentrum noch mehr als ohnehin schon üblich zu verdichten.

Dafür griff die Arminia auf eine Art 4-3-3 zurück. Zunächst ging es darum, mit mindestens fünf Spielern den Zehnerraum der Bayern zu verdichten (dunkelblau markiert), aber auch der Zwischenraum im Mittelfeld des Gegners sollte möglichst klein sein (etwas heller markiert). Damit bezweckte Bielefeld, dass Bayern sehr häufig über die Außenbahnen eröffnete, was eigentlich nicht im Sinne ihrer Spielidee ist.

Bayern will möglichst in diese beiden markierten Bereiche eröffnen, indem sich dort die abkippenden Angreifer (häufig Leroy Sané und Thomas Müller) oder ein vorschiebender Achter (oft Goretzka) anbieten.

Einerseits verschaffen sich die Roten dadurch einige Anspielstationen im Mittelfeld, andererseits sorgen sie dafür, dass die äußeren Mittelfeldspieler oft den Weg mit ins Zentrum gehen. Das öffnet dann den Halbraum für einen anderen Bayern-Spieler oder es ermöglicht eine Verlagerung auf die schnellen Außenbahnspieler, die dann tendenziell ins Eins-gegen-eins gehen können.

Bielefeld aber konterte die Bewegungen clever über die äußeren Angreifer des 4-3-3. Immer wieder antizipierten sie das Passspiel des Gegners gut und rückten rechtzeitig nach hinten, um den Raum vor der Viererkette breiter zu verteidigen. Entweder dann im 4-4-2 oder gar im 4-5-1.

Einbindung der Offensive ist nicht immer gut

Bayerns Passverbindungen bestätigen prinzipiell, dass Bielefeld das über weite Strecken gut gelöst hat:

Die Passmap von BetweenThePosts.

Denn gerade die Verbindungen in die Offensive sind durchaus ausbaufähig. Zwar fanden die Bayern immer wieder ihre Achter im Spielaufbau, doch von dort ging der Ball in den überwiegenden Fällen wieder nach hinten oder zur Seite. Neben Kimmichs individueller Klasse schien es den Bayern an Präzision und teilweise auch an Abläufen zu mangeln.

Wenn ein Gegner so eng verteidigt wie Bielefeld, ist es zwangsläufig eine logische Konsequenz, dass Bayern viel über die Flügel spielt und spielen muss. Flügelspiel wiederum führt in vielen Fällen automatisch zu Flanken. Dass eine Flanke für sich genommen rein statistisch kein gutes Mittel ist, um Tore zu erzielen, ist da erstmal zweitrangig. Durch Flanken kann man schnellen Druck auf den Gegner erzeugen, indem man den Strafraum und auch den Bereich vorm Strafraum gut besetzt.

Bayern gelang das aber nicht oft genug. Im Strafraum selbst gab es nur selten Abnehmer, weil die Staffelung selten so wirkte, als sei man auf die Flanke vorbereitet gewesen. Von 33 Hereingaben kamen immerhin zehn an, aber gefährlich wurde es meist nur, wenn der Zufall mitspielte. Und auch bei zweiten Bällen war man nicht immer optimal positioniert. Bielefeld hatte hin und wieder nach Bayern-Flanken die Gelegenheit, Konter einzuleiten, aber ihnen fehlte schlicht die Qualität. Meist suchte man sein Glück mit langen Bällen von Ortega auf Klos, der dann auf nachrückende Mitspieler ablegen sollte.

Passmap von BetweenThePosts.

Die beste Chance der Bayern entstand im Zentrum – und das Tor auch

Es ist fast schon bezeichnend, dass Bayern seine beste Chance kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit nach einem der seltenen Angriffe durchs Zentrum hatte.

Lewandowski bindet im letzten Drittel die beiden Innenverteidiger, während Coman (Rechtsaußen) den Außenverteidiger und zwischenzeitlichen Gegenspieler von Müller bindet. Der erkennt das Andribbeln von Upamecano und bietet sich zwischen den Linien an.

Plötzlich geht es ganz schnell und über den nachrückenden Tolisso steht Sané, der den Raum zwischen Innen- und Außenverteidiger nutzen kann, alleine vor Ortega. Der wiederum reagiert gut, kommt schnell heraus und verkürzt so den Winkel, weshalb letztendlich kein Tor daraus entsteht. Doch Sané konnte dafür später noch jubeln. Auch bei seinem sehenswerten Treffer zum 1:0-Endstand kombinierten sich die Bayern gut durch die Mitte, ehe Sané den Ball in den Winkel schlenzte.

Das ist das Spiel, was die Bayern anpeilen. Zwischen die Linien kommen und dann entweder direkt tief durchstecken, oder nochmal auf die nun freieren Außenbahnen verlagern. In den letzten Wochen sind derartige Spielzüge jedoch seltener geworden.

Was ist mit Robert Lewandowski los?

Gleichermaßen zeigt dieser Spielzug aber ein weiteres Problem der Bayern: Robert Lewandowski ist nicht gut eingebunden. Mit 28 Ballkontakten war er mit großem Abstand der am wenigsten in Szene gesetzte Offensivspieler der Münchner. Seine insgesamt vier Abschlüsse resultierten entweder aus schwer zu nehmenden Flanken oder aus Einzelaktionen.

Lewandowski ließ zuletzt mal durchblicken, dass es für ihn selbstverständlich eine veränderte Situation sei, weil nun mehr Spieler im Zentrum um ihn herum positioniert sind. „Wenn man mit sechs Offensivspielern spielt und die Gegner sehr defensiv sind, ist das für einen Stürmer nicht leicht“, so der Pole.

Und dann wurde er sogar etwas kritisch gegenüber Nagelsmann: „Ich habe eine Weile gebraucht, um einen Platz zu finden und den Ball zu bekommen. Selbst wenn ich ihn bekomme, ist es immer noch zu voll vorne.“ Während Sané also durchaus als großer Profiteur der veränderten Ausrichtung bezeichnet werden kann, muss Lewandowski sich nach wie vor noch zurechtfinden. Die große Frage für die Zukunft wird sein, ob er das schafft, oder ob es hier tatsächlich Konfliktpotential mit dem Trainer gibt.

Einordnung statt Meckermodus

Bei aller Kritik am Auftritt der Bayern gegen Bielefeld muss dennoch auch Einordnung ihren Platz finden. Pro Saison haben die Münchner je nach Erfolg um die 50 Pflichtspiele – plus Länderspiele. Wenn jetzt in der aktuellen Phase also Kritik an der Spielweise der Bayern erfolgt, dann ist diese einerseits je nach Ton und Inhalt womöglich berechtigt, aber zugleich muss die Frage erlaubt sein, was die Erwartungshaltung ist.

Zumindest beim FC Bayern ist die Antwort recht klar: Alles gewinnen und dabei attraktiven Fußball spielen. Aber auch die Münchner haben ihre physischen und auch mentalen Grenzen. In den letzten Wochen ist einiges auf und neben dem Platz passiert, was die Dynamik des Saisonstarts erstmal abflachen ließ. Beginnend mit dem bis heute schwer zu erklärenden 0:5 in Gladbach, über die Impfdebatte um Joshua Kimmich und die Ausfälle der ungeimpften Spieler in Quarantäne, bis hin zur Jahreshauptversammlung und all ihren Nebengeräuschen – so sehr dieses Team für seine mentale Stärke auch zurecht gelobt wird, all das geht auch am FC Bayern nicht spurlos vorbei.

Insbesondere für die ersten 13 oder 14 Spieler des Kaders ist die Belastung zuletzt enorm gewesen. Viele englische Wochen, in denen Nagelsmann entweder nicht rotieren wollte, weil er den Rhythmus behalten wollte, oder nicht rotieren konnte, weil wichtige Rotationsspieler ausfielen.

Droht in Dortmund die Krise?

Ausreden sind an der Säbener Straße ungern gesehen und werden vom Klub selbst aktuell auch gar nicht angeführt. Nachvollziehbar ist es dennoch, dass es auch beim FC Bayern Phasen innerhalb einer Saison gibt, die nicht so leicht von der Hand gehen, wie man sich das wünscht. Das gab es unter Louis van Gaal, das gab es unter Jupp Heynckes. Auch unter Pep Guardiola und Hansi Flick gab es Wochen, in denen sich die Bayern schwer taten.

Ob ein Trainer oder eine Mannschaft als Ganzes am Ende der Saison erfolgreich ist, resultiert immer auch aus dem Umgang mit diesen Phasen und wie schnell man in der Lage ist, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Am kommenden Wochenende geht es für den FC Bayern nach Dortmund zum Spitzenspiel. Nicht nur wegen der Tabellenkonstellation gilt es dort eine Niederlage unbedingt zu vermeiden. Denn bei allem Verständnis, das das Umfeld der Münchner aufbringen kann: Bei Niederlagen gegen den BVB hört jegliche Geduld auf. Trotz der Distanz, die zwischen beiden Klubs sowohl geografisch, als auch finanziell und sportlich vorhanden ist, hat das Duell nach wie vor dieses besondere Prestige.

In den vergangenen Jahren haben die Bayern immer gut ausgesehen gegen Dortmund. Selbst in den benannten schwächeren Phasen gelang es ihnen oft, eine Leistung abzurufen, die so nicht immer erwartbar war. Und so ist das auch am kommenden Wochenende wieder die Erwartungshaltung.

Gelingt das nicht, wird die jetzt schon nicht optimale Situation für Julian Nagelsmann vielleicht erstmals richtig unangenehm. Denn von Begründungen, die in München eben doch nur als Ausreden betitelt werden, will dann keiner mehr etwas wissen. Und vielleicht erklärt das diesen Klub und seinen vermeintlichen Mythos ganz gut. Ein dominantes 1:0 gegen Bielefeld wird in München ganz schnell mal als weiteres Zeichen einer kleinen Krise gedeutet. Während 17 andere Bundesligisten mit der Stirn runzeln, sehen viele Bayern-Fans genau das als eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Manchmal wäre Einordnung aber dann doch ganz gut.



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