Ausrutscher oder mehr?

Es war erst die siebte Pflichtspielniederlage des FC Bayern unter Pep Guardiola. Es gab darunter gewiss Misserfolge, die schnell abgehakt werden konnten, wie die späten Niederlagen in der Bundesliga-Saison 2013/2014 nach gewonnener Meisterschaft oder die eher absurden Spielverläufe gegen Manchester City. Das 1:4 (0:2) gegen Wolfsburg ist kein Spiel zum schnell beiseite schieben. Zu klar war der Sieg der Hausherren. Zu unterlegen waren die bis dato in der Liga ungeschlagenen Münchner. Auch der Hinweis auf vielleicht drei, vier Prozent, die am Freitag-Abend zum Auftakt in die Rückrunde gefehlt hatten, greift zu kurz. Wolfsburg lief zwar 3,6 Kilometer mehr. Alle anderen Statistiken, die auf eine Schlendrian-Theorie hinweisen würden, dominierten aber die Bayern. Mehr Sprints (230/220), mehr intensive Läufe (702/694), eine deutlich höhere Passquote (84%/74%) und am Ende auch eine leicht positive Zweikampfbilanz (50,4%) sind deutliche Indikatoren, dass es nicht an einer mangelnden Einstellung lag. Ein Grund mehr die deutliche Niederlage nicht einfach als Ausrutscher abzutun.

Heckings Defensivkonzept greift

In der Regel wurde die Guardiola-Elf in der Vergangenheit mit zwei Defensivkonzepten konfrontiert. Es gibt die Teams wie Dortmund oder Augsburg, die ihr Glück in einem sehr hohen Pressing versuchten und Bayern weit in der eigenen Hälfte attackierte. Und es gab eine große Anzahl von Teams, die sich schnell weit an den eigenen Strafraum zurückzogen und so versuchten die Räume in Tornähe extrem zu verengen. So richtig erfolgreich war in der jüngeren Vergangenheit keine der beiden Varianten. Hecking probierte mit seinen Wolfsburgern etwas neues. Er beließ es bei einem 4-4-2 Mittelfeldpressing und ließ die Guardiola-Elf bis zur Mittelllinie meist mehr oder weniger gewähren.

Er machte aber nicht den Fehler seine eigene Viererkette gleichzeitig weit bis zum eigenen Strafraum zurück zu ziehen. Die Mannen um Naldo standen meist nur etwas 20-25 Meter hinter der vorderen Pressingreihe, beziehungsweise 25-30 Meter vor dem eigenen Tor. So entstand ein nur 20-30 Meter langes Rechteck in dem sich alle 20 Feldspieler aufhielten was die Räume gerade im Zentrum unglaublich verengte. Wolfsburg gelang es so die für Bayerns Spiel so wichtigen Halbräume zum Beispiel im 8er-Bereich fast völlig zu eliminieren. Bayern fand dagegen lange kein Mittel auch weil Alaba dem Spiel nicht genügend Breite gab, selbst immer wieder in die Mitte zog und den Raum noch mehr verengte. Der übliche Aufbau der Münchner durch die Mitte und dann über die 8er-Positionen nach Außen, stockte schon im Ansatz. Auch Alonso zeigte deutliche Schwächen bei der Entscheidungsfindung in engen Räumen und unter Druck.

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Das Schaubild zeigt sehr deutlich wie viele Bälle die Bayern von der Mittellinie aus ins vordere Spielfelddrittel spielen mussten und wie ungenau sie dabei agierten. Im Prinzip ist der Ansatz mit Diagonalbällen in den Rücken der Viererkette gar nicht mal schlecht, weil diese so automatisch gezwungen wird weiter nach hinten zu rücken. Erfolgreich ist das aber nur, wenn auf der Empfängerseite eines Diagonalballs Überzahlsituationen hergestellt werden können, um mögliche zweite Bälle zu erobern. Weil sowohl Rode als auch Bernat aber über weite Strecken durch die lauernden Perisic, Caligiuri und De Bruyne gebunden waren, gelang das nur selten. Wolfsburg hielt Bayern so über weite Strecken der Partie vom Strafraum weg, wie auch eine Übersicht über die eroberten und aufgesammelten Bälle zeigt. Meistens war 18-20 Meter vor dem Tor Schluss. Vor allem die rechte und halbrechte Wolfsburger Abwehrseite gewann hier in Person von Vierinha und Gustavo immer wieder den Ball.

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Guardiola wird Lösungen finden müssen, falls es mehr Teams mit der Mischung aus Mittelfeldpressing und hoher Viererkette probieren. Schnellere Kombinationen, Flügelüberladungen und auch mehr Geduld im Aufbau sind hier mögliche Ansätze. Die Selbstverständlichkeit mit der Guardiolas Mannen noch in der Hinrunde reihenweise Gegner durch automatisierte Passstaffetten und Laufwege zerlegt haben, ist jedenfalls erst einmal weg und muss neu erarbeitet werden.

Konterabsicherung mangelhaft

Das zweite auffällige Problem am Freitag-Abend war eindeutig die Konterverteidigung. Bayerns Gegenpressing war auf der einen Seite extrem riskant und beinahe wild, wie vor dem 3:0, als de Bruyne noch in der Hälfte der Wolfsburger mit zwei Metern Vorsprung auf die Bayern-Innenverteidigung in Richtung Neuer starten durfte. Auf der anderen Seite aber auch relativ zahnlos. Die Bedenken, die hier zum Duo Alonso/Schweinsteiger geäußert wurden, haben sich zumindest gegen Wolfsburg bestätigt. Auch wenn Schweinsteiger mit 15 gewonnen Zweikämpfen individuell eine ordentliche Defensivleistung zeigte, hatten beide große Probleme die Gegenstöße der Wolfsburger zu unterbinden. Dass Alaba nach längerer Verletzung sichtlich der Rhythmus fehlte, kam erschwerend hinzu. Spätestens wenn es zum Laufduell kam, fällt es Alonso und auch Schweinsteiger schwer einen Ballgewinn durch Ablaufen zu erzwingen. Kommt es dazu, ist es ohnehin meist schon zu spät und die Viererkette muss Dinge ausbügeln. Das defensiv stabilisierende Element eines Philipp Lahms wurde hier durchaus vermisst. Bayern machte es den Wolfsburgern gerade vor den Toren 3 und 4 viel zu einfach.

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Dante wurde nach der Partie zurecht für seine schwache Leistung kritisiert. Wenn er allerdings zwei Mal in ein 40 Meter Mann gegen Mann Laufduell gegen De Bruyne geschickt wird, dann stimmt etwas strukturelles bei der Konterabsicherung nicht. Hier besteht durchaus Grund zur Hoffnung, dass dies sehr schnell abgestellt werden kann. Die Abstimmung zwischen dem nicht gerade eingespielten Mittelfeldzentrum und der Innenverteidigung wird sich verbessern. Bayern kassierte in der Hinrunde nur vier Tore in der Liga und hat gerade im Bereich der Konterverteidigung enorme Fortschritte gemacht. Daran gilt es anzuknüpfen und im Zweifel auch ein wenig Risiko im Gegenpressing herauszunehmen bis die Automatismen wieder stimmen. Die potenziellen Schwächen der Kombination Alonso/Schweinsteiger sind bekannt. Bayern wird zumindest in naher Zukunft damit leben und Wege finden müssen diese so gut es geht zu verstecken.

Die Analyse zeigt: Es waren durchaus handfeste strukturelle Probleme, die zu einer auch in der Höhe verdienten Niederlage gegen einen Gegner führten, bei dem zugegebenermaßen so gut wie alles zusammenpasste. Ob das ein Ausrutscher war oder sich diese Probleme verstetigen, wird sich schon in den kommenden zwei Spielen innerhalb von einer Woche zeigen. Spieler und Verantwortliche sind gut beraten diese deutliche Niederlage sehr ernst zu nehmen ohne dabei in Hektik zu verfallen. Die entscheidenden Probleme waren klar erkennbar und können entsprechend angegangen und bearbeitet werden. Es liegt nun einiges an Feinarbeit vor Guardiola und seinem Team.

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Leserkommentare
  1. Nix Ausrutscher! Ich fand sie haben Guardiolas Anweisungen perfekt umgesetzt “Jungs wir müssen wieder mehr Spannung in die Bundesliga bringen… unsere treuen Fans langweilen sich nämlich schon!”… also ich werde die nächsten Spiele sicherlich genießen und mir mal zur Abwechslung nicht nebenbei die Nägel lackieren :-)

  2. Pachinko

    Dachte eigentlich dass der Pep nach den starken Spielen gegen starke Kontermannschaften in der Vorrunde dazugelernt hätte. Wieso spielt man gegen solche Mannschaften nicht passiver und lässt sie mal kommen, so wie z.b im Pokalfinale. Klar haben die Spieler gestern einen schlechten Tag erwischt aber wir hätten es auch verloren, wenn wir einen guten Tag hätten. Pep hat den Kader um mehrere Systeme zu spielen und das muss er auch nutzen. Bin mal auf die Reaktion gegen Schalke gespannt.

  3. DasDing

    Mittelfeldpressing im 4-4-2 bei gleichzeitig hoher Abwehrkette zur Raumverengung…ich weiß es ist mittlerweile ausgelutscht, aber erinnert das nicht deutlich an Heynckes’ Konzept gegen Barcelona? (So eine Niederlage darf es natürlich trotzdem nicht geben, der Gegner hieß nicht Real und auch nicht Bayern 2013)

  4. Nullachtneuner

    Wolfsburg hat es geschafft, durch eine extrem ruppige Spielweise hart an der Grenze zur Unfairness die Bayern nicht in Spielfluss kommen zu lassen. Und sie haben ihre Tore eiskalt und mit ein wenig Glück zum richtigen Zeitpunkt gemacht. Es war spürbar, dass sich die Roten nicht von der heckinschen Hektik anstecken lassen wollten. Das endete aber mangels Pass-Sicherheit leider nicht in souveräner Gelassenheit, sondern in teilweise pomadigem Zweikampfverhalten. Bin auf Dienstag gespannt.

  5. Enigma

    Ausrutscher.

    Mischung aus einer starken, emotionalen Leistung von Wolfsburg und fehlgeschlagenen Experimenten.

    Alaba als LA halte ich für verheizte Qualität und 2 ‘Sitter’ im Mittelfeld mit Alonso-Schweinsteiger wird gegen gute Gegner nicht funktionieren.

    Mir gefällt auf alle Fälle die Alternativlosigkeit bzw. Abhängigkeit vom Dominanzfußball nicht. Wenn man 0-2 zur Pause hintenliegt, wenig bis gar keine Chance herausgespielt hat, gleichzeitig aber in mehrere gefährliche Konter gelaufen ist, kann man Änderung von Tempo, Tiefe usw. zumindest in Betracht ziehen.

    Wenn man meint das man Auswärts immer Hurra-Fußball spielen muss, kann es schwer werden gegen Real, Chelsea und Co.

  6. Jo

    Sehr schöne, unaufgeregte Analyse. Kein Alarmismus, sondern an den Fakten orientiert.
    Wenn man das so angeht, und das traue ich unseren Verantwortlichen durchaus zu, können große Niederlagen der Schlüssel für große Siege sein.
    Ich denke mal an Lyon 2001 mit bekanntem Ende (-;

    Zum Thema Konterabsicherung: Das beginnt (vor allem bei Pep) ja schon bei unserem eigenen Ballbesitz- und Positionsspiel und nicht erst beim letzten Pass des Gegners. Wenn wir dieses Spiel durchdrücken können, fällt es allen Mannschaften extrem schwer einen Konteransatz überhaupt zu finden. Das uns dies nicht gelang, daran sind wir letztlich gescheitert. Deshalb auch danke für den sachlichen Hinweis auf Dantes Rolle hier im Beitrag.
    Was immer man jetzt auch von ihm halten mag, seine individuelle Rolle war sicherlich nicht ausschlaggebend.

    Ich möchte noch auf einen Punkt aufmerksam machen, der mir allmählich etwas im Magen liegt, aber überraschenderweise nirgends eine Rolle zu spielen scheint.
    Wir haben irgendwie eine gefährliche Verwundbarkeit bei gegnerischen Standards entwickelt. Das fällt vielleicht nicht so auf, weil die meisten Gegner kaum solche Situationen gegen uns erspielen. Wenn sie es dann tun rücken vorsichtshalber nur eine Handvoll Leute auf, die man leicht kontrollieren kann.
    Aber sobald wir auf starke Mannschaften treffen, die ihre Chancen auch so suchen, entwickelt sich für mich allmählich ein Muster.
    Beispiele: Manchester, Real, Pokalendspiel (ja genau da war was), Schalke und jetzt Wolfsburg.
    In Anbetracht der wenigen Tore die wir in den letzten Monaten überhaupt kassiert haben, ein hoher und tatsächlich bzw. potentiell entscheidender Faktor.
    Hier sollte sich der Trainerstab mal den einen oder anderen Gedanken machen.

  7. […] offenbarte bereits abgestellte Schwachstellen, wie unser Spielbericht zeigt. Unter der Frage »Ausrutscher oder mehr?« analysieren wir außerdem Feinheiten im Spiel und blicken auf die […]

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