Marie-Louise Eta (Union Berlin) lächelt auf dem Trainingsplatz.
Bild: Reinaldo Coddou H./Getty Images

Marie-Louise Eta ist kein Sozialexperiment – ein Kommentar

Justin 14.04.2026



Marie-Louise Eta ruft Anweisungen über einen Fußballplatz. Das ist ihr Job. Als Fußballtrainerin muss sie ihren Spielerinnen oder Spielern erklären, was sie gut machen und was noch verbessert werden kann. Sie muss Trainings leiten und coachen.

Diesen Job übt sie nun in der Männer-Bundesliga aus. Bei Union Berlin ist sie die erste Frau, die jemals in der höchsten Spielklasse des Männerfußballs als Cheftrainerin tätig ist. Es ist nachvollziehbar, dass diese Nachricht zu einer Welle an Berichten führt und dass sich Medien auf sie stürzen.

Denn natürlich wäre es auch nicht richtig, den Fakt zu ignorieren, dass sie Geschichte schreibt. Da geht es auch um Sichtbarkeit und darum, Mädchen und Frauen zu zeigen, was möglich ist. „Es ist auf jeden Fall schön zu sehen, dass uns diese Chancen offenstehen“, erklärte Nationalspielerin Sjoeke Nüsken im Rahmen der aktuellen Länderspielpause dazu.

Was allerdings Teil des Gesamtproblems ist, ist die Art und Weise, wie vielerorts über Eta berichtet wird. Als wäre sie ein Sozialexperiment. Als gehe es nun darum, ihre Verhaltensweisen zu erforschen und zu beobachten, wie sie sich von Männern unterscheidet. Eine neuentdeckte Spezies, die nun besondere Beobachtung erfährt.

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Frauen müssen im Fußball mehr leisten, um erfolgreich zu sein

„An Lautstärke mangelt es ihr schon mal nicht“, stellt ein Mitarbeiter des kicker in einem Video fest, in dem Eta über den Platz ruft. Muss man sich diesen Mitarbeiter nun in Kittel an einem Tisch hinter einer Scheibe in Berlin-Köpenick vorstellen? Mit einem Notizblock vor sich und einem Protokoll?

Weder er, noch der kicker meinen das in irgendeiner Form negativ. Das ist wichtig hervorzuheben. Hier geht es vor allem darum, erste Eindrücke zu teilen. Und doch ist es eine Sonderbetrachtung und eine Art der Analyse, die bei Männern so nicht stattfindet.

Warum ist es wichtig, ob jemand laut ist? Warum muss sich Eta daran messen lassen, welche Stimmlage sie auf dem Fußballplatz erreicht? Frauen erleben das tagtäglich. Sie werden mit Bewertungsmaßstäben konfrontiert, die unfair sind und die von ihren eigentlichen Kompetenzen ablenken. Bewertungsmaßstäbe, die gesellschaftlich erlernt sind.

Wo auch immer eine Frau in einem Bereich erfolgreich ist, der von Männern dominiert wird, muss sie in aller Regel deutlich mehr leisten und sich mit Kritik konfrontiert sehen, die mit ihren wirklich wichtigen Fähigkeiten nicht viel zu tun hat. Kommentatorinnen werden ständig dafür angefeindet, dass ihre Stimme vermeintlich zu hoch, zu nervig oder zu anstrengend sei.

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Einige Kommentare von Männern behaupten nun dasselbe anhand von kleinen Trainingsschnipseln, die sie bei Instagram gesehen haben. Bei männlichen Kollegen kommt das auch manchmal vor, wenn ein Trainer wie Julian Nagelsmann eine besonders hohe Stimme hat. Doch deutlich seltener und auch anders artikuliert.

Marie-Louise Eta: Lasst uns über Strukturen sprechen

Es wäre gut, wenn wir dieses historische Ereignis dafür nutzen würden, den Strukturen eine Bühne zu geben, die das alles überhaupt im Jahr 2026 zu einem historischen Ereignis machen. Jetzt wäre der Zeitpunkt da, um den DFB zu fragen, warum es in der Ausbildung derartige Ungleichheiten gibt? Warum es für Frauen schwerer ist, den Weg nach ganz oben anzutreten, als für den 0-8-15-Thomas, der seine Connections im Profifußball der Männer hat?

Die Antworten sind bekannt, aber was der DFB konkret tut, um mehr Chancengleichheit herzustellen, ist weniger bekannt. Lasst uns doch gerade jetzt darüber sprechen, wie Carearbeit und teils immer noch veraltete Rollenbilder unsere Gesellschaft prägen und dazu führen, dass mentale Last ungleich verteilt ist. Oder lasst uns gerade jetzt über den Gender Pay Gap sprechen, der dazu führt, dass finanzielle Hürden für Frauen deutlich schwerer zu bewältigen sind als für Männer.

Oder wir sprechen darüber, warum reflexartig immer wieder die Frage kommt, welche Frauen es denn überhaupt im Profifußball gibt? Warum Männern trotz Existenz von vielen kompetenten Frauen offenbar immer nur dieselben zwei Namen einfallen und warum über die, die es verdient hätten, viel zu wenig berichtet wird? Das sind Fragen, die jetzt gestellt werden sollten.

Oder lasst uns darüber sprechen, warum männliche Trainer wie Markus Anfang, der nicht nur sportlich immer weniger Argumente liefert, sondern auch während der Corona-Hochphase mit einem gefälschten Impfpass, Betrug und Lügen auf sich aufmerksam machte, immer und immer wieder eine Chance bekommt, während kompetentes Personal – darunter auch zahlreiche Frauen – auf exakt diese Chance wartet.

Eta macht ihren Job – that’s it

Lasst uns über Ausbildungsstrukturen sprechen oder darüber, wie man die Hürden aus dem Weg räumen kann, die Frauen auf dem Weg in die Bundesliga oder generell in diesem Business haben. Aber lasst uns doch bitte nicht jede Handlung, jeden Satz und jedes Training so durchanalysieren, als würde ein außerirdisches Wesen auf dem Fußballplatz stehen.

Eta macht einfach nur ihren Job. Und den hat sie in der Vergangenheit so gut gemacht, dass sie in einem Bereich eine Chance bekommt, in dem die meisten Frauen diese Chancen nicht erhalten. Das spricht für sie und ihre Kompetenz. Wie mit dieser Nachricht umgegangen wird und dass diese Nachricht überhaupt so besonders ist, spricht hingegen nicht für die dahinterliegenden Strukturen.

Exakt jetzt ist die beste Chance da, um diese zu hinterfragen, statt Beobachtungen darüber anzustellen, wie laut Eta sein kann oder wie sie sich auf dem Platz bewegt. Jetzt ist die beste Chance, um unsere Bewertungsmaßstäbe zu hinterfragen. Ob wir Eta fair bewerten, oder ob uns dieser übertriebene Fokus darauf, dass sie eine Frau ist, nicht doch in unserer Sichtweise beeinflusst. Eta ist Fußballtrainerin. Sie macht ihren Job. Also packt die Notizblöcke und Forschungsberichte wieder ein.

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