FC Bayern München: Nur noch ein kleiner Schritt zur Meisterschaft für die Frauen

Justin Trenner 28.05.2023

„Wenn wir in unserer Entwicklung weit genug fortgeschritten sind, werden wir nicht nur attraktiv spielen, sondern auch konstanter bessere Resultate einfahren“, kündigte Alexander Straus im November an, als er mit Miasanrot.de über seine Vision beim FC Bayern sprach.

In der Bundesliga lag sein Team damals mit fünf Punkten Rückstand auf dem dritten Platz. Es deutete sich ein Vierkampf mit Eintracht Frankfurt, der TSG Hoffenheim und dem SC Freiburg um die Vizemeisterschaft an, während der VfL Wolfsburg fehlerfrei an der Spitze davonlief. Ein Remis zum Saisonauftakt in Frankfurt sowie die unglückliche 1:2-Niederlage in Wolfsburg schienen das Schicksal der Bayern zu besiegeln: Mehr als der zweite Platz ist wohl nicht drin.

Einige Monate, 15 Siege und ein Unentschieden später stehen die Münchnerinnen vor dem Gewinn des fünften Meistertitels in der Geschichte der Frauenabteilung. Die Prognose von Straus, dass man in der Zukunft deutlich besser sein würde als man es in den ersten Wochen der Saison noch war, hat sich bewahrheitet. Von einem „großen Prozess“ sprach der Norweger immer wieder. Ein Prozess, der nun erstmals mit Silberware belohnt werden könnte.

FC Bayern Frauen: Ein vermeintlich einfacher Schritt zum Titel

Noch ein Schritt ist zu gehen. Und dieser Schritt könnte auf dem Papier kaum einfacher sein. Turbine Potsdam kommt nach München. Die Brandenburgerinnen haben sich mit zwei Siegen und zwei Unentschieden längst aus der Liga verabschiedet. Im Hinspiel gewannen die Bayern relativ locker mit 3:0.

Für den Meistertitel braucht es höchstwahrscheinlich einen erneuten Sieg. Zwar beträgt der Vorsprung auf den VfL zwei Punkte, doch das Torverhältnis ist deutlich schlechter. Erfüllt Wolfsburg also seine Pflichtaufgabe gegen den SC Freiburg, müssen die Bayern gewinnen.

Der größte Gegner, das deutete sich vergangene Woche gegen Leverkusen bereits an, sind sie selbst. Vor allem die mentale Leistung wird im Vordergrund stehen, haben sie seit einigen Wochen doch plötzlich etwas zu verlieren. Denn auch wenn nach Infirmationen von Miasanrot.de in der Saisonplanung Titel nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben und man sich vor dem letzten Spieltag deutlich weiter sieht, als gedacht, so würde der Verlust der Meisterschaft auf der Zielgeraden den Blick auf die Saison massiv trüben.

FC Bayern Frauen: Die Entwicklung belohnen

Außerdem würde der Gewinn der Bundesliga eine großartige Bestätigung für die durchlaufene Entwicklung in den vergangenen Monaten sein. Straus hat in München einen dominanteren, ballbesitzorientierteren Fußball etabliert. Das Spieltempo ist zugunsten von Kontrolle gesunken, die Positionierung auf dem Feld ist engmaschiger geworden.

„Wenn viele Spielerinnen in der Breite positioniert sind, vielleicht sogar auf beiden Seiten gleichzeitig, hast du größere Abstände bei Ballverlusten und musst dich meiner Erfahrung nach sofort zurückziehen, um die Räume in der Defensive zu schließen“, erklärte der Norweger damals bei Miasanrot.de. Die Bayern haben laut The Analyst mit 3,94 Pässen und 10,41 Sekunden pro Sequenz jeweils die mit Abstand höchsten Werte der Liga. Auch bei den Angriffen mit zehn oder mehr Pässen, die in einem Schuss oder mindestens mit einem Kontakt im gegnerischen Strafraum enden, stehen sie auf dem ersten Platz (66) vor Wolfsburg (48).

Die Wölfinnen setzen wiederum lieber auf ihr Direktspiel, greifen mit deutlich höherem Tempo an. Der Unterschied dieser beiden Ansätze wurde auch in den direkten Duellen deutlich, in denen Bayern vor allem im Rückspiel, aber auch phasenweise schon im Hinspiel viel Ballbesitz und Kontrolle hatte.

FC Bayern Frauen: Viele Highlights, ein paar Baustellen

„Wir wollen die Kontrolle über die zentralen Korridore haben und dementsprechend haben wir dort auch die meisten Spielerinnen“, erklärte Straus damals. Viele Angriffe des FC Bayern werden über die Halbräume initiiert. Überladung der letzten Linie, Steil-Klatsch-Kombinationen, um von der Außenbahn den Weg nach innen zu finden und Positionswechsel waren wiederkehrende taktische Elemente in dieser Saison.

Beim Rückspiel gegen den VfL Wolfsburg (1:0), in der Champions League gegen den FC Barcelona (3:1) oder auch beim 8:2 gegen den SC Freiburg war das besonders gut zu sehen. Gleichwohl ist das Spiel in den letzten Wochen wieder etwas simpler geworden. Als in der vergangenen Woche kein Tor in Leverkusen gelingen wollte, schlug man eine hohe Flanke nach der anderen in den Strafraum. Gerade im ersten Durchgang fehlte es an Tempo. Seitenwechsel wurden zu langsam vollzogen und es gab kaum Angebote in der Tiefe.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. An erster Stelle steht die Belastung, die in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Bayern musste mit Giulia Gwinn, Hanna Glas (Hinrunde) und Karólina Lea Villhjálmsdóttir fehlten über weite Strecken der Saison. Hinzu kamen immer wieder Ausfälle von Sydney Lohmann, Tainara, Linda Dallmann oder Carolin Simon.

Zeitweise musste Straus in der Defensive improvisieren und trotzdem haben die Bayern es geschafft, die mit Abstand beste Defensive zu stellen. Nur sieben Gegentore kassierten sie in der Bundesliga. 10,4 expected Goals against sind deutlicher Bestwert vor Wolfsburg (14,4). Stabilität durch Ballbesitz ging zumindest in der Liga voll auf.

15-mal spielte Mala Grohs zu Null. Die Torhüterin wird ihren Stammplatz im Tor behalten, nachdem sie sich gegen Laura Benkarth durchsetzte. Letztere wird den Klub am Ende der Saison verlassen. Dennoch wird sich die 21-Jährige noch deutlich steigern müssen, um langfristig eine Ära im Tor der Bayern prägen zu können. Gerade bei hohen Bällen und in der Strafraumbeherrschung hat Grohs noch zu große Probleme.

FC Bayern Frauen: Eine starke Ausgangslage

Natürlich war diese Saison auch insgesamt keine kontinuierliche Weiterentwicklung, sondern ein typischer Prozess mit Höhen und Tiefen. Im Viertelfinale der Champions League bekam man vom FC Arsenal ebenso die Grenzen aufgezeigt wie im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Wolfsburg. Auch der FC Barcelona zeigte über beide Duelle gesehen auf, dass den Münchnerinnen noch einiges zur Weltspitze fehlt.

In der kommenden Saison wird das Team an der Konstanz arbeiten müssen. Das betrifft den Mut und die Präzision in eigenen Ballbesitzphasen ebenso wie das Offensivspiel, das alles in allem die größte Baustelle ist. Trotz starker Spielerinnen und einiger torreicher Partien fehlte es im Saisonverlauf, aber auch während einzelner Spiele hin und wieder an Rhythmus und Zielstrebigkeit.

Auch an der Kaderbreite muss man dafür arbeiten. Sowohl in der Innenverteidigung als auch auf den defensiven Außenbahnen kamen die Bayern immer mal wieder ins Schwimmen. Mit Magdalena Eriksson soll laut verschiedenen Medienberichten eine Top-Verteidigerin ablösefrei vom FC Chelsea kommen. Auch Offensivspielerin Pernille Harder steht demnach vor einem Wechsel nach München. Beide haben einen auslaufenden Vertrag bei den Blues.

Die Bayern würden damit an den Statement-Transfer von Georgia Stanway im Sommer anknüpfen, die in dieser Saison eine große Unterschiedspielerin war. Gerade im April und Mai hat die Engländerin einen großen Anteil daran gehabt, dass die Bayern an der Spitze der Bundesliga-Tabelle stehen. Nicht zuletzt mit ihrem wichtigen Elfmetertor beim 1:0-Sieg gegen Wolfsburg. Die Europameisterin wurde von der Redaktion zur Spielerin des Monats April ausgezeichnet.

Es ist diese Art der Qualität, die der FC Bayern benötigt, um in Zukunft weitere Schritte nach vorn zu machen. Doch zunächst soll die Meisterschale nach 2021 wieder nach München geholt werden. Ein Sieg fehlt noch. „Es war eine fantastische Saison“, sagte Straus auf der Pressekonferenz vor diesem entscheidenden Wochenende: „Egal, was im letzten Spiel passiert.“ Doch auch ihm ist klar, dass dieser Matchball jetzt genutzt werden muss, damit das die Öffentlichkeit ebenso bewertet. Intern, das ist vollkommen klar, kann man mit der Entwicklung im vergangenen Jahr aber mehr als zufrieden sein. Die Ausgangsbedingungen für erfolgreiche Jahre sind da.



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