Prozessauftakt mit Hoeneß – Erkenntnisse aus dem Gerichtssaal

Heute begann der Prozess gegen Uli Hoeneß – niemand konnte sich dem Verfahren & seiner Omnipräsenz auf allen Kanälen entziehen. Wir haben es etwas anders gemacht und waren vor Ort, um den Auftakt mitzuerleben, von der Verhandlung zu berichten und dadurch auch in den nächsten Tagen eine bessere Einschätzung der Lage abgeben zu können.

Wir haben im Anschluss an diesen Artikel noch zwei weitere Dinge geplant. Zum einen möchte ich gern darüber schreiben, wieso ich den Prozess als Zuschauer besucht habe und was man dort als Zivilist unter all den Journalisten so erlebt. Ab morgen verfolgen wir das Ganze mit etwas Distanz und bereiten wichtige Fakten in einem »Liveblog«, der sich über die restlichen Verhandlungstage aktualisieren wird auf.

Doch zuerst einige Erkenntnisse, die ich heute gewonnen habe, sowie ein Storify mit den unserer Meinung nach interessantesten und informativsten Tweets vom Tag. Eine große Anzahl an Journalisten war vor Ort und viele von ihnen haben erfreulicherweise fleißig aus dem Justizpalast getwittert.

Erkenntnisse des ersten Prozesstages

  • Die Anklage: Hoeneß werden Steuern in Höhe von 3.545.939,70€ und Verlustvorträge von 5.519.739,20€ vorgeworfen. Spannend ist hierbei natürlich, dass niemand von der Presse diese Summe genau beziffern konnte oder überhaupt vom zweiten Schweizer Konto wusste. Es geht um die Jahre 2003 bis 2009.
  • »Reinen Tisch machen« – Das schien das Ziel des Bayernpräsidenten beim ersten Verhandlungstag zu sein. Über seinen Anwalt räumte er eine Hinterziehung von insgesamt 18.5 Millionen Euro ein. Die genauen Umstände werden am zweiten Verhandlungstag zu klären sein. Zur angeklagten Steuerschuld kommt eine Schätzsumme hinzu, welche aus den Bankdaten hervorging. Hoeneß geht auf eine komplette Offenlegung und sagte dazu »mir ist klar, dass mir nur absolute Steuerehrlichkeit hilft«, sowie »[Ich] bin froh, dass alles transparent auf dem Tisch liegt«.
  • Der Zocker. Ich war verwundert, ja phasenweise sogar bestürzt, wie Hoeneß die Fragen des Richters zu seinen Millionentransaktionen beantwortete. Bestürzt, mit welcher Unwissenheit da augenscheinlich Unsummen hin- und herbewegt worden sind. Richter Rupert Heindl stellte konkrete Fragen zu Geschäften mit Devisen, Futures und zum Security Lending. Er wollte erfahren, ob strategisch investiert wurde. Auf die bohrenden Fragen wusste Hoeneß nicht konkret zu antworten, verstand meiner Meinung nach Generelles und Feinheiten im Handel mit Futures nicht, aber setzte trotzdem Transaktion um Transaktion mit hohen Geldbeträgen um. Oft bzw. meistens sogar zumeist mit (hohen) Verlusten am Ende. Wir wussten ja bereits vorher, dass es auch »eng« um Hoeneß Finanzkraft stand. Er selbst sprach von einem erlittenen »Millionenverlust«. Die Art und Weise wie dieser zustande kam, verstörte mich während der Verhandlung zutiefst.
  • Masse an Transaktionen & Unterlagen. Schon vor Verhandlungsbeginn war klar, dass es nicht um ein paar hundert, sondern um tausende von Geschäften, Einträgen und Handlungen geht, die im Prozess beachtet werden müssen. Insgesamt liegt dem Gericht die wahnsinnige Anzahl von 70.000 Blatt Papier vor. Hoeneß selbst habe während all der Jahre nie einen Kontoauszug seines Schweizer Nummernkontos in der Hand gehabt, sondern immer nur auf den Kontostand geachtet und eng mit seinem Devisenberater zusammengearbeitet. Das »reine Zockerkonto« soll dabei keine Zu- und Abgänge aus Überweisungen verzeichnet haben. Der Bayernpräsident spricht davon höchstens etwas »bar« abgehoben zu haben – Verstrickungen mit weiteren Konten sind daher nach aktuellem Stand unwahrscheinlich.
  • Strategie der Verteidigung. Hoeneß-Verteidiger Feigen schoss zwei Mal scharf in Richtung seines Mandandten, als der keine klare Aussage traf: »Erzählen sie doch keinen vom Pferd! Sie sind damals gelaufen, ihnen sind die Gäule durchgegangen! Auf den Punkt bitte.« Hintergrund war die Nachfrage des Richters zu den Recherchen des Stern-Journalisten. Er wollte konkret wissen, inwiefern sie den Zeitpunkt der Selbstanzeige mitbestimmt haben. Wie schon im Absatz über den »Zocker« erwähnt, wurde Uli Hoeneß als oftmals Unwissender bzw. nicht mit ausreichenden Erkenntnissen ausgestatteter Mann, der anscheinend absolut schlecht beraten worden ist, dargestellt. Das Selbstbewusstsein mit dem er den Gerichtssaal um kurz vor 9.30 Uhr betrat, war schnell verschwunden.
  • Zeugen & Stern-Recherche. Mit seinen Recherchen hat Stern-Reporter Johannes Röhrig viel Bewegung in den Hoeneß-Prozess gebracht. In der Befragung der ersten beiden Zeugen – einem Steuerfahnder aus Stuttgart und München, die Röhrig kontaktiert hatte und heute beide als Zeugen geladen waren – konnte man einen Einblick in die Recherche bekommen. Im September 2012 meldete sich der Reporter beim Stuttgarter Steuerfahnder, um sich über ein Schweizer Bankkonto und Devisenvorgänge zu erkundigen. Konkret wurde es dabei noch nicht. Nach Aussage des Zeugen ging es im ersten Gespräch nie um Fußball oder einen Verein. Seine Einschätzung zum gesamten Vorgang war eher, dass das Nummernkonto aber keineswegs sein Inhaber bekannt war. Er vermittelte dann auch den Kontakt nach München. Dort ging dann auch die Spekulation um einen »bayrischen Fußballverein« bzw. sogar einen »Aufsichtsratsvorsitzenden« weiter. An dieser Stelle muss man einfach betonen, dass es um Spekulationen in mitunter sehr kurzen Telefonaten zwischen den Steuerfahndern oder mit Johannes Röhrig geht. Konkrete Aussagen gab es nicht und auch alles andere als Beweise bzw. Hinweise auf Uli Hoeneß. Die zwischenzeitlich als »Sensationsmeldung« durch die Kanäle gejagten 800 Millionen Schweizer Franken eines Fußballvereins waren ebenfalls nur Spekulation zwischen Fahnder und Reporter. Die Bewertung der Vorgänge muss absolut getrennt von möglichen Eilmeldungen gesehen werden. Sonst wird aus einer solchen kurzen Bemerkung, die das Verfahren nicht beeinflussen wird, weil sie so spekulativ ist, eine haltlose Darstellung. Der dritte Zeuge, der Hoeneß beim Erstellen der Selbstanzeige half, wollte seine Aussage verweigern. Schlussendlich wurde seine bereits vor der Verhandlung abgegebene Stellungnahme verlesen. Mein Eindruck nach der Zeugenbefragung ist folgender: Der Stern war an einer Story zum Nummernkonto dran und recherchierte deshalb bei Steuerfahndern. Rückschlüsse auf Uli Hoeneß konnte man nicht machen. Als letzten Antrag des Tages reichte die Verteidigung eine E-Mail vom April 2013 ein, die beweisen soll, dass erst mit der Selbstanzeige (und ihrem Bekanntwerden) der Name »Hoeneß« in Zusammenhang mit dem Stern-Artikel gebracht werden kann.

Storify mit interessanten Aussagen & Infos aus dem Gerichtssaal

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Leserkommentare
  1. Danke für das heutige Tickern und deine Eindrücke. Meine Frau und ich sind derzeit sehr niedergeschlagen.

  2. Matze

    Ja ich war heute auch erst mal geschockt, als ich das gelesen habe, aber wir können es nicht ändern, daher:

    Vielleicht auch mal grundsätzlich zu den Folgen einer möglichen Verurteilung:

    Sollte es dazu kommen, dass er nicht Präsident bleiben kann/will/soll, was auch immer: Der FC Bayern wird immer “sein” Baby bleiben, aber er hat sich damals als er in das Präsidentenamt gegangen ist, zum Ziel gesteckt, den FC Bayern so aufzustellen, dass er eines Tages auch ohne ihn auskommen kann.

    Schauen wir dann mal darauf, wie die AG aufgestellt ist:

    Vorstandsvorsitzendet: Kalle
    Finanzvorstand: Dreesen
    Sportvorstand: Sammer
    Marketing/Sponsoring/Internationalisierung: Jung & Wacker

    Die AG ist auf Jahre hinweg perfekt aufgestellt. Der Aufsichtsrat ist perfekt besetzt, es müsste ein neuer Präsident gefunden werden, für den aber aktuell keine großen Aufgaben anstehen, die AG läuft wie am Schnürchen, ein Rädchen greift in das andere. Der neue Präsident übernimmt einen perfekt funktionierenden Verein. Momentan würde ich die größten Aufgaben eher noch bei den Basketballern ansehen und beim Bau des neuen Trainingsgeländes mit Jugendleistungszentrum, aber das sind Dinge die machbar sind.

    Irgendwann wäre auch die Zeit von Hoeneß als Präsident vorbei gewesen, auch wenn ich mir natürlich wünschen würde, dass dies anders kommen könnte/würde. Aber wenn es so kommt, geht für den FC Bayern keine Welt unter, denn er ist perfekt aufgestellt!

    Für mich persönlich käme aktuell ehrlich gesagt nur eine Person in Frage, das “gute Gewissen” des FC Bayern, Karl Hopfner (sofern er gesundheitlich dazu in der Lage ist)

    So lange Rede, kurzer Sinn: Was auch immer passieren wird, der FC Bayern wird darauf vorbereitet sein und dies gut überstehen!

    1. Bazi78

      Super Kommentar von dir Matze!

      Wir alle können es nicht ändern und der Verein darf jetzt keinen weiteren Schaden nehmen.Der FC Bayern wird auch ohne Uli Hoeneß auskommen müssen.Irgendwann wäre es auch al­ters­be­dingt dazu gekommen.Karl Hopfner als aktueller Vize-Präsident wäre wohl auch mMn ein guter Nachfolger!

      1. Matze

        Zumindest wäre Hopfner mein vorläufiger und vor allem kurzfristiger Wunschkandidat.

  3. Jake1965Blues

    Zunächst einmal: Danke für die unaufgeregte, sachliche und qualitativ hochwertige Berichterstattung! Die braucht sich nicht hinter etablierten Medien verstecken.

    Zum Prozess selbst: Mir ging es ähnlich. Auch ich war teilweise bestürzt über die Aussagen, die kolportiert wurden. “verrrückt”, “Zocker” … will man es sich so einfach machen und Hoeneß als Süchtigen darstellen? Ist das nicht zu durchschaubar? Und dann die weiteren 15 Mio. Einerseits ehrenhaft, dass er das von sich aus aufdeckt – auch auf die Gefahr hin, dass es ihm das Genick bricht. Andererseits auch hier: Taktik, um einer Strafe zu entgehen oder diese weitestgehend zu mildern? Einen noch viel größeren Brocken hinwerfen, der die Gegenseite satt machen soll? Dazu das Verhalten der Verteidigung. Fällt nach meinem Dafürhalten auch in den Bereich “geplant”. Nur: Was will man damit bezwecken? Unterstützung des Ansatzes, Hoeneß sei in der Tat nicht ganz bei Sinnen gewesen? Vermutlich kennt jeder, der schon einmal gezockt hat – sei es am PC oder der Videospielkonsole, oder aber mit Geld – das Gefühl, dass man sich hineinsteigert, dass man Realitäten ausblendet, dass man in einen Rausch gerät, der die Ratio ausschaltet. Davor ist auch ein Hoeneß nicht gefeit. Aber ist das wirklich die Strategie für dieses Verfahren?

    Ich bin weiter höchst gespannt! Angesichts des gestrigen Offenlegung rechne ich aber damit, dass das Verfahren vertagt wird, um die neue Situation entsprechend beurteilen zu können. Schade für Hoeneß, denn ihm nehme ich ab, dass er durch all das sehr belastet ist und das endlich hinter sich haben will. Seit fast 14 Monaten Dauerstress wegen dieses Themas. Der wird die eine oder andere Nacht schlaflos verbracht haben. Auch wenn er sich die Suppe letztendlich selbst eingebrockt hat: Für ihn wäre es gut, wenn der Teller bald leer ist.

    1. Danke für dein Kommentar! Ich denke nicht, dass man in der Verteidigung auf die Schiene »krank & weniger zurechnungsfähig« geht. Diesen Eindruck machte Hoeneß nicht und im großen Interview mit der Zeit sagte er ja ebenfalls er gehe nicht als “Kranker” zur Verhandlung.

      Für mich ist die Beobachtung der Verteidigungsstrategie weiter absolut spannend und entscheidend. Im Manager Magazin gab es dazu gestern Abend einen sehr guten, weil präzisen und unaufgeregten, Artikel zur Strategie.

      1. Jake1965Blues

        Stimmt, der Artikel war in der Tat richtig gut. Sehr hilfreich fand ich aber auch die Einschätzung von Rafanelli zur Strategie der Verteidigung: http://is.gd/L3GfrM So wird mMn ein Schuh draus. Das Gericht wird nicht umhin kommen, die Offenlegung anzuerkennen. Klar, dass es sich da um mehr als einen Schönheitsfehler handelt, wenn statt der von der Verteidigung genannten Summe auf einmal deutlich mehr im Raum steht. Dennoch: Ohne Selbstanzeige, ohne Offenlegung hätte der Staat nichts von dem Geld gesehen. Bleibt die Frage, ob das Gericht das auch so sieht.

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  5. […] wo die neue Summe herkommt. Eine sehr gute Zusammenfassung des ersten Prozesstages gibt es bei Miasanrot. Gisela Friedrichsen (Spiegel Online) war am ersten Prozesstag vor Ort. Heribert Prantl […]

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