Vorschau: FC Bayern München – SV Werder Bremen

Interview mit Werder-Fan Joey

Die Bundesliga ist zurück und startet am Freitagabend mit einem traditionsreichen Duell in ihre 54. Saison. In der Allianz Arena wird der SV Werder Bremen zu Gast sein.

Mit der Bundesliga ist auch unser Vorschau-Format zurück. Vor dem ersten Spieltag sprachen wir mit Werder-Fan Joey über den Status quo seines Klubs, sowie den Start in München. In seinem Blog finden sich zudem einige interessante Beiträge, die nicht nur Fußball thematisieren.

Hallo Joey, stell Dich zunächst bitte kurz vor und erzähl uns wie Du Werder-Fan wurdest. Was macht diesen Klub so besonders für Dich?

Moin! Ich bin Joey, 22 Jahre alt, habe im Bachelor Psychologie studiert, dann übergangsweise fürs DRK in einer Notunterkunft für Flüchtlinge gearbeitet und fange nun zum Wintersemester mit meinem Master in Wirtschaftspsychologie an.

Bereits als kleiner Junge habe ich in Werder-Bettw.. ne, ehrlich gesagt nicht. Jahrelang hab ich mich statt mit Fußball lieber mit Videospielen und dergleichen beschäftigt und mein kleines Vereins-Intermezzo hat auch nur sage und schreibe drei Wochen gedauert. Ich war ein kleiner, talentbefreiter Pummel und dann ging auch noch die Hallensaison los. Als gebürtiger Bremer ist es aber dennoch nahezu unmöglich, nicht mit Werder in Kontakt zu kommen. Vor allem, wenn sowohl die (erweiterte) Familie, d.h. Cousin, Cousinen, Tanten und Onkel, sowie fast der gesamte Freundeskreis Werder-Fans sind. Irgendwann hat mich dann erst meine Cousine und wenig später ein Freund zu einem Werder-Spiel mitgenommen und mit der WM 2006 hat dann auch mein Interesse am Fußball nachhaltig angefangen zu blühen. Seit der Saison 2008/09 bin ich nun aktiv dabei, verfolge – bis auf eine handvoll Ausnahmen – jedes Spiel und beschäftige mich (überwiegend) gerne und intensiv mit allen möglichen Facetten des Spiels. Zuletzt war das eher unbefriedigend aber so ist das nun mal.

Was Werder so besonders macht, ist gleichermaßen schwer wie einfach. Das Geseier des ach so besonderen Klubs nervt mich, um ehrlich zu sein. Werder ist genauso ein mittelständisches Unternehmen wie andere Vereine und es gibt diverse Kritikpunkte. Dennoch ist die Verbindung von Stadt und Verein immer wieder beeindruckend. Dafür muss man nicht mal die besonderen Fanaktionen wie “Allez Grün” oder “#greenwhitewonderwall” heranziehen, es reicht ein einfacher Gang durchs Viertel an einem der Spieltage.

Der Slogan “Werder braucht Bremen, Bremen braucht Werder” mag pathetisch klingen, trifft aber voll und ganz zu. Werder und Bremen – das ist gelebte Symbiose.

In der letzten Saison gab es unter den Fans einige Stimmen, die mit Skripniks Systemauswahl unzufrieden waren. Gab es in der Vorbereitung Veränderungen an der taktischen Ausrichtung zu beobachten? Wenn ja, welche?

Die Systemauswahl Skripniks war vergangene Saison nur bedingt ein Problem. Das Hauptproblem war eine fehlende Linie. Skripnik hatte keinen klaren Plan, hat ständig gewechselt und dabei, systemunabhängig, an den falschen Spielern, bspw. Lukimya, festgehalten. Im Laufe der Saison haben sich einige Problemzonen dann, v.a. dank Grillitsch sowie der guten Neuzugänge in der Innenverteidigung, etwas gelockert. Skripniks problematische Personalauswahl und mangelhafte taktische Einstellung des Teams blieb jedoch. Insgesamt ließ sich beobachten, dass er mit ansteigendem Druck immer limitierter wurde, immer vorhersehbarer und kontraproduktiver in seinen Reaktionen. Mit steigendem Druck und steigender Abstiegsgefahr wurde der Anspruch an das eigene Spiel immer geringer, was in immer größeren taktischen Defiziten mündete. Irgendwann ging es spielerisch dann rein über Einzelaktionen.

In der Vorbereitung hat sich das leider fortgesetzt. Der anfangs propagierte Anspruch, die Defensive zu festigen, konnte nie bekräftigt werden. Die ersten Testspiele konnte ich zwar nicht sehen, die Partien gegen Ingolstadt und Chelsea haben aber schon deutlichen Anlass zur Skepsis geliefert – die Umstellung aufs 4-4-2/4-2-3-1 mit Kruse hinter/um Pizarro sowie der Doppelsechs aus Fritz und Junuzovic hat keinesfalls gefruchtet. Fritz’ mangelnde Spielintelligenz und taktisches Verständnis gepaart mit einem vogelwilden und immer nach vorne drängenden Junuzovic genügt nicht mal im Ansatz den Ansprüchen der Bundesliga. Hinzu kommt der seltsam anmutende Freifahrtschein für Yatabaré, der weder defensiv – trotz seiner Physis – noch offensiv zu überzeugen vermag.

Grundsätzlich ist der Anspruch erkennbar, hoch und aggressiv zu pressen und nach Ballgewinn schnell den Weg in die Spitze zu suchen. Das funktioniert situativ gut, da die einzelnen Spielertypen in der Offensive interessant harmonieren (v.a. Kruse, Bartels sowie mit Abstrichen Junuzovic und Grillitsch), ist im Gesamtkonzept allerdings zu schlecht abgesichert. Das Team verschiebt zu stark ballorientiert, ohne dabei die Passwege in freie Räume zuzustellen. Das Pressing wirkt unkoordiniert, weshalb Teams, die es umspielen, häufig in aussichtsreiche Situationen gelangen, teils sogar in Überzahl gegenüber der Defensive sind. Im Aufbau rückt Werder sehr weit vor, besetzt aber weder das Defensivzentrum noch die Zwischenräume in konstruktivem Maße, wodurch es an Kontrolle und Penetration in der Ballzirkulation mangelt.

Wie zufrieden bist Du mit der Arbeit Deines Vereins auf dem Transfermarkt? Erzähl den Lesern doch kurz von den wichtigsten Zu- und Abgängen.

Ausnahmsweise ziemlich zufrieden. Kruse ist eine echte Verstärkung für die Offensive, bringt deutlich Struktur ins letzte Drittel und passt sehr gut zu Spielern wie Kainz, Bartels und auch Pizarro sowie Grillitsch. Perspektivisch bietet das wirklich viel Potenzial, u.a. auch mit Johannsson statt Pizarro. Umso schwerer wiegt natürlich sein Ausfall, denn Skripnik hat das System nach seiner Ankunft sofort auf ihn zugeschnitten.

Die anderen Neuzugänge sind schwerer zu beurteilen. Kainz hat viele interessante Anlagen und könnte als schnörkelloser Kombinationsspieler mit Zug zum Tor auf dem linken Flügel eine wichtige Rolle einnehmen. Gegen Lotte wirkte er jedoch noch etwas schlaff, hatte nicht die nötige Dynamik und Spannung, die er für die Bundesliga braucht. Petsos hat bislang leider nicht den Eindruck vermittelt, auf Bundesliganiveau eine Verstärkung darstellen zu können. Als eher aufbauender und defensiv denkender Spielertyp wäre er potenziell aber ein interessanter Nebenmann für Grillitsch im Zentrum.

Neuzugang Max Kruse brachte bereits in der Vorbereitung Struktur in das letzte Drittel. Nun ist er verletzt.(Foto: Joachim Sielski / Bongarts / Getty Images)
Neuzugang Max Kruse brachte bereits in der Vorbereitung Struktur in das letzte Drittel. Nun ist er verletzt.
(Foto: Joachim Sielski / Bongarts / Getty Images)

Moisander und Sané sind insofern interessant, als dass sie Erfahrung und Organisationsfähigkeit in die Innenverteidigung einbringen. Vor allem Moisander hat bislang jedoch noch nicht überzeugt. Bauer wiederum kann ich nicht einschätzen, in Scouting-Videos hat er jedoch einen interessanten Eindruck hinterlassen, wirkt defensiv gut geschult und sicher als Spielertyp. Mal sehen, ob er Theo (Gebre Selassie, Anm. d. Red.), der zuletzt schwächelte, Konkurrenz machen oder sogar verdrängen kann.

Thy und Eilers dürften hingegen keine tragende Rolle bei Werder spielen, wobei beide als Bankspieler noch wertvoll werden könnten. Mal sehen.

Insgesamt hat Werder meiner Meinung nach sehr ordentliche Arbeit geleistet. Ich würde es dennoch begrüßen, Junuzovic noch abzugeben und durch einen guten 6er/Nebenmann für Grillitsch zu ersetzen. Ansonsten bleibt abzuwarten, ob die Abgänge von Vestergaard und Djilobodji im Kollektiv aufgefangen werden können. Beide waren individuell überdurchschnittlich veranlagt, haben aber nicht optimal harmoniert. Wichtig wird es nun sein, eine bessere Grundorganisation an den Tag zu legen. Ich bezweifle jedoch, dass dies unter Skripnik gelingen wird.

Am Wochenende geht die Bundesliga los. Wie gut ist Werder Bremen auf die neue Saison vorbereitet und welche Ziele hat sich der Verein kurz-, mittel- und langfristig gesteckt?

Der Kader passt soweit, trotz einiger Defizite – v.a. in der Innenverteidigung und im zentralen Mittelfeld – ist man gut aufgestellt und sollte die Klasse relativ entspannt halten können. Kurzfristig ist genau das, ein schnellstmöglicher Klassenerhalt und eine ruhige Saison, das Ziel. Mittelfristig wird man sich weiter nach oben orientieren wollen und wieder um die internationalen Plätze mitspielen wollen. Angesichts der verbesserten finanziellen Situation sollte man dazu auch bald wieder die Mittel haben. Der Trainer ist hierbei jedoch, wie so oft, die Königspersonalie. Skripnik genügt, zumindest meiner Ansicht nach, nicht mal kurzfristig den Ansprüchen. Von seinem eingangs ballbesitzorientierten Ideal hat er sich schnell verabschiedet, ist mehr und mehr zu einem Apologeten des Dutt’schen Kampf- und Hauruckfußballs geworden und offenbart dabei regelmäßig taktische Defizite, sowohl bei Auf- und Einstellung als auch beim in-game-coaching.

Bist Du trotz der vielen von Dir angesprochenen Probleme zufrieden mit den Zielen und dem Weg des Klubs?

Auch hier: Ausnahmsweise, ja. Die Zielsetzung ist realistisch, wenn auch latent ambitionslos. Ich bin ein ungeduldiger und perfektionistischer Mensch, entsprechend fehlt mir das Streben nach “Mehr”. Werder wirkt in der Zielsetzung oft zu brav, zu schüchtern und vorsichtig. Ich hätte in diesen Belangen gerne mehr Ambition, eher gestern als heute wieder oben anzugelangen. Gleichzeitig muss man konstatieren, dass der Sparkurs der letzten Jahre endlich vorbei zu sein scheint. Werder wirkt wieder handlungsfähig und ist, siehe Kruse, auch wieder fähig und bereit, größere Transfers zu tätigen. Das gefällt.

Wenn man nun auch bei der Personalie des Trainers mehr Mut zum Idealismus statt Pragmatismus beweisen und nach Höherem streben sollte, wäre ich vorerst zufrieden. Ein bisschen zumindest.

Das erste Spiel ist gleich gegen die Bayern. Welche Herangehensweise erwartest Du von den Bremern?

Eine ruppige, anfangs mutig-verschüchterte und in allen Belangen unterlegene. Wie schon im Pokal denke ich, dass man die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen möglichst gering halten will und darauf lauert, nach Ballgewinnen schnell zum Abschluss zu kommen. Erfolg verspreche ich mir davon allerdings nicht.

Dennoch: Ancelotti ist meiner Meinung nach schwächer als Guardiola und ein Team im spielerischen Wandel immer anfälliger als ein gefestigtes. Wenn wir euch mal wieder schlagen wollen, gäbe es, trotz unserer Verletzungskrise, wenige aussichtsreichere Situationen.

Vielen Dank für Deine Zeit. Ohne einen Tipp kommst Du uns aber nicht davon. Wie geht das Spiel am Freitag aus und wo landet Dein Team in der Bundesliga?

4:1 für Bayern und am Ende werden wir, nach einem Trainerwechsel und folgendem Aufschwung, irgendwo zwischen Platz 10 und 12 landen.

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Leserkommentare
  1. Ju

    Nur mal so nebenbei: Wer ist denn nun eigentlich fit? Oder wer ist verletzt, je nachdem, was die kürzere Aufzählung wird.

    1. Servus, mWn fehlen Badstuber, Robben, Coman, Costa und Boateng. Sorry falls ich jemanden vergessen habe. Sanches ist in der Schwebe und Thiago sowie Alonso sind wieder im Kader.

      1. Ju

        Vielen Dank. Achja, tolles Interview übrigens, hab ich eben erst gelesen. Neben den spannenden taktischen Einblicken gibt es ein Like für die Mittelfeld-Lasogga Yatabare Kritik ;)
        Eine bissige Nachfrage zu Sternberg hätte mich noch gefreut. ;) Aber vielleicht fliegt er ja diesmal vom Platz.

  2. Joey ist viel zu optimistisch was Werder’s kommende Saison angeht.

  3. […] Freitag geht es los. Ein Heimspiel gegen den SV Werder zum Auftakt in die Bundesliga-Saison 2016/2017. Der Trainer ist neu. Die Ziele sind gleich. 0 […]

  4. Marco05

    Skripnik wird der erste Trainer der rausfliegt und Bremen wird viel brauchen um dieses Jahr nicht abzusteigen. Wer das Tor aus den Thesen schießen will ist mir nicht ganz klar ;)

    Schaut man sich die Personalpolitik der letzten Jahre (seit Allofs) mal an, sind nur in Ausnahmefällen wirklich taugliche Leute dabei. Dazu das permanente Hickhack mit Eichin, jetzt hat man die zwar sympathischen aber unerfahrenen Baumann und Bode ins Boot geholt bei denen ich mich auch frage, ob die jemals was richtiges reißen werden.

    Mmn hätte man Skripnik in der Pause austauschen müssen. Man hat es (wieder) verpasst und das Elend geht seit letzter Woche von neuem los. Bei allem Respekt (der zugegeben in den letzten Jahren stark gesunken ist): Das wird heute eine klare Angelegenheit und von den Thesen werden diesmal 2-3 zutreffen.

  5. Marco05

    Sorry für einen kurzen Schwenk, nur weil ich es gerade lese und schon(wieder) Gänsehaut habe:

    http://www.spox.com/de/sport/fussball/bundesliga/1608/Artikel/javi-martinez-fuenfte-saison-fc-bayern-muenchen.html

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