Vorschau: FC Bayern München – FK Rostov

FK Rostov und eine kuriose Geschichte

Der 1. Spieltag der UEFA Champions League steht am Dienstagabend an. In München wird der Weg nach Cardiff für die Bayern mit einem weitestgehend unbekannten Gegner starten. Es ist eine kuriose Erfolgsgeschichte, die dem FK Rostov dieses einmalige Erlebnis in der Königsklasse bescherte.

Hinter diesem rapiden Aufstieg des russischen Vizemeisters steht ein Mann, der bereits Rubin Kazan 12 Jahre lang erfolgreich trainierte. Die Rede ist von Kurban Berdyev, der mit Kazan die ersten beiden Meistertitel der Vereinsgeschichte gewann und auch für den ersten Pokalsieg verantwortlich war. Von 2001 bis 2013 war der 64-Jährige Russe dort als Trainer und später zusätzlich als Vize-Präsident tätig. In der Champions League sind ihm punktuell ebenfalls große Erfolge gelungen. So schlug Kazan 2009 Pep Guardiolas Barcelona im Camp Nou mit 2:1.

Nachdem die Ära, die er dort zweifelsohne prägte, 2013 zu Ende ging, standen Berdyev alle Türen offen. Viele spekulierten, dass er nun eine größere Herausforderung im Ausland suchen würde. Seine Entscheidung wusste aber zu überraschen. Zunächst stand eine einjährige Pause auf dem Programm und dann entschied der Erfolgstrainer sich für einen Verein, der in Russland kurz vor dem Abstieg stand.

Der FK Rostov war zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung sportlich, finanziell und organisatorisch in katastrophaler Verfassung. Alles deutete darauf hin, dass der Klub keine Chance mehr auf den Klassenerhalt haben würde. Doch Berdyev stellte endgültig unter Beweis, dass er ein hervorragender Trainer ist. Mit seinem bevorzugten 3-5-2-System änderte er die Struktur und Organisation des Teams komplett. Oder um es anders zu sagen: Beides kam mit ihm überhaupt erstmals zu Stande. Rostov hielt die Klasse und wurde im Jahr darauf fast Meister. Lediglich ZSKA Moskau war um zwei Punkte besser als der nächste Bayern-Gegner.

Mit nur 20 Gegentoren stellte die Mannschaft urplötzlich die beste Defensive der Liga. In der Saison 2014/15 waren es mit 51 Gegentoren noch die meisten aller 16 Mannschaften. Berdyev schaffte es also, dass aus einem chaotischen Trümmerhaufen innerhalb von kürzester Zeit ein strukturiertes, durchorganisiertes und gefährliches Team wurde. Dabei halfen ihm auch die Neuverpflichtungen einiger Ex-Spieler. Christian Noboa, der für die Mittelfeldorganisation zuständig ist, ist einer davon. Doch auch der junge Stürmer Sardar Azmoun sowie der erfahrene spanische Innenverteidiger César Navas zählen zu den Säulen dieses Teams. All diese Transfers waren nur dank des Trainers möglich.

Den Beweis dafür lieferte er höchstpersönlich diesen Sommer. Der FK Rostov wird katastrophal geführt. Aufgrund von ausbleibenden Zahlungen und fehlender Perspektiven wollte Berdyev den Verein verlassen. Er beendete die Zusammenarbeit, was direkt nach dem sensationellen 2:0-Auswärtserfolg in der Champions-League-Qualifikation gegen Anderlecht öffentlich wurde. Gerüchten zu Folge starteten Verhandlungen mit Spartak Moskau. Sowohl Noboa, als auch andere Spieler äußerten sich sehr wechselwillig und betonten, dass sie nur wegen des Trainers bei Rostov wären.

Dmitri Kirichenko, vorher Co-Trainer, war zunächst sein Nachfolger, aber die Geschichte nahm einen kuriosen Verlauf. Berdyev blieb völlig überraschend trotzdem im Verein. Keiner kann genau sagen was wirklich passiert ist, aber Fakt ist, dass der 64-Jährige nach seinem Rücktritt weiterhin die Spiele seines Vereins besuchte und einen großen Einfluss auf die Champions-League-Qualifikation hatte. Die Spiele gegen Ajax trugen ganz klar seine Handschrift. Speziell im Rückspiel spielte Rostov wie entfesselt und besiegte die Niederländer mit 4:1.

Heute scheint klar zu sein, dass Berdyev dem Verein als Berater erhalten bleibt. Außerdem wurde auch Kirichenko am 9. September schon wieder ersetzt. Cheftrainer ist nun Ivan Daniliants, der ebenfalls ein Co-Trainer von Berdyev war. Kirichenko assistiert dem neuen Coach aber weiterhin. Zudem soll Berdyev laut transfermarkt.de ab Sommer 2017 die Rolle des Vize-Präsidenten übernehmen. Bereits am Ende seiner Zeit in Kazan führte er eine Doppelrolle bestehend aus dem Trainerposten sowie der Position des Vize-Präsidenten aus. Es ist eine äußerst fragwürdige Geschichte, die für den FK Rostov aber sehr positiv sein dürfte. Kurban Berdyev ist der Macher des extrem kurzfristigen Erfolgs und er steht für den Fußball, der diese Mannschaft in die Gruppenphase der UEFA Champions League gebracht hat. Trotz aller Umstände und Probleme, die sich vor allem in der Führungsetage des Klubs finden lassen.

Kurban Berdyev ist der große Kopf des Erfolgs der letzten Jahre. In diesem Sommer sorgte er für reichlich Verwirrung.(Foto: Virginie Lefour / AFP / Getty Images)
Kurban Berdyev ist der große Kopf des Erfolgs der letzten Jahre. In diesem Sommer sorgte er für reichlich Verwirrung.
(Foto: Virginie Lefour / AFP / Getty Images)

Gegnervorschau

Wie bereits angeschnitten, fokussierte sich Berdyev darauf den Defensivverbund zu strukturieren. Die Vizemeisterschaft resultierte aus der besten Abwehr der Liga und einem flexiblen 3-5-2-System, das gegen den Ball ein massives 5-3-2 wird. Das Team verschiebt klug und versucht den Gegner in ungünstige Unterzahlsituationen auf den Flügeln zu bringen. Schaffen es die Russen diese Momente zu kreieren, so greifen sie – meist durch Herausrücken des Flügelverteidigers und/oder unterstützenden Bewegungen des ballnahen Achters – an. Auch der jeweilige Stürmer in der Nähe des Spielgeräts versucht die Räume so eng wie möglich zu machen.

Gleichzeitig steht die Mannschaft aber auch sehr massiv im Zentrum. Cesar Navas, zentraler Innenverteidiger, ist hauptverantwortlich dort, teilt sich diese Aufgabe aber auch mit dem Taktgeber im Mittelfeld, Christian Noboa. Letzterer ist der Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Mannschaft.

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Erobert Rostov den Ball, versuchen sie blitzschnell umzuschalten. Über die schnellen Flügelverteidiger und den Angreifer Azmoun, der in der Qualifikation in vier Spielen zwei Tore erzielte, wird dann gerne attackiert. Doch auch die Spielstärke im Zentrum ist nicht zu unterschätzen. Noboa kann dem Spiel dort den entscheidenden Rhythmus im richtigen Augenblick verpassen.

Trotz aller Stärken gibt es aber natürlich auch Schwächen im Spiel der Russen. Speziell auf hohem Niveau gibt es immer wieder Probleme mit der sauberen Staffelung. Schaffen es die Bayern ein besseres Positionsspiel als auf Schalke hinzubekommen und die Räume zwischen den Ketten richtig zu besetzen, so kann es ganz schnell gefährlich werden für den FK Rostov. Speziell die Ballzirkulation wird am Dienstagabend aus Sicht des Gastgebers wichtig sein. Mit der richtigen Positionierung und vielen Dreiecken im Halbraum sowie auf den Flügeln, dürfte die Defensive der Gäste zu knacken sein. Wenn der Vizemeister aus Russland versucht auf der Außenbahn zu pressen, können die Bayern mit schnellen Aktionen hinter die herausrückenden Flügelverteidiger kommen.

Vieles wird darauf ankommen wie selbstsicher die Elf von Carlo Ancelotti mit dem Ball auftritt. Neben der mannschaftstaktischen Struktur, die auf Schalke etwas abging, ist natürlich auch die individuelle Qualität wieder gefragt. Eins-gegen-Eins-Situationen sind speziell gegen eine gut organisierte Fünferkette immer sehr wichtig. Vielleicht sehen die Bayern-Fans erstmals in dieser Saison zwei echte Flügelspieler in einem Pflichtspiel. Doch auch die Abschlussqualitäten von Lewandowski und/oder Müller sind gefragt. Bis zum ersten Tor sind Begegnungen mit gut organisierten Defensivmannschaften immer sehr zäh. Auch deshalb wäre es wichtig gleich die erste Chance zu nutzen.

Spannend wird natürlich auch die Arbeit der Münchner gegen den Ball. Wie bereits erwähnt, spielt der FK Rostov sehr gerne Konterfußball. Speziell gegen so starke Gegner wie es die Bayern sind. Die Rückwärtsbewegung muss da natürlich nicht nur schnell, sondern auch organisiert erfolgen. In den vergangenen Spielen hat Ancelottis Mannschaft das aber häufig sehr gut gemacht. Auch gegen Schalke ließ der amtierende Deutsche Meister nur wenig zu. Es gab aber auch dort, wenn man perfektionistisch denkt, ein, zwei kleine Wackler, die den Rückstand hätten kosten können.

Alles in allem ist der FC Bayern gewarnt vor einer Mannschaft, die bereits Ajax Amsterdam vorgeführt hat. Zwar sind die Gastgeber ganz klarer Favorit, aber Rostov wird es dem fünfmaligen Champions-League-Sieger mit einer guten Organisation so schwer wie möglich machen. Auch die Tatsache, dass Berdyev weiterhin seine Finger im Spiel zu haben scheint, macht die Aufgabe nicht einfacher. Ein frühes Tor könnte der wichtige Schlüssel zum Erfolg sein.

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Leserkommentare
  1. Die Frage aller Fragen ist doch: Trifft Kimmich wieder?

  2. pitvonbonn

    Wie meinst Du das?

    Neuer Abwurf auf Lahm,
    Flankenlauf Lahm,
    Doppelpass mit Kummich,
    Flanke Lahm von der Außenlinie auf Kimmich,
    Solo Kimmich im 16ner
    und Torabschluß mit Links von Kimmich?

    in etwa so?

  3. Für mich ist (bzw. war) Rostov ein komplett unbeschriebenes Blatt, umso größer mein Dank für das ausführliche Portrait.
    Auf dem Papier die Pflichtaufgabe schlechthin, umso wichtiger ein Sieg, damit wir entspannt in die CL-Saison starten. Ich rechne auch mit nichts anderem.

    Obwohl man die erste Elf bei Ancelotti bisher sehr gut voraussagen konnte, könnte es jetzt erstmals etwas “spannender” werden. Ich rechne mit drei Umstellungen gegenüber Freitag:
    Vidal dürfte klar sein.
    Costa mit sehr guten Chancen.
    Kimmich mit Chancen.
    Und eine mögliche Rotation (vielleicht Bernat oder Rafinha von Beginn an).

  4. Prof. E. Tisch

    Für mich stellt sich die Frage ob wir jetzt erstmals mit Ribery und Costa 2 Flügelstürmer sehen werden. Bei dieser möglichen 5er Kette wäre das durchaus sinnvoll.
    Danke auch für das interessante Portrait. So wie sie Ajax aus dem Weg geräumt haben dürfen wir sie auf jeden Fall nicht unterschätzen..

    Bin gespannt wie sich die Mannschaft morgen präsentieren wird.

    Übrigens auch sehr schön zu lesen, dass die Liste der Ausfälle sich langsam der 0 annähert. Das bleibt hoffentlich auch lange so.

  5. Osrig

    Auch von mir erst mal ein Dankeschön für die ausführliche Darstellung des Vereins aus Rostov. Natürlich, wer Ajax aus der Qualifikation wirft, mit dem ist fussballerisch zu rechnen. Aber, auch wenn ich den niederländischen Fussball nicht wirklich verfolge, Amsterdam scheint mir zur Zeit nicht mehr zu den europäischen Schwergewichten zu gehören, von daher sollte uns das 4:1 der Russen nun auch keinen Schrecken einjagen. Rostov wird so spielen, wie viele Gegner in der Bundesliga auch; und sich sehr defensiv sortieren, um vorn auf die berüchtigten “Nadelstiche” zu setzen. Insofern wird es spannend, zu schauen, welche Lösungen unsere Spieler finden, und wie gut die Defensivarbeit gegen diese “Nadelstiche” sein wird. Werden die Russen sich tatsächlich locken lassen, wenn sich unser Spiel weiter nach hintern orientiert? Oder werden sie am eigenen Sechszehner ausharren, sodass der FCB dann doch über die ganze Zeit sein Dominanzspiel aufziehen muss? Ich befürchte, die Russen werden noch nicht einmal dann öffnen, wenn wir 1:0 in Führung gehen.
    Das wir das Spiel gewinnen werden, da bin ich sehr zuversichtlich, und ich freue mich schon auf die Dreiecke in unsere Offensive mit schnellen Pass-Stafetten, denn vor allem so werden unsere Spieler dem Defensivverbund der Russen beikommen können. Und Rostov ist nicht Atletico!
    Hauptsache, wir erleben unsere Jungs diesmal wieder besser strukturiert und sicherer als gegen Schalke. Schliesslich dient das Spiel ja noch auch dem gemeinsamen Einspielen und der Rhythmusfindung.

  6. […] Woche bei uns im Blog begann mit der Vorschau auf den unbekannten CL-Gegner Rostov, die sicherlich auch zum Rückspiel wieder interessant werden […]

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