FC TWENTE ENSCHEDE – FCB FRAUEN 1:1 (1:0)

FC Twente Enschede – FCB Frauen 1:1 (1:0)

Im Auswärtsspiel bei den stark aufspielenden „Vrouwen“ von Twente Enschede tun sich die Frauen des FC Bayern München in der Champions League lange schwer, bevor Melanie Leupolz kurz vor Schluss den Führungstreffer der Niederländerinnen noch ausgleichen kann.

Erstmals nach sechs Jahren durfte der amtierende Deutsche Meister wieder internationale Wettkampfluft schnuppern und trat im Hinspiel des Champions-League-Sechzehntelfinales im FC Twente Stadion an. Vivianne Miedema, die Holländerin im Team der Bayern, siedelte das Leistungsspektrum des Meisters der belgisch-niederländischen Liga im oberen Drittel der Bundesliga an, sah das eigene Team vor der Begegnung aber klar in der Favoritenrolle.

Falls Ihr es verpasst habt:

So spielte Bayern die ersten zwanzig Minuten direkt munter auf, als wären sie selbst in der Gastgeberrolle und nahmen das Heft in die Hand, während Twente zunächst um defensive Stabilität bemüht war. Allerdings konnte Twente Nadelstiche setzen und Bayern hatte Glück, nicht gleich in der fünften Minute in Rückstand zu geraten, als der Elfmeterpfiff für Abbés Handspiel im Strafraum ausblieb (5.). Anschließend schien der Führungstreffer der Bayern nur eine Frage der Zeit zu sein, so sehr dominierten sie weite Strecken der ersten Halbzeit. Es gelang dem Team von Tom Wörle jedoch nicht, diese Dominanz auch ins letzte Drittel vorzutragen. Bis auf die Flanke von Lisa Evans, die Miedema im Strafraum nicht zu verarbeiten vermochte (14.), ereigneten sich sämtliche Torversuche des FCB in der Anfangsphase am oder außerhalb des Strafraums.

Nach gut zwanzig Minuten wagte sich auch Twente weiter vor und ging nach einer halben Stunde in Führung. Ein Haken von Renate Jansen reichte, um die aus der anderen Richtung herbeieilende Holstad zu verladen. Korpela stand weit hinten — zu weit, um den Winkel zu verkürzen, nicht weit genug, um den hohen Ball abzuwehren: 1:0.

Die Führung gab Twente auch das nötige Selbstbewusstsein, noch konsequenter und höher ins Pressing zu gehen, während Bayern vor der Halbzeit keine Wege mehr fand, mit Rückstand und hohem Gegendruck umzugehen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit kamen die Bayern augenscheinlich mit dem Anspruch aus der Kabine, die Kiste noch zu drehen. Miedema hatte gleich eine gute Kopfballmöglichkeit (46.), Leupolz probierte es aus der Distanz (58.), doch zwingende Torchancen waren weiterhin rar. Dafür verbesserten sich die Bayern spielerisch etwas, dominierten die Schlussphase wieder ähnlich deutlich wie den Beginn der Partie und agierten wesentlich zupackender als zwischendurch. Nach einem Einwurf im letzten Drittel war es dann eine klasse Einzelaktion Melanie Leupolz’, die den Ausgleich und das wichtige Auswärtstor einbrachte.

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Sowohl Mewis als auch Leupolz hatten in der Nachspielzeit sogar noch den Siegtreffer auf dem Fuß, verfehlten aber beide denkbar knapp.

Enschede mit „Fünferkettenraute“

Twentes Formation aus Fünferkette, Doppelsechs, Zehn und Doppelsturm erinnerte an ein 4-4-2 mit Raute — nur eine Station weiter hinten. Erste Rautenspielerin war somit Stephanie Van der Gragt, die jedoch nicht als Sechserin vor einer Viererabwehrkette positioniert war, sondern die zentrale Abwehrchefin innerhalb einer Fünferkette gab.

Grundaufstellung FC Twente Enschede Vrouwen (5-2-1-2) vs. FC Bayern München Frauen (3-4-2-1)Grundaufstellung Twente Enschede (5-2-1-2) vs. FCB (3-4-2-1), Bayern-freie Zonen

Dies ließ vermuten, Van der Gragt könnte sich beim Spielaufbau hoch ins Mittelfeld verschieben, doch hielt sie ihre defensive Rolle über das gesamte Spiel aufrecht. Nur im Verbund mit der gesamten Mannschaft rückte sie weiter auf. Somit setzte der Underdog auf Überzahl in den gefährlichen Zonen: fünf Leute vor dem Tor und drei zentrale Mittelfeldspielerinnen machten die Mitte dicht und drängten die Bayern nach außen. Ein Plan, der hervorragend aufging.

Der FC Bayern verteidigte hinten mit drei Spielerinnen in erster Linie, gegen den Ball ergänzt um die Flügelverteidigerinnen Gina Lewandowski und Leonie Maier, die sich bei Ballbesitz im Mittelfeld aufhielten, die Breite gaben, ballfern aber auch ins Zentrum kippten, um sich für Anspiele anzubieten. Im Spielaufbau ließ sich Pivotspielerin Behringer, wenn Twente anpresste, häufiger zwischen Holstad und Abbé fallen, um die Ballverteilung ohne Gegnerdruck anzukurbeln. Davor wirbelte Melanie Leupolz durch die offensiven Halbräume, während sich die dribbelstarken Offensivkräfte Däbritz und Evans auf den Flügeln abwechselten und versuchten, mit Tempo hinter die letzte Linie von Enschede zu kommen. Vivianne Miedema, im Heimatland hochmotiviert, pendelte mit zunehmender Spieldauer mehr und mehr auf den linken Flügel oder bot tiefer für Zuspiele an.

Herbstzeit ist Igelzeit

Defensiv agierten die Bayern überraschend — nun ja: defensiv. Nicht selten formierten sie sich zu einem 5-4-1, in dem Behringer und Leupolz in einer Reihe mit den Flügeln die Angriffswellen der Holländerinnen zu brechen versuchten und nur Miedema vorne den Spielaufbau störte. Statt Twente in Zonen zu locken, wo Balleroberungen leichter zu erzwingen sind — wie zum Beispiel an der Seitenlinie — warteten die Münchnerinnen verteilt über die ganze Spielfeldbreite auf den Move von Twente. Vor dem Ballbesitzspiel Enschedes hatte man also keine besonders große Angst, sondern setzte vielleicht darauf, die Gastgeberinnen mit der Aufgabe zu überfordern, das Spiel zu initiieren und Wege in die Bayrische Formation finden zu müssen. Pressing mit kollektivem, aggressiven Verschieben zum Ball in der gegnerischen Hälfte seitens der Münchnerinnen hatte somit Seltenheitswert und war am ehesten beim Gegenpressing zu sehen, wenn der FCB nach Ballverlusten energisch nachsetzte.

Drei Dinge, die auffielen:

1. Enschede ist eine gute Fußballmannschaft

Twente überzeugte mit einer reifen Leistung, taktischer Disziplin und einem hohen technischen, fußballerischen Niveau. Ihren Plan, mit fünf Leuten defensiv stabil zu stehen und die Mitte zu schließen, setzten sie konsequent um. Nach vorne zeigten sie aufgeräumte Ansätze im Positionsspiel und waren willens, aber auch technisch in der Lage, Angriffe klug aufzubauen und auch abzuschließen — wenn ihnen auch die ganz große Durchschlagskraft ebenso abging wie den Bayern an diesem Tag. Doch von Lupfern, über einstudierte Standards bis hin zu Überladungen und Schnittstellenpässen war alles dabei. Größere Schwächen zeigte eigentlich nur die Torhüterin, die so manchen Ball erst im Nachfassen sichern konnte. (Ihr Gegenüber Korpela glänzte allerdings auch nicht gerade mit Souveränität und dürfte den heißen Atem der hochveranlagten Ersatz-Keeperin Manuela Zinsberger im Nacken spüren.)

In der Anfangsphase überließ Twente das Spiel und den Ball den Bayern, um sich auf dem Niveau erstmal heranzutasten, sicher zu stehen und nicht auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Nach zwanzig Minuten und den ersten überstandenen Gegenangriffen rückten die Gastgeberinnen allerdings geschlossen nach vorne. Offensiv wagte man sich nun mit viel Raum zwischen Abwehr und Torhüterin in die Hälfte der Bayern und auch defensiv packte Twente ein hohes Mittelfeldpressing aus dem taktischen Werkzeugkasten. So gelang es, den Spielaufbau der Münchnerinnen an der Seitenlinie noch vor dem Übergang ins zweite Drittel zu isolieren und so manche Seitenverlagerung auf die einsam winkenden, ballfern freien Spielerinnen zu verhindern. Bayern löste zwar den Großteil dieser Szenen gewohnt spielerisch mit Doppelpässen auf, konnte aber keine Präsenz in offensiven Zonen entfalten und spielte Durchbrüche zu überhastet bzw. gar nicht aus.

Bayern profitierte defensiv davon, dass Twente offensiv zuweilen zu diszipliniert agierte und Angst vor der eigenen Courage zeigte. Bei Kontern hätten die Vrouwen so manches Mal noch schneller in die Spitze spielen können, warteten aber brav auf das Nachrücken des Mannschaftsverbunds.

2. Die Bayern unpräzise im Passspiel

Gegen Twente ging im Passspiel der Bayern einiges gehörig schief. Insgesamt griffen die Rädchen überhaupt nicht ineinander. Bälle wurde auf die Standposition statt in den Lauf gespielt, so dass sie erst umständlich wieder eingesammelt werden mussten, in der Folge die Laufwege weniger konsequent gemacht wurden und das Timing für Durchbrüche oder Abschlüsse permanent nicht stimmte. Schon in Minute 3 setzte sich Lisa Evans vorbildlich auf dem rechten Flügel durch, doch der Pass in den Rückraum verfehlte sein Ziel. An einem anderen Tag hätte es hier schon 0:1 für Bayern gestanden.

Doch nicht nur im Passspiel war eine gewisse Fahrigkeit zu erkennen, auch technische Fehler blitzten auf: zu weit vorgelegte Bälle, unsaubere und somit Zeit kostende Annahmen, halbherzig geführte Zweikämpfe — insgesamt hatte sich ein gewisser Schlendrian eingeschlichen. Nach einem Jahr ohne Niederlage und einer Entwicklung auf höchstem Niveau sicher verzeihlich und auch durch entsprechendes Training wieder abstellbar, aber in der Champions League sicher nicht hilfreich.

3. Twente hält Bayern aus den gefährlichen Zonen

Wie beschrieben machte Twente die Mitte zu und erklärte auch das letzte Drittel oder zumindest den eigenen Strafraum zur FCB-freien Zone. Dass ihnen das so gut gelang, lag auch daran, dass Bayern diese Räume nicht konsequent attackierte. Hierzu hätten die ballfernen Außenverteidigerinnen noch weiter gen Spielfeldmitte absinken müssen. Hierzu hätte die ballsichere Führungsspielerin Behringer, aber auch Leupolz, den Kern der Raute häufiger aktiv penetrieren müssen. Während Abbé und Holstad absichern, wären auch unterstützende vertikale Läufe von Viktoria Schnaderbeck, die eine gute Leistung zeigte, ebenso hilfreich gewesen, wie ein Zurückfallen/Reinkippen der ballfernen Flügel. Vielleicht wäre auch die spielerisch stärkere Wenninger eine Alternative für Abbé gewesen. (Im Hintergrund flüstert jemand leise „Mana Iwabuchi“ in die Nacht).

Auch um hinter die letzte Linie zu kommen, hätte es gerade ohne Ball kollektiv abgestimmte Läufe gebraucht, um die Verteidigung zu beschäftigen, statt aus 30 Metern den Torabschluss zu suchen. Von 20 Torversuchen gingen elf daneben, vier wurden geblockt, nur fünf gingen aufs Tor. Kurz gesagt mangelte es an dem alle Spielerinnen einbeziehenden Positionsspiel, das die Bayern-Frauen sonst so auszeichnet. Klar, es stand ein Gegner auf dem Platz, der die Zonen geschickt versperrte, aber dem darf man sich nicht widerstandslos beugen und die Räume gar nicht mehr anvisieren. So konnte man auch die vielen Unsicherheiten von Torhüterin Marieke Ubachs nicht nutzen. Zwar hätte mit Glück auch ein Distanzball reingehen können, doch für die Abpraller gab es niemanden, der zur Verwertung der zweiten bzw. der abgewehrten Bälle zur Stelle gewesen wäre.

Im Vergleich zur letzten Saison, in der Wörles Mannschaft häufig offensiv in einer 1-2- oder 2-1-Staffelung angriff — also einem Doppelsturm vor einer Zehn oder einer Stürmerin vor zwei Achtern, während die Außenbahnen ausschließlich von den Flügelverteidigerinnen der Fünferkette beackert wurden, hat sich eigentlich was getan. Lisa Evans und Sara Däbritz ergänzen die Sturmspitze von den Flanken aus zu einem Dreiersturm eines 3-4-3 und beide gehörten mit Tempoverschärfungen und Dribblings gegen Twente zu Bayerns Aktiva. Gerade über sie hätten man sich über außen „anschleichen“ können, um dann die Mitte zu attackieren, doch da hinter ihnen ein großes Loch klaffte, arbeiteten sie sich alleine ohne Chance auf Doppel- oder Schnittstellenpässe auf. Leonie Maier zeigte nach einer knappen Stunde, wie es hätte gehen können. Sie vorderlief Evans auf der rechten Seite, blockte im Halbraum mit dem Rücken zum Tor die Gegnerin von Evans weg — im Basketball würde man vom „Aufposten“ sprechen — bekam den Ball, drehte sich rein, also ins Zentrum auf und konnte so einen Seitenwechsel durch die Zentrale vollziehen. Leider wieder nur am Strafraum entlang und nicht hinein…

Insgesamt war es eine taktisch interessante, aber spielerisch sehr durchwachsene Partie. Gerade die Bayern konnten ihre Klasse besonders im letzten Drittel nicht abrufen. Twente überraschte mit gutem Niveau. Die Bayern sind gewarnt und sollten, sofern sie ihre Schwächen abstellen, nächste Woche in der HGK dem Gegner keine Chance lassen.

FC Twente Enschede Vrouwen – FC Bayern München Frauen
FC TwenteUbachs – Heuver, Erman, Van der Gragt, Kerkdijk, Roetgering – Munsterman, Dekker – Roord (71. E. Jansen) – R. Jansen, Van de Sanden
BankAdan, Renfurm, Boerrigter, Van de Ven, Van den Goorbergh
FC BayernKorpela – Schnaderbeck, Holstad, Abbé – Lewandowski, Leupolz, Behringer, Maier – Däbritz (72. Mewis), Evans – Miedema (72. Rolser)
BankZinsberger, Bürki, Beckmann, Wenninger, Feiersinger
Tore1:0 R. Jansen (30.) / 1:1 Leupolz (85.)
KartenGelb: Dekker (34.), Erman (64.), E. Jansen (81.) / Leupolz (49.)
SchiedsrichterinKatalin Kulcsár, Judit Kulcsár, Andrea Hima (Ungarn)
Zuschauer6.512
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Leserkommentare
  1. Thomas

    Der durch Däbritz in der 39. Minute schön vorgetragene Konter hätte als wohl größte Chance der Bayern eine Erwähnung verdient. Ein großes Wow auch an den Zuschauerzuspruch, da scheint man recht effektiv Werbung gemacht zu haben.
    (Der letzte Satz vor den drei Dingen hat ein “war” zu viel.)

    1. Servus Thomas, Danke Dir für die Rückmeldung, der Fehler ist korrigiert. Und zur nicht genannten Torchance, da gab es noch Einiges, Mewis hatte kurz vorm Ausgleich noch einen schönen Schlenzer dabei, auch über den mäßig gelungenen Freistoß an der rechten Strafraumkante vom Tor weg von Behringer hätte man ebenso noch sprechen können wie über ein paar gute Möglichkeiten von Twente. Aber Miasanrot ist sicher kein Ersatz für den Liveticker. Umso schöner, wenn Du hier ergänzt :)

  2. […] auf dem vorletzten Rang in der Krise steckt. Am Mittwoch steht in der Hermann-Gerland-Kampfbahn das Rückspiel gegen Twente Enschede an, das ebenso wie das Spiel gegen Jena mit 1:1 unentschieden endete. Am kommenden Sonntag […]

  3. […] das Hinspiel vor einer Woche hatte keinen Sieger hervorgebracht. Den Führungstreffer von Renate Jansen hatte Melanie Leupolz […]

  4. […] Duell gegen Twente Enschede unglücklich aus, indem sie der Auswärtstorregel zum Opfer fielen (Hinspiel | Rückspiel). Auch in der Liga konnte das Team von Tom Wörle kein Offensivfeuerwerk entfachen. Da […]

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