State of Ancelotti

Länderspielpause. Zeit eine erste Bilanz zu ziehen. Wo steht der FC Bayern Anfang Oktober unter dem neuen Coach Carlo Ancelotti?

Es wirkte in den letzten Tagen so, als ob Carlo Ancelotti in 100 Tagen geschafft hätte, wofür Pep Guardiola zuvor drei Jahre brauchte. Aus den teilweise überschwänglichen Lobeshymnen („Auf Jahre unschlagbar“ – spox.com) vor und zum Start der Saison wurden nach einer Niederlage gegen Atlético und einem Unentschieden gegen den 1. FC Köln mal leise, mal laute Kritik an der Spielweise der Münchner unter dem neuen Coach laut.

Ancelotti, der die manchmal etwas merkwürdigen Pirouetten der medialen Berichterstattung aus Madrid, Mailand und London bestens kennt, wird das nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Dass sich zuletzt unter anderem Franck Ribéry mit einem öffentlichen Appell an die Mannschaft richtete und mehr gemeinsame Arbeit auf dem Feld einforderte, zeigt jedoch, dass es auch unter den Spielern eine gewisse Unsicherheit über die eigene Verfassung gibt.

Rund sechs Wochen nach dem ersten Pflichtspiel unter Ancelotti lohnt sich deshalb der Blick ins Detail. Wie ist die Lage beim FC Bayern unter dem neuen Coach?

Die nackten Zahlen:

Der FC Bayern führt mit drei Punkten Vorsprung vor Hertha BSC die Tabelle an. Viel wichtiger: Der Rekordmeister hat aktuell vier Punkte Vorsprung auf Dortmund sowie sechs auf Leverkusen und Mönchengladbach.

Die Münchner haben in der Bundesliga laut whoscored.com mit Abstand die meisten Abschlüsse pro Spiel (19) und innerhalb des Strafraums (13,3) und damit sogar noch etwas mehr als in der Vorsaison (18/11,7). Unter Ancelotti haben die Bayern etwas weniger Ballbesitz (65,8%/66,4%) und eine minimal schwächere Passquote (87,2%/88%). Sie lassen pro Spiel noch einen Schuss weniger zu als in der defensiv herausragenden Vorsaison (6,7/7,5). Der FC Bayern dribbelt seltener (21/27) und schlägt mehr Flanken als im letzten Jahr unter Guardiola (19/16). Robert Lewandowski führt die Mannschaft bei den Torschüssen mit 5,2 pro 90 Minuten auf die Nachkomma-Stelle genau wie in der Vorsaison an.

Soweit so unauffällig. Dass der FC Bayern mit 4/6 Heimspielen und Gegnern wie Bremen, Hamburg oder Ingolstadt eines der leichtesten Auftaktprogramme aller Bundesligisten hatte, soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. War in den ersten Spielen unter Ancelotti noch das Bemühen eines direkteren Spiels in die Spitze zu beobachten, ist dieser Trend nach dem sehr unrhythmischen Schalke-Spiel etwas abgeflaut. Gleichzeitig ist das Gegenpressing wieder etwas aggressiver geworden als noch zu Beginn.

Das Ancelotti-V

Grundstruktur im Aufbau unter Ancelotti.
Grundstruktur im Aufbau unter Ancelotti.

Die auffälligste Änderung im Vergleich zu den Vorjahren betrifft gleichzeitig das auffälligste Merkmal der Guardiola-Ära. Das Positionsspiel. Ancelotti hat die Strukturen im Angriffsspiel enorm vereinfacht. Das Ancelotti-V ist zum stilbildenden Merkmal geworden. Das V, das bei Alonso oder dem jeweiligen 6er beginnt ist vergleichsweise simpel, ermöglicht aber eine Vielzahl von Dreiecken. Die Flügelspieler können einkippen und die Außenverteidiger das V ergänzen oder durch hinterlaufen verlängern. Spielte Müller entstand hierbei zumindest ab und zu ein etwas asymmetrisches V, wenn es den Nationalspieler vom Flügel wegzog und Lahm hier die rechte Seite häufig alleine bespielte. Stand Rafinha in der Startelf, hielt der jeweilige rechte Flügelstümer wie gegen Köln stärker die Position, während der Brasilianer zurückhaltender agierte. Der Zehner-Raum ist in dieser Struktur ein reiner Ausweichraum für Lewandowski, die Flügelspieler oder einen nachstoßenden Mittelfeldspieler. Gepasst wird in diesen Bereich fast nie.

Werde Miasanrot Patrone & unterstütze unser Projekt. Jetzt direkt teilnehmen und Vorteile sichern oder im Blog mehr erfahren!

Das Ancelotti-V provoziert potenziell eine Reihe von direkten Duellen auf dem Flügel und ermöglicht das unter Heynckes und van Gaal immer wieder praktizierte „two-man-game“ mit einem Flügelstürmer und einem unterstützenden Außenverteidiger. Vor allem die Rolle der Außenverteidiger wird damit wieder linearer als noch in der komplexen Aufgabenstellung unter Guardiola. Alaba ist unter Ancelotti an 3,9 Torschüssen beteiligt. Im Vorjahr waren es nur knapp über 2 wenn er als Linksverteidiger aufgeboten wurde. Auch Lahm und Bernat sind an mehr Torschüssen beteiligt als im Vorjahr und Ribéry hat in 5 Spielen schon mehr Torbeteiligungen (7) als in 13 Auftritten im Jahr zuvor (5).

Auffällig ist, dass diese Struktur vor allem gegen tiefstehende Gegner (Werder, Hertha, 1. Hz. Köln) ansprechend funktionierte und gegen höher pressende Teams wie Ingolstadt und vor allem Atlético eher weniger. Gegen die Spanier wurde am ehesten deutlich, was Kapitän Philipp Lahm unter der Woche wie folgt ausdrückte: “Auch unser Passspiel ist nicht mehr so, wie wir es schon hatten. Unser Passspiel an sich hat sich natürlich nicht verändert, aber die Positionen auf dem Platz schon. Und das muss erst zu 100 Prozent greifen.” Atléticos laufintensives, aggressives Spiel sorgte dafür, dass sich die Entscheidungszeiträume deutlich verkürzten. Es war den Münchnern in manchen Situationen anzumerken, wie sie nach der richtigen Position suchten und in dieser Zeit manchen Ballverlust in der Vorwärtsbewegung provozierten.

Vor allem das seitliche herauskippen der nominellen 8er auf die V-Linie kostet manchmal Zeit. Dass Bayerns Spiel mit dem etwas risikofreudigerem Thiago auf der 6 schneller und direkter wirkte, passt da ins Bild. Denn der Weg vom V zum verpönten, weil wenig durchschlagkräftigem U ist nicht weit.

Die große Frage ist, wie weit der FC Bayern mit dieser Struktur kommt. Unter Guardiola war das Positionsspiel mehr als ein Gerüst. Es war einwesentliches Element des Spiels, das allein den Unterschied ausmachen konnte. Die stärksten Momente mit dem Ex-Trainer in den Duellen mit Dortmund, dem 7:1 gegen Rom, den Siegen gegen ManCity oder dem Rückspiel gegen Atlético waren sehr eng mit einem nahezu perfekten Positionsspiel verknüpft, das zudem im Detail auf den jeweiligen Gegner angepasst wurde.

Unter Ancelotti wirken die beschriebene V-Struktur und einige andere wiederkehrende Muster eher wie ein grober Rahmen, der es den Einzelspielern ermöglichen soll ihre individuellen Stärken auszuspielen. Die individuelle Klasse steht wieder stärker im Vordergrund als die kollektive Dominanz. Die Leistungen des FC Bayern werden so wieder stärker zu einer Addition von Einzelleistungen. Gegen 90% der kommenden Gegner wird das wohl auch vollkommen ausreichen, doch schon das Atlético-Spiel hat hier zumindest für den Moment ein paar Grenzen aufgezeigt.

In der Vorsaison hatten Guardiolas Bayern die Verschiebe- und Umschaltmaschine der Madrilenen über drei von vier Halbzeiten dominiert und so viele hochprozentige Abschlüsse im Strafraum kreiert, wie kaum eine andere Mannschaft mit so viel Ballbesitz zuvor. Das Positionsspiel war auch hier der Schlüssel. Bei der 0:1-Niederlage in der Vorwoche war der FCB ebenfalls balldominant (67% Ballbesitz), aber eben nicht spieldominant. Dies auf noch nicht perfekt einstudierte Mechanismen und die vergleichsweise kurze Übungszeit zu schieben wie Lahm es andeutete, greift etwas zu kurz. Denn besonders komplex sind die bisher erkennbaren Strukturen eigentlich nicht.

Die Spiele gegen Leipzig, Leverkusen und Mönchengladbach, die zumindest von der Anlage her ähnlich spielen können wie Atlético, werden hier genaueren Aufschluss geben.

Ein Ausblick

Es wird spannend zu sehen sein, wie sich Bayerns Spiel in den kommenden Monaten weiterentwickelt. Bleibt es bei der groben Struktur im Ancelotti-V? Kommen mehr Variationen hinzu? Probiert der Italiener andere Formationen wie ein 3-1-4-2, das den Aufbau stärken, Müller von seiner Flügelrolle befreien und die Rückkehr der „Lineup of death“ mit fünf statt drei Offensivspielern ermöglichen könnte? Das wäre im Hinblick auf eine stärkere Ausrichtung auf die individuelle Überlegenheit der Bayern-Mannschaft nur konsequent.

Wichtig ist ohnehin, dass Ancelotti seine Vorstellungen umsetzt. Wenn er direkter spielen möchte, weil er den Ball schneller in gefährliche Bereiche bringen will, sollte er das tun. Wenn er auch mal aus einer lauernden Position agieren möchte wie mit Real Madrid damals in München, sollte er das tun. Ancelotti muss und soll hier seinen eigenen Weg finden. Nichts wäre schlimmer als ein FC Bayern, der die Ideen von Guardiola im Kopf, aber die notwendigen Tools (die durch die detailversessene Arbeit im Training implementiert wurden) nicht zur Hand hat.

Die Lage sechs Wochen nach dem ersten Pflichtspiel unter Carlo Ancelotti ist ok. Die Ergebnisse sind dabei vielleicht etwas besser als es die Spielweise vermuten lässt. Es gibt durchaus berechtigte Zweifel, ob die bisher vorgegebenen Strukturen ausreichen, um als Ballbesitz-Mannschaft gegen die oberen 10% der Bundesliga und der Champions League nachhaltig erfolgreich zu sein. Allzu abhängig von der individuellen Qualität der Einzelspieler sollte sich Ancelotti jedenfalls nicht machen.

Miasanrot Patreon

Abonniere unsere Beiträge!

Twitter & Facebook

Folge uns über Social Media

Du willst die aktuellsten und wichtigsten News zum FC Bayern lesen? Folge uns auf Twitter @miasanrot oder like unsere Facebook Seite.

Folgen

Leserkommentare
  1. Wow! Ganz großes Kino.

    Die beängstige Nähe des V zum U. ;-)
    Sehr interessant z.B. dass du zeigst, dass Lahms Ausreden tendenziell eher genau das sind: Ausreden. (Was keine Kritik an Lahm sein soll, im Gegenteil, so läuft das Spiel der Diplomatie.)

    Der Sprung von 3 auf 5 Offensive wäre nun aber wirklich zu gewagt für Ancelotti. Aber 4 kann ich mir vorstellen.

  2. rookie

    danke für den tollen Artikel. Es wurde ja auch erwähnt, das leichte Auftaktprogramm. Ich denke die guten Zahlen täuschen ein wenig und ich behaupte am Ende der Hinrunde wird auch statistisch ein gewisser Rückschritt zur Vorsaison erkennnar sein. Es gab bisher her 2 Duelle mit SPitzenmannschaften: BVB und Atletico, gegen beide war man deutlich unterlegen. Es sei denn man misst sich jetzt an Köln und Hertha BSC. Das wäre allerdings eine völlig neue Anspruchshaltung.

    1. “Es gab bisher her 2 Duelle mit SPitzenmannschaften: BVB und Atletico, gegen beide war man deutlich unterlegen.”

      => Ein für die negative Sichtweise sehr vieler Bayernfans absolut typisches Statement!
      Hat man nicht in Dortmund – zum ersten Mal nach 4 Jahren – wieder den deutschen Supercup gewonnen? Zur Erinnerung: Unter Pep hat man zum Saisonauftakt die Spiele in Dortmund mit 2:4 (2013) und 0:2 (2014) jeweils klar verloren!
      2016 gewinnt man in(!) Dortmund … und übrig bleibt ein “deutlich unterlegen”?!

      In Madrid hat man zugegebenermaßen schwach gespielt – “deutlich unterlegen” war man aber abermals definitiv nicht!

      Sehr zutreffend die Einleitung des Beitrags: “Es wirkte in den letzten Tagen so als ob Carlo Ancelotti in 100 Tagen geschafft hätte, wofür Pep Guardiola zuvor drei Jahre brauchte. Aus den teilweise überschwänglichen Lobeshymnen („Auf Jahre unschlagbar“ – spox.com) vor und zum Start der Saison wurden nach einer Niederlage gegen Atlético und einem Unentschieden gegen den 1. FC Köln mal leise, mal laute Kritik an der Spielweise der Münchner unter dem neuen Coach laut.”

      Ich bezeichne das ganz simpel mit “Hysterie pur”!
      Kann man denn erwarten, dass die Mannschaft des FCB immer (in jedem Spiel) seine absolute Höchstleistung abwirft?
      Unter Pep wurden drei grandiose Vorrunden gespielt – und dreimal kam, aus unterschiedlichen Gründen, in der Rückrunde “zur Unzeit” der Leistungseinbruch bzw. war man dreimal in der Rückrunde schwächer als in der Vorrunde … Ob man das früh in der Saison steuern kann (könnte), bezweifle ich, aber wenn “Carlos Bayern” in der Rückrunde stärker sein werden als in der Hinrunde, werde ich genüsslich darauf hinweisen … ;-)

      Als Jahreskartenbesitzer behaupte ich zudem, dass die bisherigen 5 Heimspiel (4 BL; 1 CL) in etwa dasselbe Niveau hatten wie die ersten 5 Heimspiele in der letzten Saison.

      2014 hatte man die ersten beiden Auswärtsspiele bei denselben Gegnern wie 2016: Auf Schalke spielte man 1:1, in Hamburg 0:0. Letzte Saison waren die Spielverläufe bei den Auswärtssiegen auf Schalke (3:1) und in Hamburg (2:1) den 2016er Spielen nicht unähnlich.
      Ingolstadt: Da tat man sich beim 2:0 zu Hause (im Dez. 2015) genauso schwer wie vor ein paar Wochen beim 3:1!

      Und wir sind uns doch auch einig, dass die Klasse einer Mannschaft zwar sehr von der (funktionierenden) taktischen Ausrichtung abhängig ist, vielmehr aber von der individuellen Klasse und aktuellen Spielform seiner Protagonisten. Da gibt es bei den Bayern eben auch einige mit Durchhängern – Thomas Müller wurde hier schon thematisiert. Wenn nur bei ihm der Knoten endlich wieder platzt, dann sieht es schon für die Bayern (insgesamt) wieder besser aus. Hätte Müller in Madrid bei seiner 100%igen in der 13. min. das 1:0 gemacht, würde eventuell die gesamte Diskussion hier anders laufen … und der obige Beitrag ein anderer sein …

      Fußball ist kein Schach! 5 EURO ins Phrasenschwein!

      Think positive! … äh … und liebe Bayernfans: Lebt endlich das propagierte “mia san mia”!! ;-)

      PS: Und dann gibt es noch die ganz anders denkenden Bayernfans. Folgende SMS habe ich gestern von einem Fußballkumpel bekommen, der eine Karte für ein FCB-BL-Spiel wie folgt abgelehnt hat: “…Muss aber gestehen, dass ich BL-Spiele nach den Jahren der Dominanz nicht mehr so spannend finde…. Verwöhnung durch SKY zu Hause… Luxus-Probleme.. ;-) ”

      => Was jetzt? Ist der aktuelle FCB zu gut und zu dominant oder (zu) schlecht? “Luxus-Probleme” ;-) ;-)

      1. Ju

        @Peter: Es stimmt natürlich, dass man gegen Atletico nicht “deutlich” unterlegen, auch ansonsten nie wirklich schlecht war und auch im letzten Jahr zu diesem Zeitpunkt so seine Probleme hatte. Ich stimme dir auch vollkommen zu, dass man es der Bild überlassen sollte, den Teufel an die Wand zu mahlen.

        Richtig ist jedoch auch, dass offensichtlich gegen hohes, intensives Pressing kein funktionierender Ansatz verfolgt wird. Das ist unangenehm, da wir zwar alle hoffen, dass das Trainerteam dazu einen Plan in der Tasche hat, dieser jedoch im Moment zumindest noch nicht zu erkennen ist. Es ist ja nicht so, dass wir in der Vergangenheit noch kein Trainerteam hatten, bei denen niemals eine funktionierende, ausgereifte Struktur auf dem Platz zu sehen war. Ich zumindest kann deswegen im Moment meine Unzufriedenheit nicht ganz herunterschlucken und kann bei allem Optimismus nicht zustimmen, dass im Moment kein Grund zur Sorge gegeben wäre.

      2. @ Ju: auch ich gebe dir grundsätzlich recht.

        “Glücklich” bin ich mit den “aktuellen Bayern” auch noch nicht richtig. Aber dieses (“Glücks”)Gefühl gab es auch unter Pep zuletzt selten.

        “Wir verwöhnten Bayernfans” haben mittlerweile ein Anspruchsdenken, das wohl keine Mannschaft dieser Welt zur vollsten Zufriedenheit erfüllen kann. Wenn wir mit dieser Spielweise am Anfang der Saison 2012/13 oder gar 2011/12 stünden, würden wir uns wohl dagegen mit Lobpreisungen überschlagen ;-)

        Euphorisch kann man aktuell sicher nicht sein, Grund zu “wirklicher Sorge” besteht aber gewiss auch nicht.

  3. Ju

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel, der ist ausgezeichnet gelungen. Ich hoffe, dass das Thema mittelfristig wieder aufgegriffen wird.

  4. Jo

    Hochinteressanter Beitrag.
    Das Problem bei den ganzen statistischen Auswertungen ist, wie auch schon angeklungen, das exorbitant günstige Auftaktprogramm. Dass diese Zahlen noch nicht für eine ganze Saison aussagekräftig sein können ist klar.
    Insofern ist für mich eher die taktische Analyse maßgebend. Wie spielen wir, warum und mit welcher Tendenz?
    Da bleibt für mich das Spiel momentan hinter den Ergebnissen zurück. Bezeichnend in diesem Zusammenhang auch die kritischen Aussagen von Spielern wie Boateng, Neuer und Lahm. Das sind teils so deutliche Statements wie man sie von Bayernspielern in den letzten Jahren selten gehört hat. Es scheint auch eine gewisse Unzufriedenheit in der Mannschaft mit dem derzeitigen Spiel zu geben. Sehe ich mal positiv. Besser als wenn man sich in einer Scheinzufriedenheit selbst einlullen würde.
    Ein Thema hat Ancelotti jedenfalls geerbt, das ihn genauso wie Pep begleiten wird. Sein Erfolg wird maßgeblich davon abhängen welche Spieler er wann in welcher Form zur Verfügung hat. Gerade bei Bayern mit seinem gesundheitlich sehr “sensiblen” Kader immer eine sehr spezielle Frage. Und gerade für Ancelotti, der maßgeblich von der individuellen Stärke seiner Akteure lebt, vielleicht mit die wichtigste.

  5. wipf1953

    Ein wirklich grandioser Beitrag, der fußballtaktisch wirklich weiterhilft.

    Ich will aber noch einen anderen Punkt einstreuen. Bayern läuft erstaunlich wenig (was auch gegen Atletico der Fall war). Auch in den letzten drei Jahren war die reine Laufleistung der Bayernspieler immer geringer als die der Gegner. Mir scheint aber, dass sich Bayern nun noch ein wenig mehr zurückhält.

    Liegt das an dem einfachen Aufbauprogramm, oder steckt da eine komplexere Idee dahinter?

    1. “Ich will aber noch einen anderen Punkt einstreuen. Bayern läuft erstaunlich wenig (was auch gegen Atletico der Fall war). Auch in den letzten drei Jahren war die reine Laufleistung der Bayernspieler immer geringer als die der Gegner….”

      Und jetzt fehlt mit Mario Götze auch noch der mit Abstand laufstärkste Bayern-Spieler der letzten 3 Jahre!! ;-) ;-)

    2. Jo

      Ich würde da noch nicht so viel hinein interpretieren. Dazu ist die Datenbasis noch zu dünn. Und wenn dann die Mannnschaftslaufleistung mal um ein paar Km hin oder her schwankt? Da reden wir von vielleicht 2 oder 3 Prozent Änderung. Das erscheint mir nicht sonderlich signifikant.

      Interessanterweise sah es zu Beginn der Saison teilweise noch etwas anders aus. In Dortmund hatten wir das fast schon historische Moment, dass wir mehr Strecke als der BVB abgespult hatten. Und mit Schalke lagen wir fast gleichauf. Das waren, wenn ich mich recht erinnere, jeweils so um die 115,116 km, also für uns über dem Schnitt.

      Um dann mal doch zu spekulieren: Wenn ich das mit der hier von Steffen postulierten taktischen Änderung nach dem Schalkespiel (weniger vertikales, direktes Spiel, weniger hin und her) zusammenbringe, könnte man auf die Idee kommen Carlo hat auf diesen Sachverhalt reagiert. So in dem Sinne: Wenn wir mit dem Aufwand die ganze Saison über drei Wettbewerbe betreiben wollen, könnte es gegen Ende problematisch werden.

  6. Osrig

    Oh ja, ich finde auch, es ist ein gut gemachter und interessanter Artikel! Und er befeuert weiter die Diskussion um Ancelotti und Vorgänger Guardiola!
    Klar, nach 6 Wochen und 10 Pflichtspielen bleiben viele Dinge noch spekulativ, lassen sich verlässliche, eine mögliche Entwicklung genauer vorhersagende Daten noch nicht erheben. Aber darum kann es jetzt ja auch noch nicht gehen!
    Zumal ja auch noch berücksichtigt werden muss, dass die Abläufe auf dem Platz anders sind und eben noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind.

    Aber, es lässt sich nach immerhin schon 10 Spielen eine Tendenz erkennen, wie ja auch mit dem “Ancelotti-V” schon aufgezeigt wird.
    Und diese Tendenz bedeutet eben auch, dass unsere Mannschaft defensiv anfälliger wirkt, nach vorn jedoch noch nicht die Durchschlagskraft der Guardiola-Ära entwickelt hat.
    Sicherlich kann dafür die bereits erwähnte noch fehlende Feinabstimmung als Grund angeführt werden.
    Doch greife ich dieser Tendenz weiter vor, so ist zu befürchten, dass wir gegen stärkere Gegner mehr Schwierigkeiten bekommen werden, als uns lieb sein kann, denn bekannter Maßen gelingt es starken Mannschaften leichter, Fehler zu erzwingen und diese dann auch auszunutzen.
    Damit stellt sich automatisch die Frage, woran es liegt, dass die eigenen Stärken nicht mehr in ausreichender Weise auf den Rasen gebracht werden – und da wird beinahe zwangsläufig in einigen Wochen, vorausgesetzt die Tendenz bewahrheitet sich, die Systemfrage wieder stärker in den Vordergrund rücken.

    Systemfrage, das heißt nicht nur Dominanzsystem versus Umschaltfussball, es wird dann auch danach gefragt werden, ob es sinnvoll ist, die taktische Ausrichtung des gesamten Mannschaftsgefüges zu vernachlässigen zu Gunsten einer stärkeren Betonung der individuellen Qualität der einzelnen Spieler. Und da sehe ich – im Moment jedenfalls – große Probleme auf uns zu kommen. Denn, auch wenn wir fraglos hohe bis höchste Qualität bei unseren Spielern finden, und Ancelotti sich sicherlich zu Recht den Ruf erworben hat, jeden einzelnen Spieler seinen Fähigkeiten entsprechend am Besten einsetzen zu können, so gilt es dennoch zu berücksichtigen, dass auch – gerade auf höchstem internationalen Niveau – unsere Gegner ebenfalls über Spieler mit außerordentlich guten Fähigkeiten verfügen. Hier auf den Unterschied zu hoffen halte ich für gefährlich!

    Und deswegen, bei allem Respekt vor deiner Bereitschaft, dich vor Mannschaft und Trainer zu stellen, @Peter, da bin ich doch anderer Meinung als Du! Ich widerspreche dir, wenn Du sagst “Und wir sind uns doch auch einig, dass die Klasse einer Mannschaft zwar sehr von der (funktionierenden) taktischen Ausrichtung abhängig ist, vielmehr aber von der individuellen Klasse und aktuellen Spielform seiner Protagonisten”!
    Nein! Auf die ganze Saison und alle Wettbewerbe bezogen kommt es eben doch viel mehr auf die taktische Ausrichtung und ihre gelingende Umsetzung an. Es ist die überlegene taktische Ausrichtung im Zusammenspiel mit den richtigen Justierungen während einer Partie, die den Grund für Erfolg oder Misserfolg einer Saison darstellt. Die individuellen Qualitäten einzelner Spieler erleichtern die Umsetzung solch einer Ausrichtung und können in einem einzelnen Spiel auch den Unterschied ausmachen – niemals aber in Bezug auf eine ganze Serie.
    Deswegen bestreite ich auch die Behauptung, Mannschaften wie unser FC Bayern könnten auch mit dem Greenkeeper Meister werden. Im Gegenteil, auf dem Niveau, auf dem sich unser FCB mittlerweile bewegt, kommt der Spielphilosophie und somit dem diese Philosophie vertretenden Trainerstab auf allen Vereinsebenen höchste Bedeutung zu.

    Ich hoffe daher, dass Ancelotti sich wieder mehr am Dominanzsystem – d.h. Spielkontrolle – orientiert, um dann aber seine Stärken, gerade auch was die Berücksichtigung individuellen Könnens unserer Jungs betrifft, stärker einzubringen.
    Denn, auch das sollte klar sein, ohne diese Qualitäten geht es auch nicht!

  7. FR7

    Ancelotti holte ja nur drei Champions League Titel. Ausversehen? Dafür, dass er eurer Meinung nach wenig taktisches Know-How hat hat er uns 2014 aber deutlich plattgemacht ;) Viele Kommentare sind absolut undifferenziert und polemisch. Taktik ist halt nicht alles. Auch wenn es ein Taktikblog wie Dieser es gerne so hätte. Es braucht mehr als nur Taktik und “Ingame Tuning” um wichtige Spiele zu gewinnen. Es braucht auch soziales Feingefühl, Vertrauen zu und von den Spielern um 110% aus ihrer Leistung rauszuholen. Alles Aspekte die Guardiola zu exakt 0% verkörpert hat. Heynckes und Hitzfeld hingegen schon. Trainer mit denen wir die CL gewonnen haben. Eine letzte Frage noch, wo war Peps taktisches Ingame Tuning als wir zuhause 0:4 von Ancelotti gedemütügt wurden? Wo war sein Taktil Know-How als wir in Barcelona taktisch fast alles falsch gemacht haben was wir falsch machen konnten? Ancelotti wird im Laufe der nächsten drei Jahre mindestens einmal die Champions League gewinnen, darauf lege ich mich fest.

    1. Jo

      Dann gehst du davon aus, dass Ancelotti drei Jahre bleibt?
      Das wäre eher ungewöhnlich. Ancelotti hat bisher sieben Vereine trainiert. Wenn ich mal die Ausnahme (-Situation) bei Mailand außer Acht lasse waren das immer (also bei sechs Vereinen) nie mehr als zwei Jahre Verweilzeit.
      Er hat das verschiedentlich, am nachdrücklichsten wohl natürlich in seinem “Leadership”-Buch, als seine eigene Erfolgskurve, die Ancelotti-Kurve beschrieben.
      Die, vereinfacht gesagt, relativen Erfolg am Anfang seiner Tätigkeit und relativ weniger Erfolg im weiteren Verlauf bedeutet.
      Was jetzt relativer Erfolg und Misserfolg ist, darüber könnte man sicherlich diskutieren.
      Wenn man das mit seinem bisherigen Lebenslauf und den “üblichen” zwei Jahren in Verbindung bringt hieße das in etwa:
      Er ist der Mann des Erfolgs im ersten Jahr und des relativen Absinkens im zweiten Jahr, welches dann üblicherweise in der Trennung endet.
      Bei Bayern kommt noch der Faktor des Lebenszyklus der großen Mannschaft der 2010-er Jahre hinzu, der sich allmählich dem Ende zuneigt.
      D.h. Ancelotti hat mutmaßlich ein großes Jahr für sich in dem er liefern kann und muss. Danach werden die Aussichten wahrscheinlich deutlich trüber.

      1. Tipic

        Ganz deiner Meinung. Ancelotti bleibt bis zum Ende der Saison 2017/18, dann übernimmt Tuchel und kümmert sich um den Aufbau der Post-Lahm-Robbery-Ära.

    2. Osrig

      @FR7: Ich empfinde den Inhalt deines Beitrages selbst als undifferenziert und polemisch, z.B. wenn Du – wie viele Guardiola-Kritiker – Peps Wirken einzig auf das 0:4 gegen Real reduzierst, oder ihm jegliches soziales Feingefühl absprichst. Bedauerlich, denn damit minderst Du m. M. n. die Qualität deiner Beitrage.
      Lassen wir dieses Ent- oder Weder-Denken, diese Schwarz-Weiss-Malerei doch endlich mal sein, und realisieren, dass es immer um Verhältnismäßigkeiten geht!!
      Nein, natürlich braucht es mehr als Taktik und gutes “In-game coaching”, um auf höchstem Niveau erfolgreich zu sein. Volle Zustimmung! Aber es wird auch ernsthaft niemand etwas anderes behaupten wollen! Was einige von uns – mich eingeschlossen – hier aber darstellen, ist unsere Überzeugung, dass Taktik und die Fähigkeit, im Spiel auf den Gegner zu reagieren, bei Weitem die wichtigsten Fähigkeiten sind, welche ein Trainer und sein Stab mitbringen müssen. Die Fähigkeit, sich auf die unterschiedlichen Spieler und ihre Stimmungen einzustellen, sie zu motivieren, “bei Laune” zu halten, spielt sicherlich ebenfalls eine bedeutsame Rolle, steht in der Wertigkeit aber deutlich unter der Taktik. Womit aber keineswegs gesagt wird, diese “Sekundärtugenden” wären unwichtig – sie stehen eben nur nicht ganz oben.

      Und dazu passt eben auch das sich abzeichnende Problem: Ist es besser, auf die individuellen Fähigkeiten der Spieler zu bauen und sie noch über ein taktisches System zu stellen, sie quasi “einfach machen lassen”, oder sollte eben doch das System und das In-game coaching die größere Rolle spielen und die Top-Leute ihre Qualitäten eben “nur” im Rahmen vorgegebener taktischer Strukturen einbringen?

      Eine wie ich finde hochinteressante Frage, die ich für mich dahingehend beantworte, dass ich das System über die individuelle Klasse stelle, weil ich denke, dass auf Top-Niveau in Europa die Mannschaften alle herausragende Spieler in ihren Reihen wissen, und sich somit die Teams in dieser Hinsicht neutralisieren. Daher ist Taktik und Spielverständnis gerade ganz oben am wichtigsten.

      1. Tipic

        Richtig! Die Frage dahingehend zu beantworten, dass die individuelle Klasse der Spieler über dem System steht, würde ja implizieren, dass man über die besten Spieler verfügt. Das mag in der BuLi zutreffen, aber doch nicht in der CL. Barca etwa verfügt meiner Meinung nach über mehr individuelle Klasse als wir.

  8. Christoph

    Ich mache mir bisher überhaupt keine Sorgen: Man vergisst bei aller – auch eurer – Begeisterung über Guardiola oft, dass im letzten Saisondrittel oft arger Rumpelfussball gespielt wurde. Klar er fühlte sich nicht nicht so rumpelig an, weil der Ball immer flüssig lief, man aber grosse Probleme hatte zu Anschhlüssen zu kommen.

    Meine Haupt-Hoffnung von Beginn an bei Ancelotti war, dass er die Mannschaft behutsamer zum Spielsystem führt, behutsamer geistig wie körperlich belastet, so das die Mannschaft zum Ende der Saison hin ihre beste Leistung bringen kann.

    Ob das so sein wird wie ich hoffe? Das weiss ich natürlich nicht.

    1. Osrig

      “Arger Rumpelfussball”??? Meinst Du nicht, Du übertreibst ein wenig? Auch wenn einzelne Spiele nicht so effektiv nach vorn gespielt wurde – Guardiola und Rumpelfussball, das schließt sich aber mal völlig aus! ^^
      Da würde der Begriff, wenn überhaupt, noch eher zu Carlos momentanem Stil passen – und selbst Ancelotti läßt doch einen recht gepflegten Fussball spielen, der auch viel Potential hat, auch Ästheten wie mich zu begeistern. Auch wenn ich zur Zeit sein System für schwächer halte als Peps Idee vom Spiel.

  9. […] haben uns in den vergangenen Tagen bereits mit der V-Struktur des Italieners beschäftigt. Dabei ist aufgefallen, dass die Zone 14 nur selten besetzt ist und wenn doch, dann […]

  10. […] Länderspielpause. Zeit für Mia San Rot eine erste Bilanz zu ziehen. Wo steht der FC Bayern Anfang Oktober unter dem neuen Coach Carlo Ancelotti? Viel wurde bereits über die Unterschiede und Gleichheiten der Bayern zum Spielstil unter Pep Guardiola und dem neuen Trainer geschrieben. Inwiefern die Bayern im Vergleich zur Vorsaison wirklich anders spielen erfahrt Ihr in diesem Text. […]

  11. […] Pole hält sich länger im Sturmzentrum auf und unterstützt seltener seine Mitspieler im Halbraum. Für alle die sich näher mit Ancelottis System auseinandersetzten wollen, denen ist der Artikel von… Ancelottis Positionsspiel ist zwar etwas freier, die Spieler sind nicht mehr so sehr an bestimmte […]

  12. […] dazu, die taktische Entwicklung der bisherigen Saison zu beurteilen. Steffen beschäftigte sich damit im Generellen, Justin konkreter mit der “Zone 14”. Dazu gab es wie gewohnt die Vorschau auf Eintracht […]

  13. […] im Positionsspiel geschrieben, außerdem seien jedem die Artikel auf Miasanrot ans Herz gelegt. Einmal werden Ancelottis Neuerungen beschrieben, in einem anderen Artikel geht es um die Probleme in Zone […]

  14. […] Die Strukturprobleme des FC Bayern werden derzeit in fast jedem Spiel von der individuellen Qualität aufgefangen. Im gesamten Spiel gab es gegen Frankfurt maximal zwei oder drei gut durchdachte Angriffe, der Rest resultierte aus langen Bällen, Halbfeldflanken, oder Einzelaktionen. Man kann dieser Mannschaft bei aller Kritik die Einstellung nicht absprechen, sie nahm die harte Spielweise des Gegners an und zeigte so Nehmerqualitäten. Aber es reichte eben nicht. Das zweite Unentschieden in Folge unterstreicht alle Probleme, die wir in diesem Blog schon seit Wochen diskutieren. […]

  15. […] Länderspielpause. Zeit für Miasanrot eine erste Bilanz zu ziehen. Wo steht der FC Bayern Anfang Oktober unter dem neuen Coach Carlo Ancelotti? Viel wurde bereits über die Unterschiede und Gleichheiten der Bayern zum Spielstil unter Pep Guardiola und dem neuen Trainer geschrieben. Inwiefern die Bayern im Vergleich zur Vorsaison wirklich anders spielen erfahrt Ihr in diesem Text. […]

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Miasanrot.com — Der FC Bayern München Blog