Vorschau: Borussia Dortmund – FC Bayern München

Interview mit Stephan Uersfeld

Will man die Abschnitte der Hinrunde nach Länderspielpausen unterteilen, so geht es für den FC Bayern nun in das letzte Viertel. Dieser Schlussspurt des Kalenderjahres hat es in sich und startet in Dortmund dementsprechend anspruchsvoll.

(Grafik: Michael Böck)
(Grafik: Michael Böck)

Für den BVB läuft die Saison aus verschiedensten Gründen noch nicht ganz wie geplant, doch mit einem Sieg über die Bayern wären sie wieder oben dran. Wir sprachen mit ESPN-Korrespondent Stephan Uersfeld über die aktuelle Lage beim Dauerrivalen der letzten Jahre.

Zunächst möchte ich dich kurz um ein paar Worte zu dir selbst bitten. Was machst Du und welche Verbindung hast Du zum BVB?

Hallo. Hallo. Ich bin meist Germany Correspondent für ESPN FC. Dann berichte ich über die Banalitäten des deutschen Liga-Alltags und Bierhoffs Visionen. Wenn es mir wieder richtig schlecht geht, schlüpfe ich in die Rolle des versoffenen Ermittlers Dietfried Dembowski, dem Alleinherrscher über den DID. Als Dortmunder blieb mir keine andere Wahl. Dort werden alle am Borsigplatz geboren. So natürlich auch ich. Das ist in der Tat alternativlos. In meinen ersten fünf Lebensjahren war ich Bayern- und Schalke-Fan, trug Iveco Magirus und Paddock’s. Das ging bald vorbei.

Dortmund hat eine extrem stabile und gute letzte Saison gespielt. Was war deiner Meinung nach der Schlüssel für den Erfolg?

Die extrem gute Vorbereitung. Die Mannschaft war früh zusammen, hat sich auf der Asientour gefunden, in der Europa League-Qualifikation unter Pflichtspielbedingungen warmgeschossen. Der Liga-Auftakt war relativ leicht. Gerade nach dem 4:0 Sieg gegen desolate Gladbacher, bei dem man die neue Abgeklärtheit perfekt sehen konnte. Lange Ballbesitzpassagen, dann blitzartiges Ausbrechen, ein Pass zwischen die Linien. Eine schnelle Bewegung. So ging das neue System, so ging der Ballbesitz direkt in die Köpfe der Spieler. Sie haben Geduld gelernt. Sie haben Selbstvertrauen getankt und waren in der Liga da. Über erstaunlich lange Zeit.

In dieser Saison läuft es noch nicht so. Das liegt auf der einen Seite am Verletzungspech, auf der anderen aber auch an drei sehr wichtigen Spielern, die den Verein verlassen haben: Hummels, Gündogan und Mkhitaryan. Wer fehlt dem BVB am meisten und wieso?

Ilkay Gündogan. Er hat eine starke Hinrunde gespielt, war das Verbindungsglied zwischen Weigl und der Offensive. Er ist ein Ausnahmespieler. Als er dann nach Bayern ausfiel und sein Wechsel in trockenen Tüchern war, ging auch die Dortmunder Saison den Bach runter. So wie das eben noch ging. Aus gegen Liverpool. Niederlage im Pokalfinale. Punkterekord verfehlt. Klar. Mkhitaryan in der Form der letzten Saison kann man auch kaum ersetzen. Hummels Aufbausspiel war nicht ohne, aber der war trotz Kapitänsbinde schon lange nicht mehr unumstritten.

Mario Götze und Sebastian Rode sind am Anfang der Spielzeit nach Dortmund gewechselt. Wie machen sich beide bisher und welche Rolle werden sie im Kader einnehmen?

Götze hat sich gut eingefügt. Er ist nicht mehr der Star, der Ausnahmespieler, sondern jemand, der mit seinen Bewegungen und kurzen Pässen Räume kreiert und findet. Seine Rückkehr ist mittlerweile kein Thema mehr. Götze muss sich noch finden, aber das muss die Mannschaft auch noch. Die zentrale Rolle im 4-1-4-1 steht ihm ausnehmend gut. Dort werden wir ihn auch am Samstag sehen. Dann neben Guerreiro. Sebastian Rode macht Rode-Dinge. Er ist kein schlechter Spieler, aber auch niemand, der die Mannschaft inspirieren kann. Auf der defensiven Position ist ihm Weigl einige hundert Meter voraus, in der zentralen Position davor gibt es Castro, Götze, Guerreiro und Kagawa, die alle andere, größere Qualitäten haben. Er wird es schwer haben. Man fragt sich schon, ob er nicht einfach Teil eines Tauschgeschäfts war.

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Halb Europa jagte ihn, doch nur der BVB bekam ihn: Ousmane Dembélé.(Foto: Maja Hitij / Bongarts / Getty Images)
Halb Europa jagte ihn, doch nur der BVB bekam ihn: Ousmane Dembélé.
(Foto: Maja Hitij / Bongarts / Getty Images)

Neben einigen erfahreneren Spielern hat man vor allem Talente geholt. Dembélé, Mor und Guerreiro sind da einige Beispiele. Hinzu kommen noch junge Akteure aus dem eigenen Jugendbereich, wie Passlack oder Pulisic. Bist Du optimistisch, dass der BVB in den nächsten Jahren noch stärker zurückschlagen kann?

Zurückschlagen ist nicht. Darum geht es auch nicht. Dortmund wird auch in den nächsten Jahren immer wieder Spieler verlieren. Gerade Christian Pulisic wird seine Karriere nicht an der B1 verbringen können. Er muss die Hoffnung einer ganzen Nation schultern. Insofern erübrigt sich diese Frage. Der Kader 2016/2017 wird in dieser Form nicht zusammenbleiben. Der BVB wird wieder neue Lösungen finden müssen. Aber klar: So ein Spieler wie Guerreiro hat schon brutal viel Qualität. Und in Deutschland wird man in den Top 4 bleiben. Das zählt. Alles andere kannst Du nicht beeinflussen. In der Champions League, später in der Superliga, wird der BVB Dauergast sein und hin und wieder etwas gewinnen. Eher den internationalen Titel als die Meisterschale.

Hat sich aufgrund der großen Veränderungen im Kader auch die Spielweise der Tuchel-Elf verändert? Wo liegen die größten Stärken und Schwächen des BVB?

Es sind nicht einmal die Veränderungen im Kader, die die Veränderungen auf dem Platz ausgelöst haben. Tuchel spielt nunmehr beinahe ausschließlich im 4-1-4-1 und hat, auch bedingt durch die langen Verletzungen von Reus und Schürrle, extrem auf die jungen, schnellen Spieler gesetzt. Dembélé hat gerade in seinen ersten Auftritten die Abwehrreihen auseinandergenommen, immer wieder den Ball am Gegner vorbeigelegt, gerannt, Ball geholt. Pulisic hat natürlich mehr Zug zum Tor.

Die Offensive hat, wenn sie denn funktioniert hat, exzellent funktioniert. Aber sie ist extrem abhängig von Julian Weigl, der, genau wie Hummels vor einigen Spielzeiten, als der Schlüssel zum Erfolg gegen die Borussia ausgemacht wurde. Wird er zugestellt, früh attackiert, werden ihm die Wege abgeschnitten, sieht es für die da vorne düster aus. Gerade da Sokratis und Ginter ihm selten Last abnehmen können und Bartra lange ausfiel.

Der Spanier hat eine fantastische Packing-Rate. Sein Pass vor dem 1:0 in Wolfsburg war ein Meisterwerk. Defensiv haben auch die vielen Verletzungen bislang eher an die Doll-Jahre erinnern lassen. Jede Woche eine neue Formation. Keine Stabilität. Mal spielt der, mal spielt der. Und jeder bringt seine Schwächen ein. Piszczek ist in die Jahre gekommen, Bartras Stellungsspiel mit Sicherheit noch nicht perfekt. Gegen Ingolstadt kassierst du dann noch zwei Treffer nach Freistößen aus dem Halbfeld. Was soll man da sagen? Das ist schlimm.

Die Münchner sind schlagbarer geworden. Wie nimmst du die Diskussion um die wiederentdeckte Menschlichkeit des FC Bayern wahr und siehst du eine Möglichkeit, dass es in dieser Saison einen anderen Meister geben wird?

Kurzer Blick auf die Bundesliga-Tabelle. Bayern nach 10 Spielen ungeschlagen. Also erübrigt sich die Frage, erübrigt sich die Diskussion. Trainer, Titel, Turniere gehen auch an der Säbener Straße nicht grußlos vorbei. Das war allen klar. Schon als die große Zeit begann. Zu der eigentlichen Frage: Nein, ich sehe da keine Möglichkeit. Leipzig surft noch ein wenig auf der Welle des Dortmund Spiels. Das war zu erwarten. Aber sie werden das nicht durchhalten. Hasenhüttl klagt jetzt schon. Hoffenheim, Berlin schon gar nicht. Der BVB ist zu instabil, Leverkusen hat Schmidt. Fluch und Segen. Die Bayern-Verfolger bewegen sich am oberen Rand, der Serienmeister spielt halt mit und sich für die Rückrunde ein.

In welcher taktischen Ausrichtung erwartest du beide Teams am Wochenende?

Dortmund wird auf Erfahrung setzen. Und sich diesmal nicht an den Bayern orientieren. Reus, Guerreiro, Götze und Schürrle hinter Aubameyang. Darauf hat man lange gewartet. Dazu Weigl. Hinten mit Bartra und Sokratis, mit Piszczek und Schmelzer. Klassisch. Mit der Hoffnung, mehr Ballbesitz zu erlangen, das Spiel so gut wie möglich aus der eigenen Hälfte halten.

Bei Euch stellt sich natürlich die Frage, wer überhaupt fit ist. Lahm und Alonso. Das ist klar. 4-3-3 wohl auch. Aber mit Robbery? Was ist mit Müller? Costa? Kimmich? Keine Ahnung. Gefühlt hat Ancelotti schon einige falsche Entscheidungen getroffen. Kann er gerne wieder machen. Also Ribéry rein und nach ein paar Minuten mit roter Karte wieder runter. Dann sind alle glücklich. Vidal ist der Schlüssel, kommt, aus Dortmunder Sicht, hoffentlich angeschlagen zurück.

Wie geht das Spiel aus?

Unentschieden. 1:1 Tore.

Wenn Du einen Spieler des FC Bayern zum BVB transferieren könntest: Wer wäre es und wieso?

Kimmich. Das ist ja keine Frage. Allein schon, um Euch bei miasanrot zu zerstören. Kicken kann er auch noch.

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Leserkommentare
  1. Justin Hagenberg-Scholz

    Der Interwiewte ahmt mit Sätzen wie “So ein Spieler wie Guerreiro hat schon brutal viel Qualität” immer noch Jürgen Klopp nach. Traurig. Bei der Analyse von Marc Bartra (“Der Spanier hat eine fantastische Packing-Rate”) wäre ein Verweis auf mich angemessen und fair gewesen. Justin Hagenberg-Scholz

  2. Beobachter

    Ich bin irgendwie skeptisch, was die Erfolgsaussichten angeht. Ich würde derzeit auch am ehesten von einem UE ausgehen. Dortmund ist zwar derzeit auch nicht das Nonplusultra (siehe Tabellenplatz), aber die Roten sind diese Saison eine echte Wundertüte. Bislang leider öfter mit dem Ausschlag zum schlechteren Ende. Aber vielleicht klappt es. Sieg in Dortmund wäre schon schick :)

  3. Done

    Zum Interview: “später in der Superliga…” Hab ich da was verpasst? Ist die schon so konkret?

    Meine Thesen:

    1. Der FC Bayern wird gewinnen.

    2. Beide Teams werden treffen.

    3. Thomas Müller wird an drei Toren direkt beteiligt sein.

    4. Die Münchner behalten an diesem Spieltag die Tabellenführung.

    5. Kimmich wird beginnen. (HOFFENTLICH!)

  4. Pat

    Ich gebe zu, dass ich Zweck-Pessimist bin. Letztes Jahr jedoch bin ich nach Dortmund mit der Überzeugung, dass wir gewinnen. Wir haben lediglich Remis gespielt, obwohl wir über weite Strecken des Spiels die besser Mannschaft waren. Es war kalt, ein Abend-Spiel und eine riesige Stimmung. Morgen werde ich wieder da sein, mit denselben Voraussetzungen: kalt, Abend-Spiel und vermutlich Riesen-Stimmung. Nur diesmal habe ich kein gutes Gefühl bei der Sache. Bin daher mit Justins Thesen einverstanden.

  5. Erich_B

    Vor jedem Spiel gegen den BVB steigt ja ein wenig die Nervosität und auch aufgrund des starken Gegners der Pessimismus.

    Aufgrund der spielerischen Rückschritte in der Saison glaube ich nicht an einen Erfolg am Samstag. Zum anderen sind wenig Spieler in Topform.

    Was mich aber am meisten stört:
    Aktuell wird für mich ersichtlich wie verfehlt die Personalpolitik ist.
    – Robben ist eh nie fit, bei den wichtigen Spielen schon gleich gar nicht. Wenn ich jetzt noch lese, mal will den Vertrag verlängern, frage ich mich ob die Erfolge der letzten Jahre blind gemacht haben. Das Robben eine unfassbare individuelle Klasse hat ist klar, bloß wie oft in der Saison ? 15 ? Gegen Gegner wie den HSV ?
    – Für Ribery gilt das gleiche.

    Es gibt noch etliche Spieler die ich aufzählen könnte wie z.B. Martinez der auch nicht über 3-4 Monate in Schwung kommt.
    Über Alonso will ich gar nicht mehr schreiben, völliger Irrwitz.

    Vielleicht tut eine Niederlage gegen den BVB gut, ansonsten wird wieder alles schön geredet.

    1. Jo

      Ja den einen oder anderen Spieler hätten wir sicher noch gebraucht. War ja immer schon klar.

      Richtig spannend wird es dann erst in den nächsten beiden Transferperioden. Momentan scheint z.B. ein Szenario denkbar, dass mit Lahm, Alonso und Rafinha die Spieler die annähernd immer zur Verfügung stehen aufhören (müssen), während mit den Phantomen Robben, Ribery und Badstuber verlängert wird.

  6. […] Weigl litt in der aktuellen Saison lange Zeit unter der fehlenden Unterstützung durch Hummels und eines spielstarken Achters. Der BVB […]

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