Spieler des Jahres 2015: Jerome Boateng

Matthias Sammer ist gewiss niemand, der bekannt dafür ist allzu leicht ins Schwärmen zu geraten. Der Münchner Sportvorstand zelebriert seine Rolle als Mahner mit beinahe pädagogischem Ansatz und einem Hang zur Relativierung. Sammer tritt gern auf die Bremse, wenn einer der seinen zu schnell oder zu hoch gelobt wird. Er spricht dann gern von Konstellationen und Entwicklungen, die sensibel seien und deren positive Wendung es sich in jeder Sekunde zu erarbeiten gelte. Es will also etwas heißen, wenn Europas Fußballer des Jahres von 1996 Sätze wie diese sagt: “Es ist atemberaubend wie er diese Stabilität erlangt hat. Champions League-Sieger, Weltmeister. Er ist der beste Innenverteidiger der Welt. Das ist einfach so.”

Jerome Boateng hat ein herausragendes Jahr 2015 hinter sich. Es ist das dritte herausragende Jahr in Folge. Er, dem bis 2013 die fehlende Konstanz in seinen Leistungen immer wieder zum Vorwurf gemacht wurde, hat sich neben Manuel Neuer und Thomas Müller zur großen Konstante des FC Bayern und der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft entwickelt. Was sich 2013 andeutete. was sich 2014 fortsetzte, hat sich spätestens im Jahr 2015 manifestiert.

“Jerome hat einfach alles”

Boateng hat sein Spiel auf ein Niveau gebracht, das ihn in Ausbildungsplänen und Anforderungsprofilen rund um den Erdball zum Prototypen auf seiner Position machen wird. Das sieht übrigens auch sein Teamkollege Javi Martínez so, der 2015 zum ersten Mal häufiger neben Boateng in der Innenverteidigung ran durfte. “Er ist der beste Verteidiger der Welt. Sein Körper, seine Zweikampfstärke, seine Spieleröffnung – unbeschreiblich”, sagte der Spanier vor kurzem der Sport-Bild. “Jerome hat einfach alles. Er ist prägend auf seiner Position, so wie Sergio Ramos in den Jahren zuvor.” Es lohnt sich immer genau hinzuhören, wenn ein Teamkollege etwas über einen Mitspieler sagt. Schließlich ist das Urteil derjenigen, die gemeinsam auf dem Platz stehen und verschiedenste Situationen miteinander lösen müssen, ein sehr unmittelbares. Nach Höflichkeitsformeln klingen die Sätze von Martínez jedenfalls nicht. Eher nach ehrlicher Bewunderung.

Boateng hat sein Spiel seit seiner Ankunft in München in jedem Jahr weiterentwickelt. Er war immer schnell, robust und resolut im Zweikampf. Spätestens im Jahr 2013 kam bei ihm die Konstanz in seinen Leistungen dazu. Im Jahr darauf wurde sein Spiel durch Guardiolas veränderte Anforderungen und das proaktivere Verteidigen noch variabler. Schon da beherrschte er die Anforderungen sowohl in der Dreier- als auch in der Viererkette auf sehr hohem Niveau.

In diesem Jahr vervollständigte Boateng endgültig das Puzzle indem er seine ohnehin schon guten Fähigkeiten mit dem Ball noch einmal auf ein neues Level hob. Angesprochen auf den Spitznamen Kaiser, den Thomas Müller seinem Teamkollegen, ob seiner spielgestaltenden Fähigkeiten in den vergangenen Monaten verpasste, sagte Sammer: “Ich fand den Spruch gut, dass er da mit dem Kaiser in Verbindung gebracht wurde. Aber er ist gerade dabei mit seiner Kontinuität, dass die nächste Generation einmal sagen wird ‘der spielt wie Boateng’ und das wäre das größte Kompliment.” Und wieder funkeln Sammers Augen.

Fast 20 Pässe mehr pro Spiel

Boateng ist hauptverantwortlich dafür, dass Guardiola in der Hinrunde der laufenden Saison ohne Probleme häufiger auf nur einen echten zentralen Mittelfeldspieler setzen konnte. Boateng übernimmt einen immer wichtigeren Part im Spielaufbau. Agiert strategisch, verschleppt das Tempo wenn es sein muss oder zwingt den Gegner mit Vertikalläufen oder präzisen Flügelwechseln zu Reaktionen. Boateng spielte in der laufenden und in der Vorsaison fast 20 Pässe mehr pro Spiel, als noch in der Triple-Saison unter Heynckes (90/70). Gleichzeitig sind seine Defensivstatistiken auf einem Tiefststand angekommen. Gerade einmal 1,5 Tackles und 2,9 Klärungen verbucht Whoscored für ihn pro 90 Minuten in der laufenden Saison. Es waren jeweils schonmal mehr als doppelt so viele pro Saison. Das hat mit Guardiolas Spielweise zu tun, aber auch mit Boatengs Entwicklung. Risikofreudige Grätschen gibt es kaum noch in seinem Spiel. Boateng absorbiert Angriffe des Gegners durch Antizipation, durch Herausrücken und die bloße Präsenz in potenziellen Laufwegen des gegnerischen Angreifers.

Der direkte Zweikampf ist von seiner Kernkompetenz beinahe zu einer Randnotiz geworden. Dass er dennoch prozentual mit konstant um die 70% auch in diesem Kalenderjahr die beste Zweikampfquote aller Bayern-Spieler aufwies, versteht sich fast von selbst.

Boatengs Konstanz im Jahr 2015 ist auch deshalb so besonders weil er mit ständig wechselnden Partnern in der Innenverteidigung zurecht kommen musste. Nun kann man sagen, dass dies unter Guardiola nichts besonderes ist, da ständig rochiert wird, doch das Zusammenspiel der Innenverteidigung mit Torwart Neuer ist durch Abseitsbewegungen und das häufige übergeben und übernehmen der Gegenspieler schon noch einmal ein etwas sensibleres Gebilde, als auf anderen Positionen. Alaba, Benatia, Badstuber, Martínez, Rafinha, Bernat und sogar Xabi Alonso tauchten im Verlauf des Kalenderjahres auf Grund von vielen Verletzungen in der Abwehr neben Boateng auf. Dass dies überhaupt kein Thema war, ist Boateng zu verdanken.

In 39 von 45 Pflichtspielen des Jahres 2015 bekam Boateng im Kicker die Note 3 oder besser. Darunter waren echt Highlights wie beim 6:1 gegen Porto im Champions League-Viertelfinale als er eine unglaubliche Leistung zeigte. Oder bei seinen beiden Assists gegen Dortmund im Heimspiel der laufenden Spielzeit.

Nur ein echter Tiefpunkt

Sein einziger echter Tiefpunkt war vielleicht das Auswärtsspiel in Barcelona im Champions League-Halbfinale 2015, als er von Messi im Strafraum böse ausgespielt wurde. Es war aber auch eine Erinnerung daran, dass selbst der beste Innenverteidiger ein Problem bekommt, wenn Lionel Messi im Strafraum mit Anlauf auf den Gegenspieler zugehen darf. Dass die Niederlage am Ende ein wenig an Boateng festgemacht wurde, war ungerecht. Trotzdem war auch er in der Phase nach dem Rückstand im Camp Nou nicht in der Lage das Spiel mit Balleroberungen zu beruhigen. Das 0:3 bedeutete faktisch das Aus in der Champions League. Es blieb neben zwei Platzverweisen gegen Schalke und Hoffenheim der einzige echte persönliche Ausreißer nach unten im Jahr 2015.

Die große Frage ist was noch kommen soll. Boateng ist 27. Er hat bis auf den EM-Titel alles gewonnen was ein Fußballer gewinnen kann. Er hat sein Spiel ausdifferenziert. Am vergangenen Freitag hat er seinen Vertrag bis 2021 verlängert. Boateng wird dann 32 sein. Er wird sein Spiel abermals weiterentwickeln, anpassen müssen wenn seine Geschwindigkeit und physisches Top-Niveau sukzessive nachlassen wird. Dass er das schon heute selbst adressiert, zeigt nur wie sehr der Denker und Taktiker Boateng bis heute unterschätzt wird. “Ich sehe mir andere Verteidiger ganz bewusst an. Sergio Ramos zum Beispiel oder Thiago Silva, Giorgio Chiellini, Leonardo Bonucci. Es gibt viele gute Verteidiger, von denen man sich Sachen abgucken kann. Gerade ältere Spieler, die nicht mehr so schnell sind, finde ich interessant. Mich interessiert ihr Stellungsspiel, wie sie ihr Tempodefizit wettmachen.“

Konstanz, Konstanz, Konstanz

Wer Sätze wie diese hört, dem wird klarer warum Matthias Sammer häufig mit so funkelnden Augen über Boateng und seine Arbeitseinstellung spricht. Boateng ist längst still und heimlich zu einem Botschafter der Mentalität geworden, die den FC Bayern in seinen größten Momenten immer ausgezeichnet hat. “Mein Hunger ist einfach riesig. Ich mache das, was ich liebe: Fußball spielen. Aber ich werde das leider nicht mein Leben lang tun können. Deswegen will ich so viel wie möglich mitnehmen. Ich will nie sagen müssen: Oh, in diesem oder jenem Jahr hätte ich mehr machen oder erreichen können”, so Boateng.

Diese Haltung ist das Geheimnis seiner Konstanz, die ihn abhebt von zahlreichen Münchner Innenverteidigern der vergangenen 10-15 Jahre. Anderson, Kovac, Demichelis, Lucio, van Buyten, Dante. Alle hatten herausragende Momente. Keiner war bisher so gut und konstant wie Boateng.

Die Konkurrenz bei der Wahl zum Bayern-Spieler des Jahres 2015 war nicht gerade klein. David Alabas spektakuläre Leistungen auf verschiedenen Positionen, Robert Lewandowskis Tor-Explosionen, Douglas Costas Durschlagskraft in der zweiten Jahreshälfte und Thomas Müller, der spielte wie Thomas Müller eben spielt hießen die weiteren Kandidaten.

Am Ende stand nach längerer Diskussion in unserer Redaktion eine klare Entscheidung. Unser Bayern-Spieler des Jahres 2015 heißt Jerome Boateng. Weil keiner so konstant auf hohem Niveau spielte wie er. Auch Matthias Sammer dürfte diese Entscheidung gefallen.

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Leserkommentare
  1. […] umsonst unser Spieler des Jahres 2015. Alles was zu seiner Entwicklung zu sagen ist, findet sich im hier verlinkten Text zu den Miasanrot-Awards im Dezember. Boatengs Spiel war in der Hinrunde komplett. […]

  2. […] Qualität nicht gleichwertig ersetzen kann. Nicht umsonst wählte ihn die Miasanrot-Redaktion zum Spieler des Jahres 2015. Gerade in der Innenverteidigung haben die Münchner in dieser Saison bereits mit große […]

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