(L) of Germany and (R) of France compete for the ball during the U18 International Friendly Match match between Germany and France at Stadion an der Lohmuehle on March 5, 2014 in Luebeck, Germany.

Scouting-Report: Kingsley Coman

Überraschen konnte die Personalie nach wochenlanger Diskussion eigentlich niemanden mehr. Kingsley Coman wechselt mit sofortiger Wirkung von Juventus Turin zum FC Bayern. Der 19-Jährige kommt zunächst für zwei Jahre und 7 Millionen Euro auf Leihbasis. Im Anschluss besitzen die Münchner eine Kaufoption im Bereich von 20 Millionen aufwärts. Beide Vereine haben den Transfer inzwischen offiziell bestätigt. Wir haben Coman nach der Veröffentlichung der ersten Gerüchte in den vergangenen Wochen intensiv gescoutet, um uns ein Bild zu machen. Der FC Bayern kann sich auf einen hochtalentierten Allrounder freuen.

Bisherige Karriere

Coman wurde bereits im zarten Alter von acht Jahren von Paris Saint-Germain entdeckt und durchlief für neun Jahre die Jugendakademie des Clubs. Coman spielte ab der U16 für die französische Jugendnationalmannschaft. Am 17. Februar 2013 wurde der gebürtige Pariser der jüngste Spieler, der je für Saint-Germain zum Einsatz kam, als er mit 16 Jahren und acht Monaten gegen Sochaux für Marco Verratti eingewechselt wurde. Mit 17 debütierte er auch für die französische U21. Den Durchbruch schaffte Coman in Paris nicht.

Als sein Vertrag im Sommer 2014 auslief, war die Liste der Interessenten lang. Auch der FC Bayern war damals neben Liverpool, Arsenal, Leverkusen und Bordeaux (mit Comans ehemaligen U21-Coach Willy Sagnol) interessiert, wie Coman selbst der L’Equipe schilderte. Den Zuschlag bekam am Ende Juventus Turin, die Coman mit einem langfristigen fünf Jahresvertrag ausstatteten. Am 30. August 2014 debütierte er für die Turiner und kam in der Saison auf insgesamt 14 Einsätze in der Serie A und zwei in der Champions League. Meist kam der Franzose dabei von der Bank. Auch im Champions League-Finale gegen den FC Barcelona stand Coman im Kader und wurde kurz vor Schluss eingewechselt.

Etwas überraschend ist sein erneuter Vereinswechsel auch deshalb, weil der Offensivspieler in dieser Saison in beiden Pflichtspielen der “Bianconeri” in der Startelf stand. Jeweils als Sturmpartner von Mario Mandzukic. Mit Paul Pogba und Patrice Evra (den Coman “Onkel Pat” nennt) hat er zudem zwei Landsmänner in der Mannschaft. Auch in Turin war der junge Franzose nicht immer mit seiner Spielzeit zufrieden. Im Sommer rüstete der amtierende Meister mit Mandzukic (19 Millionen Ablöse), Zaza (18 Millionen), Dybala (32 Millionen) und Cuadrado (Leihe) ordentlich auf. Wohl auch deshalb ist Coman offenbar überhaupt auf dem Markt.

Der entscheidende Mann auf Münchner Seite wird einmal mehr Bayerns technischer Direktor Michael Reschke gewesen sein, der im europäischen Nachwuchsbereich vernetzt und kenntnisreich ist, wie kaum ein anderer. Zuletzt hatten Reschke und sein Team Gelegenheit Coman bei der U19-EM in Griechenland zu beobachten. Er zog mit seiner Mannschaft ins Halbfinale ein und stand dabei bis auf eine Ausnahme immer in der Startelf.

Stärken und Schwächen

Zunächst fällt auf, dass Coman anders als viele gehandelte Kandidaten in diesem Sommer kein reiner Flügeldribbler ist. Der 1.78m große Franzose ist ein Offensivallrounder. Sowohl von seinen Fähigkeiten, als auch von der Positionierung. Er kann auf beiden Flügeln spielen, aber auch im Sturmzentrum als hängende, ergänzende oder ausweichende Spitze. So wie zum Auftakt der Serie A am vergangenen Wochenende gegen Udinese Calcio als Partner von Mandzukic.

Wer Comans Spiel beobachtet, erkennt sofort wie athletisch und durchaus wuchtig der 19-Jährige insbesondere für sein noch junges Alter ist. Der Franzose ist explosiv, kann durch seine Dynamik und Sprungkraft sogar Kopfballduelle im Strafraum gewinnen und arbeitet auch mit dem Rücken zum Tor sehr geschickt und stabil. Er ist ein mutiger, wenn auch nicht besonders extravaganter Dribbler und hat eine enorme Endgeschwindigkeit. Wenn er mit dem Ball am Gegner vorbei kommt, ist er sehr schwer wieder einzuholen. Coman hat durchaus kreative Ideen in Strafraumnähe und scheut den komplizierten Pass in den Strafraum nicht (mit entsprechender Fehlerquote). Der 19-Jährige (stärkerer rechter Fuß) hat einen guten Schuss – auch aus der Distanz und insgesamt einen sehr großen Aktionsradius in der Offensive. Gegen Udinese standen am vergangenen Wochenende bis zu seiner Auswechslung in der 65. Minute drei Torschüsse, drei Torschussvorlagen und drei erzwungene Freistöße in der Statistik. Das unterstreicht ganz gut, wie aktiv Coman in der Regel ist.

Eine auf den ersten Blick unterschätzte Fähigkeit ist seine Arbeit gegen den Ball. Coman ist kein Schönspieler, der sich seine Momente sucht, sondern einer der Vollgas geht. In beide Richtungen. Er agiert dabei durch seinen robusten Körper gut im Zweikampf und erinnert in seinen Pressingbewegungen ein wenig an Karim Bellarabi. Ohnehin ist Bellarabi ein ganz guter Vergleich, weil auch Coman durch eher ungeschliffene Bewegungen und Aktionen auffällt, die nicht immer schulbuchmäßig aussehen, aber durchschlagkräftig sind.

Comans Schwächen sind ebenfalls deutlich zu erkennen. Einiges ist typisch für einen so jungen Spieler: Seine Entscheidungsfindung ist nicht immer optimal. Manchmal denkt er zu kompliziert oder sein großes Engagement schwappt in die ein oder andere überhastete, manchmal kopflose Aktion über. Verbessern muss er generell seine Genauigkeit. Das gilt offensiv wie defensiv. Coman löst sehr viel über Tempo und Dynamik und lässt sich hier von erfahreneren Gegenspielern durchaus mal abkochen. Seine schwächsten Momente hat der 19-Jährige dann, wenn er ungeduldig wird und gegen eine gut gestaffelte Defensive nicht den logischen Pass spielt, um den Gegner in Bewegung zu bringen, sondern versucht etwas zu erzwingen.

Verbesserungswürdig ist auch sein Kombinationsspiel, das nicht immer direkt und schnell genug ist. Insgesamt macht Coman auch noch zu wenig aus seinen Aktionen in Tornähe. Lediglich 2 Scorer-Punkte sammelte er in seinen Spielen für Turin trotz einer Reihe vielversprechender Szenen.

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Mögliche Rolle bei Bayern

Die Verpflichtung Comans spricht dafür, dass die Bauchschmerzen beim FC Bayern im Bezug auf die langwierige Verletzung von Franck Ribéry nicht kleiner geworden sind. Der Franzose bekommt durch die Leihe eine Chance sich zu beweisen und sich endgültig bei einem Top-Club festzuspielen. Er wird dabei anders als Douglas Costa nicht unbedingt von Beginn an in die Startelf drängen, aber er wäre gerade durch sein sehr aktives und energiegeladenes Spiel eine geradezu ideale Option von der Bank. Auch im Falle einer erneuten Robben-Verletzung wäre er ein zusätzliches Backup auf einer der Außenpositionen oder ergänzender Angreifer zu Müller oder Lewandowski. Götze könnte so endgültig als Alternative auf die zentraleren Positionen rücken. Coman war sowohl in Paris als auch in Turin unglücklich mit seinen Einsatzzeiten. Ob sich die nun in München ob der auch hier großen Konkurrenz signifikant ändern, bleibt abzuwarten.

Coman ist sicher auch eine Wette auf die Zukunft. Er soll langfristig zu einem der Nachfolger von Robben und Ribéry, die dominanten Offensivspieler der vergangenen fast zehn Jahre, aufgebaut werden. Das unterstreicht die hohe Ablöse, die Bayern durch die vereinbarte Kaufoption offenbar bereit ist zu zahlen. Durch die Leihe ist das Risiko insgesamt gering. Sollte Coman den Ansprüchen im täglichen Training und im Wettkampf nicht genügen, gibt es im übernächsten Sommer noch ein Rückzugsszenario.

Deutlich wird auch, dass der FC Bayern die Diskussionen um einen angeblich zu großen Kader nicht scheut und weiter Qualität hinzu holt. Das ist auch ein klares Signal an die Mannschaft. Jeder wird sich an die verstärkte Rotation gewöhnen müssen. Wenn einer nicht mitzieht, gibt es fast auf jeder Position genügend Alternativen. Coman wäre eine weitere. Wenn er in München die gleiche Energie an den Tag legt, wie bei seinen Einsätzen in den vergangenen Monaten, kann das auch den etablierteren Kräften nur gut tun.

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Leserkommentare
  1. pitvonbonn

    Es ist richtig keinen 1A Spieler zu verpflichten.
    Rohdiamanten wie Costa und Coman sind die bezahlbare Zukunft der Bayern.

  2. Robert

    Klingt für mich ein bisschen wie Bale. Aber ich kann mir ja bald selbst ein Bild machen :)

  3. kurt

    Ich habe irgendwie das Gefühl (mit einem großen Teil Hoffnung dabei), dass wir uns hier gerade unseren “100 Millionen-Mann” a la Bale, Neymar gesichert haben. (Wenn man mal davon absieht, dass wir den mit Müller schon haben).

    Er könnte natürlich auch der nächste Shaqiri werden, aber momentan feier ich den Transfer erstmal ab.

  4. Pachinko

    Wer hätte gedacht, dass Bayern mal “falls es stimmt” um die 30 Mio für ein Talent zahlt.
    Da man die letzten Jahre ein gutes Händchen hatte, bin ich aber optimistisch und sehr gespannt auf den Jungen.
    Natürlich müssen er und hoffentlich Kimmich ihre Spiele bekommen.

  5. Fabian

    Starke Analyse. Freue mich wirklich darauf ihn spielen zu sehen. Weiter so!

  6. Julius

    Schöne Analyse! Ich habe vom Video her das Gefühl er spielt ähnlich wie Shaqri es damals getan hat, nur ist er ja noch jünger und hat dementsprechend noch mehr Potenzial. Ich kann mir gut vorstellen das er eines Tages in ribéry’s Rolle schlüpft. Und ich glaube das man auch eine 30 Millionen Investition nicht bereuen wird.

    1. Julius

      Allerdings ist er ja noch größer als Shaqiri und flexibler was die Rolle angeht.

  7. chicago_bastard

    “Seine schwächsten Momente hat der 19-Jährige dann, wenn er ungeduldig wird und gegen eine gut gestaffelte Defensive nicht den logischen Pass spielt, um den Gegner in Bewegung zu bringen, sondern versucht etwas zu erzwingen.

    Verbesserungswürdig ist auch sein Kombinationsspiel, das nicht immer direkt und schnell genug ist. Insgesamt macht Coman auch noch zu wenig aus seinen Aktionen in Tornähe.”

    Na das klingt doch nach einem Spieler der für uns wie gemalt ist… Nicht!

    Versteh auch die Lobeshymne auf Reschke nicht, wir zahlen bei einem Kauf für einen Spieler, der für Juve nicht gut genug ist und dort letzte Saison Einsatzzeiten hatte wie ein Höjbjerg bei uns an die 30 Mio, was gibt es daran zu loben? Und Pep, der hier bislang nicht damit aufgefallen ist Talenten viel Einsatzzeit zu bescheren, wird jetzt auf diesen 19jährigen Nobody setzen? Na sicher doch…

    Hoffentlich ist es wirklich nur eine Leihe ohne Kaufpflicht, wenn man für diesen Flop mit Ansage 30 Mio rausschmeißt macht man sich zur Lachnummer Europas… Und Juve holt für die gleiche Summe wahrscheinlich Draxler, der schon hundert mal weiter ist. Überhaupt gibt es derzeit so viele deutsche Talente wie vielleicht noch nie, die im Gegensatz zu Coman auch schon auf Profiniveau was gezeigt haben und zudem noch deutlich billiger zu haben wären. Da muss man diesen Transfer wirklich nicht verstehen.

    1. förb

      ich habe überhaupt keine ahnung von dem typen, ihn noch nie spielen sehen… aber wenn der scouting bericht halbwegs stimmt, dann würde ich deine kritik absolut nicht teilen!

      entscheidungsfindung und kombinationsspiel, ich denke, dass sind wirklich dinge, die sich sehr gut trainieren lassen, und für die auch das umfeld und der spielstil der mannschaft eben aussschlaggebend sind. ob und wie gut sich ein spieler hier letztlich einfindet und einfügt kann man relativ schwer voraussagen, siehe zb götze.

      was ich wichtiger finde, ist, dass ein spieler, der jetzt als nachfolger für robben/ribery geholt wird und aufgebaut werden soll, die richtigen ANLAGEN und GRUNDEIGENSCHAFTEN hat! und da klingen genau die punkte, die im artikel genannt sind, ziemlich gut! speed, durchschlagskraft, courage, robuste körperlichkeit, pressing-einsatz…

      und grundsätzlich sehe ich auch kein überangebot in der offensive!
      -lahm wird wieder mehr zum defensiv-spieler, und ich denke, nur diejenigen, die sentimental der 2013/14 saison hinterhertrauern, sehen darin wirklich etwas negatives
      -bei ribery ist extrem unklar, ob er überhaupt nochmal einen fundamentalen beitrag leisten kann
      -lewandowski kann und soll nicht jedes spiel in der spitze machen
      -götze soll bitte auch öfter mal zentraler spielen, und damit meine ich zentral sowohl in der horizontalen als auch in der vertikalen! ich habe es immer wieder gesagt und stehe weiterhin dazu, und seit neuestem scheint auch guardiola diese option zu berücksichtigen: götze kann uns noch sehr viel freude bereiten, wenn wir aufhören, ihn krampfhaft in den angriff zu beordern und speziell auf den flügel. er kann im zentrum und als spiel-lenker möglicherweise viel besser seine fähigkeiten einbringen

      heißt also, man hat mit robben/ribery (rechne ich als einen spieler), müller, costa und lewandowski 4 spieler für im schnitt 3 offensive positionen… ich sehe da echt nicht das überangebot

  8. marco

    Warum werden alle unbekannten Spieler immer gleich in Frage gestellt ?
    Das war bei Douglas Costa zuerst genau das gleiche Problem…
    Vielleicht sollte man besser die ersten Spiele abwarten um sich besser eine Meinung bilden zu können ;)

  9. Marco05

    Auch die Sichtweise “für Juve nicht gut genug” muss man relativieren. Zum einen, wollen die ihn ja nicht wirklich gehen lassen. Zum anderen ist das auch dem Spielsystem geschuldet. Juve spielt nicht wirklich mit Außenstürmern, wir schon. Und haben dank Robbery dort ein System etabliert für welches wir Bedarf haben. Von daher…einfach mal abwarten.

    1. Marco05

      Edit: (Bearbeitungsfunktion wäre nicht schlecht). Allegri hat den Deal implizit bereits bestätigt. Demnach ist es auch eine Leihe über 2 (!) Jahre. No Risk, maybe fun.

  10. Jo

    Ist also jetzt fix.
    7 Mio. Leihgebühr für zwei Jahre und dann eine Option über 21 Mio. ab 2017.
    Falls die Option nicht verpflichtend ist, wonach es ganz aussieht, ist das ziemlich gute Arbeit.

  11. Alexander

    Es spricht Bände über den FC Bayern, das er jetzt sogar in der Lage ist, traditionsreichen, europäischen Top-Klubs Nachwuchs-Talente abzuluchsen. Aus Turin heißt es: Er wollte unbedingt nach Monaco di Baviera, deshalb müsste man ihn gehen lassen. Für einen Jungen Franzosen ist die Perspektive, hier in die Schuhe eines Ribéry reinzuwachsen tatsächlich sehr attraktiv. Aber dass “wir” einem Juwel dieser Schießklasse so etwas bieten können, zeigt auch, wo der FC Bayern im Jahr 2015 in puncto Renommé steht – da können Scheichklubs oder vor Geld triefende Engländer nicht mithalten. Zum Renommé trägt natürlich auch der Glorienschein des Trainers bei, der unter jungen Athleten in ganz Europa schlicht als Nonplusultra gilt. Wir sind aus München / wir sind Bayern / wir sind diejenigen …

  12. Done

    … und auf einmal könnte der Zukauf/die Leihe von Coman aufgrund der neuerlichen Verletzung von Robben gerade noch rechtzeitig erfolgt sein. Es ist zum Verzweifeln. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass ich Robbery nicht mehr auf dem Platz sehen werde.

  13. […] Länderspielpause ins Mannschaftstraining eingestiegen ist zu einer Option wird, bleibt abzuwarten. Er fühlt sich auf der linken Seite sehr wohl und wäre rein vom fußballerischen Profil her eine logische Wahl als Partner des gesetzten […]

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