Round-Up: In St. Gallen, aus dem Fokus

Um das ehemals hochgejubelte Talent Gianluca Gaudino ist es ruhig geworden. Der mittlerweile 20-jährige war die letzten eineinhalb Jahre von Bayern München an den FC St. Gallen ausgeliehen und flog dort unter dem Radar der deutschen Medienlandschaft. Zum Ende seiner Leihe haben wir uns mit Ralf Streule, Sportredakteur beim St. Galler Tagblatt, über die Zeit von Gaudino in der Schweiz unterhalten.

Gaudino kam mit der Erfahrung von insgesamt zehn Profi-Einsätzen aus München, davon sogar einer in der Champions League, nach St. Gallen. Welche Erwartungen setzte der Verein in die Ausleihe?

Die Erwartungen waren sehr hoch, nicht nur in St.Gallen selbst, sondern auch über die Stadt- und Kantonsgrenzen hinaus. Das zeigte sich zum Beispiel schon an der Begrüßungs-Pressekonferenz, als sehr viele Medien anwesend waren. Es war sicher der Name, der interessierte und die Erwartungen so hoch werden ließ. Und da waren viele Vorschusslorbeeren. Der Transfer wurde in der Region fast als Coup gefeiert.

Welche Rolle nahm Gaudino in der Mannschaft ein? Welchen Stellenwert hatte er in der Kabine?

Es wurde von Beginn weg klar, dass Gaudino einer der technisch besten Spieler St.Gallens ist. Er bekam unter Trainer Joe Zinnbauer zunächst viel Einsatzzeit. Die Leistungskurve war tendenziell aber abfallend, wohl auch wegen der Leistenprobleme (OP im Sommer 2016).
Was seine Rolle angeht: Ich denke, dass Gaudino mit seiner ruhigen aber selbstbewussten Art im Team schnell gut aufgenommen worden ist – aber er hat dem Anschein nach nie einen ganz zentralen Part übernommen in der Gruppendynamik des Clubs. Auch wenn er sich fussballerisch sicher bei allen Respekt verschafft hat. Er scheint geduldig auf seine Chance zu warten, seitdem ihn die Leistenprobleme zurückgeworfen haben. Gaudino wurde meist im defensiven Mittelfeld eingesetzt, wo er zunächst einige Impulse setzen konnte, dann aber von körperlich stärkeren Spielern zusehends aus der Stammformation verdrängt wurde.

In München fiel Gaudino immer wieder durch starke taktische Anlagen, aber auch starke körperliche Defizite auf. Wie konnte er sich in Bezug darauf in der Schweizer Profiliga präsentieren?

Genau diesen Eindruck hinterlässt er auch in St.Gallen. Die körperlichen Defizite sind meiner Meinung nach praktisch gleich geblieben. Sein Wille und Einsatz sind da – viel Wasserverdrängung bringt er aber weiterhin nicht mit.

Durfte in München von den Großen, wie hier Xabi Alonso, lernen
(Foto: CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images)

Wo hat sich Gaudino am ehesten in der Zeit entwickelt?

Eine Entwicklung dürfte es im mentalen Bereich gegeben haben: Er nimmt den – auch internen – Kampf an, auch in der Super League, wo er nicht im Rampenlicht steht. Er wirkt hier vorbildlich.

Nun sind eineinhalb Jahre vorbei und Gaudino hat 31 Partien für St. Gallen in der Super League bestritten. Wie sieht St. Gallen nach Ablauf der Leihe die Ausleihe von Gaudino?

Die Kaufoption, die bestanden hatte, wird mit Sicherheit nicht genutzt. Man sei aber mit Bayern München im Kontakt und zeigt grundsätzlich ein Interesse, den Leihvertrag zu verlängern. Man spricht weiterhin vom grossen Talent, das eine grosse Zukunft vor sich haben kann. Unter dem neuen Trainer Giorgio Contini, der zumindest in den ersten Spielen noch stärker auf Routiniers und körperbetonte Spieler setzte, dürfte er es aber noch einen Zacken schwerer haben als zuvor unter Zinnbauer.

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Leserkommentare
  1. Baldi

    Huch, nichts zum “Fall Kimmich” und der medialen Seifenoper darum?

    1. Jo

      Kimmichs Berater hat halt einen Versuchsballon gestartet. Nicht unüblich, aber auch nicht uninteressant.
      Für mich Vorboten für die kommende Saison, die in dieser Hinsicht unruhig werden könnte.

  2. Marco05

    Wenn man auf jede mediale Seifenoper eingehen wollte, würde sogar in dem hiesigen Block das “Preis-/Leistungsverhältnis” nicht mehr passen. Was ist denn auch passiert? Zeitung setzt falsche Dinge in die Welt, Verein reagiert. In meinen Augen zurecht. Ob über das Ziel hinausgeschossen oder nicht kann man sich drüber streiten. Jedenfalls ist offenbar, dass man sich nicht alles bieten lässt. Ist aber in meinen Augen nicht wert, dass man es durch Berichte dazu noch über Gebühr thematisiert.

    Zu Gaudino:
    Wirklich schade, dass es bei uns nicht geklappt hat und dass eine Leihe auch nicht in der Bundesliga stattfand. Das dort höhere Niveau und der ständige Fokus hätten zumindest einigermaßen Gewissheit geliefert, ob es was werden könnte.

    Wenn man bedenkt, dass Reus einst wegen köperlicher Defizite vom BVB-Hof gejagt und dann teuer zurückgekauft wurde (unabhängig von den heutigen körperlichen Defiziten), so ist durchaus die Tür noch nicht zu, aber eine gewissen Entwicklung müsste dann doch erkennbar sein. Zumal in der deutlich schwächeren schweizer Liga.

    1. Jester

      Ich muss gestehen, dass ich, wie wahrscheinliche viele andere auch, die Schweizer Liga 0,0 verfolgt habe…

      Aber den Vergleich mit Reus finde ich super. Vielleicht sind in der Schweiz allgemein noch “kräftigere” Spieler am Start weil sie es technisch nicht so drauf haben und versuchen es damit aufzufangen.

      Insofern hatte mich damals Gaudino schon überzeugt wo er spielen durfte. Ich würde es wirklich begrüßen wenn man hier ein “Risiko” wagt und ihm einen Kaderplatz gibt.

      Der Junge ist doch super flexibel und technisch überragend. – Das körperliche wird mir zu hoch gehangen. Haben wir doch bereits alle bei Philipp Lahm gesehen.

      Aber in punkto Vertrauen sind wir halt momentan nicht so sonderlich gut :(

      1. Jo

        Reus war damals 15,16 als er Dortmund verließ/ verlassen musste. Gaudino heute 20. Das ist schon ein sehr großer Unterschied.

        Mir fehlt jede Phantasie wie das bei uns klappen sollte. Schon in der RL hat er die Sterne nicht vom Himmel gespielt. Bei einem Schweizer Abstiegskandidaten ist er mehr oder weniger Bankdrücker.
        Klar es schadet nichts wenn er nächstes Jahr den Kaderplatz 25 belegt. Ob jemanden damit geholfen ist, ist noch eine andere Frage.

        Dazu kommt der Trainer und seine Philosophie, die sich auch nicht ausgerechnet im nächsten Jahr ändern dürfte. Da müsste schon viel in Richtung Verletzungen passieren, damit er überhaupt ein paar Minuten bekommt. Im Normalfall wäre er nicht mal im Kader.

        Das beste wäre für ihn vielleicht, wenn man ihn für einen moderaten Preis an irgendeinen seriösen Zweitligisten verkaufen könnte. Dann gerne auch mit RKO.

  3. Wird es auch einen Artikel zu Xabi Alonso geben? Ja, Lahm ist selbstverständlich wichtiger für den FCB gewesen, aber dennoch war Xabi ein mehr als verdienter Spieler.
    Ich habe mir mal die Mühe gemacht und ein paar seiner Bundesliga Daten ausgewertet:
    Xabi hat in drei Jahren 5766 Minuten für den FC Bayern auf dem Platz gestanden (9180 Min. wären möglich gewesen. Das entspricht also 62% der möglichen Einsatzzeit). Das sind 64 Spiele. Interessant hierbei ist vielleicht noch, dass Pep mehr auf Xabi gesetzt hat als Ancelotti. Guardiola hat ihn zu 64% eingesetzt, Carlo zu 60%.
    Alonso hat insgesamt 110 Chancen kreiert, was 1,4 Chancen pro Spiel sind. Seine durchschnittliche Passgenauigkeit lag bei 90%. Das ist an sich schon eine beeindruckende Zahl, aber sie wird noch atemberaubender, wenn man berücksichtigt, dass in den 90% 126 lange Pässe eingerechnet sind (1,6 pro Spiel). Wer die langen Bälle zukünftig aus dem defensiven Mittelfeld schlagen wird, bleibt mir noch ein Rätsel. Kimmich hat durchaus das Potenzial dazu.
    Außerdem hat Alonso 47% seiner Duelle gewonnen und insgesamt einen Wert von 145 Interceptions erreicht (1,9 pro Spiel).
    Das waren bloß die Zahlen. Zwar wurde Xabi Alonso oft (zurecht) für seine mangelhafte Pressingresistenz und Schnelligkeit kritisiert, aber mMn hat er das durch sein gutes Stellungsspiel kompensiert. Und ja, Xabi hat auch einige Gegentore zu verschulden. Hier sei z.B. das Hinspiel gegen Porto genannt. Aber was Xabi uns für Tore beschert hat! Ich erinnere mich da an ein Traumtor gegen Darmstadt im Pokal, an ein wunderschönes erstes Tor der Saison 16/17, an ein ungemein wichtiges im unglücklichen Halbfinale gegen Atletico und an ein Tor im Strafraum gegen Leipzig.
    Xabi ist einer der zwei Bayernspieler, die ein Spiel lesen können. Der andere ist mMn Lahm. Dass uns nun ausgerechnet diese beiden Spieler verlassen, ist nicht nur sportlich ein großer Verlust.
    Ebenso wie Lahm ist auch Alonso durch seine Professionalität und Intelligenz aufgefallen. Auf und neben dem Platz.

    Seine Ruhe auf dem Spielfeld, seine langen Bälle, seine gefährlichen Distanzschüsse und sein sympathischer Auftritt werden mir fehlen. Hoffentlich bekommt er einen Posten bei uns im Verein – das kann ich mir bei ihm sehr gut vorstellen.

    Danke Xabi für drei wundervolle Jahre und eine herausragende Karriere

    1. Giovane Élber

      Hey Fabian, sehr gut geschrieben!
      Für mich wurde er von einigen, auch hier, zu sehr verteufelt. Über seine Klasse, auf und neben dem Platz, brauche ich an der Stelle nichts mehr zu schreiben. Einzigartiger Typ! Für mich sind Kimmich, aber auch Gaudino zwei ihm sehr ähnliche. Würde es sehr begrüßen, wenn man beide einplant. Kimmich gehört ins Mittelfeld!
      Gaudino sollte seine faire Chance bekommen. Er ist ja auch noch jung.
      Aber ich zweifle, dass dem so sein wird.

      Ich bin gespannt, wer noch so alles und geht.

    2. chicago_bastard

      Eine stark übertriebene Lobhudelei auf Alonso gab es hier als er seinen Rücktritt bekannt gab und die reicht auch vollkommen.

  4. FCB_1900

    Ich würde liebend gern Gaudino zurückholen, genau auf solche Spieler soll doch Bayern in Zukunft bauen. Jung, deutsch, aus eigenem Stall. Zur Not zwei Jahre zum VfB Stuttgart, Leverkusen oder Hoffenheim ausleihen. Da sollte er sich weiterentwickeln können. Würde das ‘Projekt’ Gaudino noch nicht aufgeben wolle, St. Gallen ist kein Maßstab. Behaupte mal Thomas Müller würde dort auch nicht groß aufspielen.

    1. chicago_bastard

      Sehe es ähnlich. Gaudinos Ballbehandlung ist echt eine Augenweide, es wäre zu schade wenn es einer mit so viel Gefühl im Fuß nicht packt.

      Allerdings müsste die Leihe dieses Mal sitzen, Mannschaft und Trainer sollten vom Stil her zum Spielertyp Gaudino passen. Als ich hörte, dass Zinnbauer St. Gallen trainiert wusste ich gleich, dass Gaudino da wohl nicht gut aufgehoben sein würde.

      Leider gibt es in der deutschen Gegenpressing-Liga nur wenige Adressen wo ein gepflegter Ball gespielt wird wie es Gaudino entgegenkäme. Hoffenheim wäre perfekt, Nagelsmann wäre genau der richtige Trainer um ihn zu fördern und mit Rudys Weggang wäre bei denen ja auch eine Planstelle im Mittelfeld frei. Ansonsten wird es schon schwierig.

    2. Giovane Élber

      Absolut! Solche Spieler brauchen Erfahrung durch Praxis und die richtigen Mitspieler um sich. Dann wird das schon. Schaut euch mal Guardiolas Spielerkarriere an! Wer weiß, vielleicht geht’s in eine ähnliche Richtung.

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