Round-Up: Mit 43 ist mal Schluss!

Nach 1.161 Spielen verabschiedet sich Zé Roberto in den Ruhestand. Am vergangenen Montag bestritt der langjährige Bayern-Spieler in Brasilien für Palmerias Sao Paolo seine finale Partie. Der sympathische Brasilianer hängt im hohen Fußballeralter von 43 Jahren seine Fußballschuhe für immer an den Nagel. Höchste Zeit für einen Rückblick.

Zé Roberto – das steht in den Köpfen der Bayern-Fans für brasilianisches Flair im Mittelfeld, viele Vorlagen, einige Titel und natürlich exotische Frisuren. Im heutigen Round-Up blicken wir zurück auf die sechs Saisons des Brasilianers im Trikot der Münchner und blicken auch etwas weiter.

Auf dem Weg zum Assist-König der Bundesliga

Wer international Erfolg haben will, muss irgendwann die Heimat verlassen und in Europa sein Glück suchen. Auch den jungen Zé Roberto zieht es auf den alten Kontinent, wenn auch etwas verspätet. So ist er immerhin schon 23 Jahre alt, als ihn 1996 ausgerechnet das große Real Madrid verpflichtet.

Doch wie so viele Brasilianer scheitert auch der spätere 84-fache Nationalspieler in seinem ersten Anlauf in Europa. Madrid-Coach Capello vertraut lieber auf Guti, Redondo und Seedorf als auf den jungen Mann aus Ipiranga. Nach nicht einmal einem Jahr bricht Zé Roberto seine Zelte in der spanischen Hauptstadt ab und wechselt zurück in die Heimat.

Einen zweiten Anlauf nimmt er im Sommer 1998. Der Schritt ist etwas kleiner. Es geht zum Tabellendritten der Bundesliga – Bayer 04 Leverkusen. Dort trifft er auf seinen Landsmann Emerson. Im beschaulichen Leverkusen spielt er mit Nowotny statt Hierro, Ramelow statt Seedorf und Kirsten statt Raul. Ein richtiger Schritt wie sich herausstellt.

Bei Bayer ist Zé Roberto unumstrittener Stammspieler. Als sich 1999 Michael Ballack und 2000 Lucio der Werkself anschließen bilden die drei eine gefährliche Achse. Lucio der Abräumer in der Vierkette, Ballack der Mann mit allen Freiheiten im Mittelfeld und Zé Roberto der linke Flügelläufer. In allen vier Saisons qualifiziert sich Leverkusen für die Champions League.

Die Krönung seiner Zeit bei Bayer erfolgt in der Saison 2001/02 als das legendäre “Vizekusen”-Team geboren wird. In der Liga, wo man am Saisonende ebenso Zweiter wird wie im DFB-Pokal, legt der Brasilianer 17 Tore auf und erzielt vier selbst. In der Champions League gelingt dem Pharma-Team fast der ganz große Wurf. Erst im Finale scheitert Leverkusen an Zé Robertos Ex-Verein Real Madrid. Ausgerechnet der Brasilianer fehlte jedoch, nachdem er sich im Halbfinal-Rückspiel gegen Manchester United eine unnötige gelbe Karte holte.

Ein uneingelöstes Versprechen?

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird der Rekordmeister auf diesen linken Mittelfeldspieler aus Leverkusen aufmerksam. Zur neuen Saison verpflichtet Bayern fast das gesamte Mittelfeld des Vorjahreszweiten und holte neben Michael Ballack auch Zé Roberto für 9,5 Millionen Euro an die Isar. Es lag das Versprechen in der Luft, dass man sich damit die Klasse und Brillanz des “Vizekusen”-Teams eingekauft hatte.

In München sollte der Brasilianer seine ersten Titel gewinnen. Direkt in der Debut-Saison 2002/03 holte man ungefährdet das Double aus Meisterschaft und Pokal. Mit 12 Vorlagen hatte auch Zé Roberto hier seinen Anteil. Besonders beliebt waren seine Vorlagen vor allem bei Landsmann Giovanne Elber.

In seiner ersten Saison wusste Zé Roberto mit 12 Vorlagen zu überzeugen.
(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

International wollte der große Wurf jedoch nicht gelingen. In der Saison 2002/03 schied man bereits in der Gruppenphase gegen Deportivo La Coruna, AC Mailand und den RC Lens aus.

Auch die Leistungen von Zé Roberto waren in dieser Zeit wechselhaft. Hatte er auf seiner linken Seite Platz konnte er zu Hochform auflaufen. Diesen Platz bekam der Brasilianer vorrangig, wenn es gegen schwächere Teams ging und diese bereits im Rückstand waren. Starke Spiele wie sein großartiger Auftritt beim 4:1-Sieg in Bochum am 8. Spieltag, als er mit Übersteigern die halbe Bochumer Hintermannschaft schwindelig spielte, entstanden so.

Gegen die großen Gegner zeigte der Linksaußen jedoch auch immer wieder farblose Auftritte.

Einer der Hauptgründe ist sicherlich sein schwacher rechter Fuß. Als Linksfuß auf dem linken Flügel war er zu leicht zu isolieren. Somit blieb ihm oft nur die Möglichkeit die Linie entlang zu gehen. Ein nach innen Ziehen, wie dies später Robben und Ribery als inverted wingers perfektioniert hatten, gab es von Zé Roberto zwar auch. Durch seinen schwachen Rechten ging ihm jedoch die Torgefahr ab, weshalb er dazu neigte sich vom Tor wegleiten zu lassen. Man stelle sich einen Robben auf Linksaußen vor, der nach innen zieht und nun den Ball auf dem rechten Fuß liegen hat.

Seine Stärken hatte der Brasilianer im Kombinationsspiel. Wenn ihm hierfür die Mitspieler fehlten, weil er auf dem Flügel auf sich alleine gestellt war, litt seine Leistung erheblich. Ein gutes Beispiel hierfür war auch das Viertelfinal-Aus gegen Chelsea in der Saison 2004/05, als Zé Roberto komplett isoliert war und mit dem Ball mehrfach ins Aus lief.

Abschied und Entdeckung einer neuen Rolle

Die Bayern-Führung war wohl ebenfalls nicht komplett zufrieden mit dem Ex-Leverkusener und so einigte man sich 2005 erst in der Kabine nach dem Pokalfinale auf eine Vertragsverlängerung um ein Jahr. Nach dieser einen Saison war dann jedoch wirklich erstmal Schluss mit Samba an der Säbener Straße und Zé Roberto verabschiedete sich in Richtung Uruguay. Von dort wurde er nach Santos verliehen, wo er vorrangig als Zehner eingesetzt wurde. Dort entdeckte der Brasilianer seine Torgefährlichkeit wieder.

Doch nur wenige Wochen später zeigte der Familienmensch Zé Roberto bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland auf anderer Position beste Leistungen. Der brasilianische Nationaltrainer Parreira stellte den 336-fachen Bundesligaspieler ins zentrale defensive Mittelfeld als Motor des in die Jahre gekommenen Starensembles von der Copacabana.

Diese Rolle vor der Abwehr spielte Zé Roberto so überzeugend, dass er durchaus als bester Brasilianer der Weltmeisterschaft gesehen werden kann. Zurecht wurde er auch ins All-Star Team des Turniers gewählt.

Im Zentrum konnte der viermalige deutsche Meister all seine Stärken ausspielen. Seine Dribbelstärke kam zur Geltung, da er nicht mehr durch die Außenlinie begrenzt wurde und somit viel weiträumiger auftrumpfen konnte. Seine Laufstärke und Ausdauer konnte er in dieser Rolle ebenfalls gewinnbringend einbringen. Besonders überraschen konnte Zé Roberto allerdings mit seiner Zweikampfstärke. Sein Kombinationsspiel war sowieso über alle Zweifel erhaben.

Seine Interpretation des Sechsers als dynamischer und laufstarker Box-to-Box-Spieler der zudem defensive Zweikampfstärke mit den technischen Fähigkeiten eines Zehners verband waren in Europa einzigartig. Zé Roberto wusste die spielerische Brillanz eines Thiago mit der Dynamik eines Khedira zu verbinden. In dieser Rolle musste er sich vor keinem Mittelfeldspieler in Europa verstecken.

Rückkehr nach nur einem Jahr

In der Abwesenheit von Zé Roberto erlebten die Bayern eine ganz schwache Saison 2006/07 in der die Mannschaft sogar die Qualifikation für die Champions League verpasste. Zur nächsten Saison wollte man in München wieder angreifen und griff daher tief in die Tasche. Und neben Ribery, Toni und Klose holte man auch Zé Roberto zunächst auf Leihbasis zurück an die Isar.

Die Saison 2007/08 dürfte wohl die stärkste Saison von Zé Roberto gewesen sein. Im zentralen Mittelfeld war er die perfekte Ergänzung zu Mark van Bommel. Der Holländer war hierbei die ordnende Hand in der Defensive. Sein häufig statisches Spiel kompensierte Zé Roberto mit seiner Dynamik. Er lief defensiv Lücken zu, erkämpfte Bälle und riss mit seinen Dribblings und seiner Laufstärke offensiv Räume auf. Dabei konnte der viermalige Pokalsieger alle seine Stärken von der Weltmeisterschaft zur Schau stellen.

Auch in seiner zweiten Zeit in München konnte er sein Feingefühl im linken Fuß beweisen: Zé Roberto.
(Foto: Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images)

Ergänzend dazu entdeckte er auch seine Torgefahr und erzielte fünf Tore. So viele wie in seinen vier vorherigen Jahren für Bayern zusammen. In den Spitzenspielen gegen Werder Bremen und Hamburg erzielte jeweils das wichtige 1:1 zum Endstand.

Nach zwei Jahren war jedoch erneut Schluss, als man den mittlerweile 35-jährigen nahe am Karriereende wähnte und ihm wieder nur einen Einjahresvertrag anbot. Daraufhin wechselte der Brasilianer zum Hamburger SV, wo er direkt eine überragende Hinrunde spielte. In noch insgesamt zwei Jahren beim HSV war Zé Roberto in 72 Spielen noch an 28 Toren beteiligt.

Besonders hervorzuheben ist noch die Mentalität von Zé Roberto. Im Gegensatz zu den meisten Südamerikanern kokettierte der Vize-Weltmeister von 1998 nie mit einem Wechsel. Man hörte von ihm keine Kommentare über den kalten Winter in Deutschland. Im Gegenteil betonte er sogar immer, sich mit seiner Familie wohlzufühlen und bei den Bayern bleiben zu wollen.

Seine Arbeitsmoral und unbedingter Wille an sich und seinem Körper zu arbeiten zeigen sich nicht nur beim Blick auf seinen Waschbrettbauch, den er bis zum Karriereende pflegte. Ohne seinen Einsatz wäre seine lange Karriere kaum möglich gewesen. Auch die Bayern-Offiziellen dürften damals diese Einstellung des Musterprofis unterschätzt haben.

Schlussendlich bleibt den Bayern-Fans nur nochmal Danke zu sagen an unsere Nummer 11 bzw. später 15. Am Bedauerlichsten ist wohl, dass weder Magath noch Hitzfeld in seiner ersten Zeit erkannten, wie gut der gelernte Linksaußen im zentralen Mittelfeld sein würde. Gerade in der Kombination mit Michael Ballack hätte sich hier ein überragendes Mittelfeldzentrum formen lassen können.

Dieser Artikel ist in enger Zusammenarbeit mit Tobias Günther entstanden.

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Leserkommentare
  1. Ludwig

    Zé war einfach immer überragend. :)

  2. Ludwig

    “Schlussendlich bleibt den Bayern-Fans nur nochmal Danke zu sagen an unsere Nummer 11 bzw. später 15. Am Bedauerlichsten ist wohl, dass weder Magath noch Hitzfeld in seiner ersten Zeit erkannten, wie gut der gelernte Linksaußen im zentralen Mittelfeld sein würde. Gerade in der Kombination mit Michael Ballack hätte sich hier ein überragendes Mittelfeldzentrum formen lassen können.”

    Das sehe ich auch genau so… Schade dafür…
    Beim Magath war es vielleicht doch nicht so überraschend, denn unter ihm haben wir meistens im Raute gespielt, und Ballack wurde als 10er eingestellt. Gott sei Dank aber, dass der General später ihn im Zentral spielen gelassen hat.

  3. cj

    Schönes Portrait. Mein Lieblingsspieler für viele Jahre, weil ich sein Spiel sehr ästhetisch fand. Beeindruckend wie er mit über 40 immer noch Stammspieler bei einem der besten Vereine in Brasilien war. Grosse Karriere, aber es hätte noch besser laufen können. So wurde er zum Beispiel nicht für die WM 2002 nominiert und ist somit auch kein Weltmeister. Etwas enttäuschend war für mich auch, dass er trotz deutscher Staatsbürgerschaft und vielen Jahren in Deutschland seine Sympathien im WM-Spiel für Portugal waren (habe das Spiel 2006 im brasilianischen Fernsehen gesehen, er war als Experte geladen und wurde dies bezüglich gefragt).

    1. cj

      WM 2014 natürlich, nicht 2006.

  4. willythegreat

    Nicht zu erkennen, dass so mancher Flügelspieler im zentralen Mittelfeld besser aufgehoben wäre, ist scheinbar eine Bayernkrankheit der Neuzeit. Ich erinnere gerne daran, dass es erst van Gaal war, der merkte, wie stark ein Bastian Schweinsteiger in der Zentrale ist und wie sehr man ihn einschränkt, wenn man ihn nur auf dem Flügel ranlässt. Weder Hitzfeld noch Magath haben das überrissen und auch Jogi Löw wäre wohl nie draufgekommen, wenn nicht unser “Tulpengeneral” überragenden Sachverstand bewiesen hätte, sehr zum Wohle des FCB und der deutschen Nationalelf.
    An dieser Stelle möchte ich auch noch die Behauptung aufstellen, dass man Douglas Costa sicherlich einen ähnlichen Sprung hätte zutrauen können, wenn man ihn ins Zentrum beordert hätte. Pep Guardiola probierte das ja während der Vorrunde 2015/16 ein paar Mal aus (u.a. beim souveränen Pokalsieg in Wolfsburg) und Costa zeigte durchaus ansprechende Leistungen. nach seiner Verletzung wurde dieser Versuch leider nicht mehr weitergeführt. So etwas Innovatives von Ancelotti zu erwarten, wäre wohl zuviel verlangt gewesen. Von seiner Spielanlage her ist Costa einem Ze Roberto nämlich gar nicht so unähnlich: trickreich, schnell, zweikampfstark, schussstark – eigentlich alles Attribute für einen guten offensiven Mittelfeldspieler. Gerade in einem Dreiermittelfeld könnte er seine Stärken bestimmt gut zeigen. Irgendwie schade.

    1. Gestrandedinberlin

      Meine Vermutung wäre allerdings, dass man zentral etwas mehr Spielintelligenz braucht, als außen. Mehr Raum, mehr Möglichkeiten würde ich Mal behaupten. Bei Schweinsteiger und ze Roberto mag das noch ein guter Schritt gewesen sein, bei Costa glaube ich eher nicht. Bei Ribery wäre ich mir da auch unsicher (das Thema kam an anderer Stelle letztens auf, inwiefern RiberY zentral nicht momentan besser wäre)

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