Robert Lewandowski – ein Angestelltenverhältnis

Selten hat ein Transfer in den vergangenen Jahren so stark polarisiert wie der bevorstehende Wechsel des Polen zum FC Bayern. Aber weshalb eskalierte der Streit um den Stürmer, sodass inzwischen alle Beteiligten als Verlierer dastehen?

Robert Lewandowski wird in den ersten Januarwochen einen Vertrag beim FC Bayern unterschreiben. Das gilt bei vielen Medien und Beobachtern als so sicher wie das Amen in der Kirche. Ob dann etwas mehr Normalität einkehren wird ist allerdings fraglich. Zu viele Wunden wurden in jüngster Vergangenheit aufgerissen, zuviel verbrannte Erde hinterlassen. Fast scheint es so, als gebe es in diesem »Spiel« nur Verlierer – die beteiligten Vereine, die Berater und der Spieler selbst haben sich allesamt nicht mit Ruhm bekleckert.

Der sportliche Werdegang – eine Karriere mit Umwegen.

Robert Lewandowski ist in der Nähe von Warschau geboren und groß geworden, sein Vater verstarb früh und er musste die Familie alleine ernähren, soweit man das von einem Kind bzw. Jugendlichen erwarten konnte. Dabei rückte Fußball in den Mittelpunkt seines Betätigungsfeldes. Er zog kurz nach dem Tod seines Vater nach Warschau. Sein erster Profiverein – bei dem er sich ein paar Zloty verdiente – war Delta Warschau, mittlerweile ein »Ausbildungsverein« für die größeren Fische im polnischen Fußball. Nur ein Jahr später ging es, unter dubiösen Umständen (»Das ist Polen«) weiter zu Legia Warschau.

Der Arzt des Vereins befand damals, dass Lewandowski zu leicht ist für den Profifußball – und somit wurde der Spieler knallhart aussortiert. Erst über den Umweg eines Drittligisten gelang Lewandowski der sportliche Durchbruch. Mit Pruszków stieg er in die zweite polnische Liga auf und wurde im darauffolgenden Jahr Torschützenkönig (32 Spiele/21 Tore).

Es folgte der Wechsel zu Lech Posen, einem Verein, der nicht nur Groundhoppern ein Begriff ist, sondern auch dem geneigten UI-CUP/EuroLeague Zuschauer zumindest namentlich bekannt sein sollte. Durch den Wechsel und mit einer Perspektive als »bester Nachwuchsspieler Polens« wurden erstmals auch europäische Vereine aus England und Italien auf ihn aufmerksam. Auch Borussia Dortmund wurde 2009 hellhörig, schließlich suchte man einem Spieler mit Perspektive. Zum einen war Alex Frei nicht mehr der Jüngste und von Nelson Valdez bzw. Mohamed Zidan hatte sich der BVB sicherlich mehr versprochen. Doch damals konnte der BVB, der nur knapp der Insolvenz entgangen war, die aufgerufenen 5 Millionen Euro nicht bezahlen. Der 21-Jährige wollte aber seinen Wechsel erzwingen. Hierfür wählte er den Weg über die Boulevardpresse:

»Ich will und muss mich weiterentwickeln. Es ist Zeit den nächsten Schritt in meiner Karriere zu machen. Meine Entscheidung ist gefallen. Ich will Lech im Sommer verlassen und die konkrete Offerte von Borussia Dortmund wahrnehmen«, verriet der polnische Nationalstürmer gegenüber der Zeitung »Fakt«.
Reviersport: BVB: Lewandowski setzt Lech Posen unter Druck

Erst im Sommer 2010 konnte der BVB die Ablösesumme bezahlen. Man einigte sich mit Posen auf 4,5 Millionen Euro. Das bedeutete Ligarekord (nur Fabianski wechselte für eine ähnliche Summe aus Polen zum FC Arsenal). Pikanterweise drohte damals der Wechsel erneut zu platzen, da sich Jacek Rutkowski, der Präsident von Posen weigerte, ein vertraglich festgehaltenes Handgeld an Lewandowski und dessen Berater zu zahlen.

Schon damals fielen die Berater von Lewandowski unschön auf. Aktuell hat er zwei Berater, zum einen Cezary Kucharski und Maik Barthel, dem Eigentümer von der Eurosportsmanagement GmbH. Die Firma mit internationalem Klang hat vor allem polnische und deutsche Spieler unter Vertrag. Mit Ausnahme von Rafal Wolski (AC Florenz) und Grzegorz Krychowiak (Stade Reims) spielen die restlichen Kicker der Agentur maximal in der ersten polnischen Liga, viele auch einige Klassen tiefer. Das Zugpferd des Beraters Cezary Kucharski und von Eurosportsmanagement ist also Robert Lewandowski.

Zunächst begann die Zeit beim BVB schleppend. In seiner ersten Bundesliga-Saison kam er zwar auf 33 Einsätze, allerdings wurde er 18 mal ein- und 8 mal ausgewechselt. Er war also klar die Nummer 12-15 im BVB-Kader, der damals die erste Meisterschaft seit über 10 Jahren holte. Dabei gelangen ihm immerhin 8 Saisontore. Ein Jahr später – in der Saison 2011/12 war er bereits unumstrittener Stammspieler und trug mit seinen 22 Toren und 10 Assists maßgeblich dazu bei, dass die Schale erneut nach Dortmund vergeben wurde.

Der Flirt mit den Bayern wird intensiver – der Beginn einer Posse

Bereits im Frühjahr 2012 ist Lewandowski dann zum ersten Mal über seine Berater vom FC Bayern kontaktiert worden – damals noch von Christian Nerlinger. Richtig intensiv wurde der Flirt wohl im Winter/Frühjahr 2013. DER SPIEGEL berichtete jüngst, dass sich der FC Bayern mit Cezary Kucharski bereits im März 2013 auf ein Engagement des Polen geeinigt hat. Kurze Zeit später kontaktiere der Berater die beiden BVB Funktionäre Hans Joachim Watzke und Michael Zorc. Inhalt dieses Treffens war die geforderte Ablösesumme der Borussen. Diese sollte durch den Anwalt Tom Eilers vertraglich fixiert werden. Eilers, der als Jurist auch Jürgen Klopp vertritt, spielt dabei eine Doppelrolle, denn laut seiner Homepage ist er selbst als »Spielervermittler« aktiv. Anders formuliert, der Mann kennt sich aus im Metier. Der SPIEGEL zitierte aus einer E-Mail des Anwalts an den Berater Cezary Kucharski:

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Wie besprochen habe ich Michael Zorc gebeten, die zwischen euch am Dienstag besprochene Ablösesumme von 25 Millionen Euro (…) wie vereinbart schriftlich zu bestätigen.
DER SPIEGEL, Ausgabe vom 25.09.2013

Diese Vereinbarung sollte greifen, wenn bis zum 15. Mai 2013 ein Transfervertrag – in diesem Fall mit dem FC Bayern – zustande kommt. Was dann folgt ist wohl Geschichte, die ihren Ursprung am 22./23. April 2013 nahm. An diesem Tag bestätigte der BVB bzw. der FCB den Wechsel von Mario Götze. Ein wirklicher Nackenschlag – schließlich verließ ein Publikumsliebling und Hoffnungsträger den Verein. Es bleibt natürlich eine müßige Spekulation, ob dieser Wechsel als so tiefe Krängung empfunden wurde, dass ein zweiter Wechsel eines Borussenakteurs innerhalb einer Saison vermieden werden sollte. De facto wollte der BVB von der Vereinbarung aus dem März nichts mehr Wissen. Es kam zum »offenen Streit« – dessen Abhandlungen sich wunderbar in dem besagten SPIEGEL-Artikel nachlesen lassen.

Ein letzter Versuch den Spieler noch im Sommer nach München zu holen, versandete in Sylt. Der Bayern Funktionär bot dabei über 30 Millionen Euro – doch der BVB wollte Lewandowski nicht ziehen lassen. Es folgte nach zähem Ringen eine deutliche Gehaltsaufstockung von ~1,5 Millionen Euro auf über mehr als 5 Millionen Euro. Diese sollen wohl die Motivation in dem »verlorenen Jahr« sicherstellen.

Bild: probek auf Flickr

Gibt es einen sportlichen Mehrwert für den FC Bayern?

Die Zahlen im modernen Fußball sind generell unverständlich geworden, dennoch ist es bemerkenswert, dass für einen Spieler mit einem Jahr Vertragslaufzeit noch so viel Ablöse gezahlt werden soll. Daher stellt sich die Frage, welchen sportlichen Mehrwert erhofft sich der FC Bayern von Robert Lewandowski? Schließlich hat/hatte man mit Mario Gomez und Mario Mandzukic schon ähnliche Stürmertypen im Kader.

Ein kleiner Blick auf die Zahlen zeigt, dass sich die drei genannten Spieler auf etwa der selben Augenhöhe bewegen:

SpielerLigaspieleToreAssistsTore/Spiel
Mario Gomez115 (FC Bayern)75150,65
Mario Mandzukic32 (FC Bayern)1920,59
Robert Lewandowski106 (BVB)60240,56

Auf den ersten Blick zeigt sich, dass Robert Lewandowski sogar die »schlechteste« Tor pro Spiel Quote von den drei Stürmen hat. Auch die Quote beim unmittelbaren Abschluss spricht für Mario Gomez: 3,9 Schüsse pro Tor, Lewandowski 5,3 und Mandzukic 6,0. Dabei hat Gomez laut Kicker auch die meisten Großchancen pro Spiel.

Schaut man etwas genauer hin zeigt sich, weshalb der Spieler wohl im Fokus des Rekordmeisters gerückt ist: Er hat bisher 24 direkte Torvorlagen für Mitspieler seiner Borussia geliefert.

Für Mandzukic indes sprechen, dass er die meisten Torschussvorlagen und die meisten Ballkontakte pro Spiel hat. Was sich natürlich schwer vergleichen lässt, da unter Jupp Heynckes schon stark Ballbesitz orientiert gespielt wurde und dies unter Pep Guardiola nochmals deutlich verstärkt wurde. Mandzukic kommt also per se schon zu mehr Ballkontakten.

Ein positiver Wert spricht allerdings noch für den Kroaten: Er gewinnt 47 % seiner Zweikämpfe, Gomez 42,1 % und Lewandowski sogar nur 38,8 %. Bei den Offensivduellen sind Mandzukic und Lewandowski aber gleich auf (31,2 %), was im Umkehrschluss heißt, dass Mandzukic im defensiv Verhalten besser steht und mehr Zweikämpfe gewinnt. Schaut man auf die Laufleistung, dann ist wenig überraschend Robert Lewandowski vorne, aber dies ist wohl dem BVB Spiel unter Jürgen Klopp geschuldet.

Zusammenfassend zeigt sich, dass alle Stürmer nahezu gleich auf sind. Einzig die Anzahl der Assists sprechen für Robert Lewandowski. Im Gegenzug spricht das Zweikampfverhalten für Mario Mandzukic – und die reine Torquote sprach sogar für Mario Gomez.

Wo wird die Reise hingehen?

Für Lewandowski spricht der 24.04.2013 – beim 4:1 Heimsieg gegen Real Madrid gelangen dem Stürmer 4 Tore – und das im Champions League Halbfinale. Wohl das Spiel seines Lebens. Spätestens seitdem stehen ihm alle Vereinstüren dieser Welt offen. Der FC Bayern ist aber wohl in der Pole-Position, weil sie schon seit gut einem Jahr aktiv sind und der Spieler beim FC Bayern im Wort steht – und »Ein Mann steht zu seinem Wort« (Lewandowski).

Die Leistung vom Heimspiel gegen Madrid wird es aber auch öfters brauchen, um den Nimbus des »Angestellten« los zu werden. Eine kleine Umfrage auf unserer Facebook Page hat gezeigt, dass viele Fans dem Transfer durchaus reserviert bzw. offen ablehnend gegenüberstehen. Zwar wird der sportliche Aspekt nicht unbedingt infrage gestellt, allerdings ist beim Umgang mit dem Transfer viel Porzellan zu Bruch gegangen. Schließlich hat der gemeine Fußballfan einen Einblick in die krude Welt des Fußballsports erhalten. Nach außen hin wird die »Wahre Liebe« verkauft, dabei zeigt sich hier deutlich, dass es sich oftmals nur noch um die »Ware Liebe« handelt. Bezeichnenderweise führte der Liebeseinzug einer Seite zur scheinbar völligen Überreaktionen der anderen. Wie sonst lassen sich Beschimpfungen per SMS mit »Arschlochverhalten« oder »Lügencombo« erklären. Auch Gehaltsverhandlungen wurden per Kurznachrichten abgewickelt. Der FC Bayern hielt sich in der Diskussion weitestgehend zurück. Wohl mit bedacht die bereits vergifte Atmosphäre mit dem BVB nicht noch weiter zu verschlechtern. Allerdings ließ man Robert Lewandowski auch am ausgestreckten Arm verhungern. Man versuchte wohl nicht mit allerletzten Mitteln den Stürmer von Dortmund loszueisen. Die Arbeit sollten die Berater verrichten, denn oft genug verrichten diese erfolgreich ihren Dienst.

Inwieweit Robert Lewandowski hier eine persönliche Schuld trifft ist schwer zu sagen. Natürlich sprechen und handeln seine beiden Berater in seinem Name, allerdings darf man nie vergessen, dass Berater am meisten von einem Transfer profitieren. Sie kassieren in vielen Fällen 10% oder mehr Provision der Ablösesumme. Im Fall von Robert Lewandowski ist es durchaus vorstellbar, dass sie noch höher liegt. Somit hätte sie ein Transfer bei einer reinen Ablöse von 25 Millionen Euro auch zum Millionär gemacht. Wie bereits erwähnt haben die Berater nur dieses eine Pferd im Stall. Ob sie in Aussicht auf den Geldregen überdreht haben ist wohl offen und kann erst ex post bewertet werden.

Was, so zumindest die Sorge vieler Fans, sich wie ein Bumerang für den FC Bayern entwickeln könnte. Robert Lewandowski ist jetzt mit 25 Jahren im bestem Fußballeralter. Man stelle sich vor der Pole unterschreibt einen 4 oder 5-Jahresvertrag beim FC Bayern, spätestens in 2-3 Jahren hätte man wohl die gleichen Probleme wie der BVB jetzt. Lewandowski ist dann 27-28 Jahre alt und würde wohl seinen letzten großen Vertrag abschließen wollen. Allerdings ließ er sich nie hängen, weder in Posen noch jetzt beim BVB. Robert Lewandowski ist ein angestellter Vollprofi.

Natürlich ist dies weit vorausgedacht. Keiner weiß wie sich Lewandowski beim Rekordmeister entwickeln wird. Er besitzt zweifelsfrei gute Anlagen und würde die Lücke die Mario Gomez und Claudio Pizzaro (Karierende?) hinterlassen sicherlich ausfüllen können. Anderseits wird von einem Stürmer beim FC Bayern immer etwas Besonderes erwartet. Einfach seine Tore schießen und der Nationalspieler Nummer #1 zu sein scheint scheinbar nicht zu reichen. Zudem bleibt abzuwarten, inwiefern Pep Guardiola seine Spielphilosophie ändern will. Mario Mandzukic spielte bisher 8 von 10 Spielen von Beginn an. Allerdings stürmte Thomas Müller in vorderster Front bei den beiden besten Saisonspielen (in Manchester und Leverkusen). Zudem hat man noch Mario Götze der die Rolle als “Stürmer” auch ausfüllen könnte. Zumindest in der Nationalmannschaft wurde dies schon mehrfach ausprobiert. Somit lag das defensive Auftreten der Bayern vielleicht an ihrem neuen Star-Trainer? Solange die Tinte unter dem Vertrag nicht trocken bleibt, wird es immer wieder Spekulationen geben. Die neusten wurden vom spanischen Blatt »AS« verbreitet, demnach zweifelt Pep Guardiola an der Qualität des Polen – ein Wechsel zu Real Madrid sei weiterhin möglich.

Es bleiben also noch viele offene Fragen bis zum ersten Saisonspiel 2014/15 – es bleibt zu hoffen, dass sich alle Beteiligten dabei besser anstellen als bisher. Einiges scheint aber sicher zu sein, sollte Robert Lewandowski bei den ersten Spielen in der Allianz Arena auflaufen und treffen, wird die Tormusik wieder mit maximaler Lautstärke aus den Boxen dröhnen.

*Update 1 13.10.2013 “joining Bayern is not a done deal“*

Nachdem in der Vorwoche Gerüchte aus Spanien die Runde machten, bekommen wir diesmal neue Wasserstandsmeldungen aus England, wo die polnische Nationalmannschaft zum letzten WM-Qualifikationsspiel antritt. Dort wird Lewandowski im “THE TELEGRAPH” wie folgt zitiert:

“I will be able to sign a contract [with any club] in January, but I have never said that I will sign a contract with Bayern[…]. It was a misunderstanding. It is true I had an opportunity to speak with Sir Alex Ferguson [last year], but we didn’t mention the transfer.”

Vor allem der folgende Satz dürfte eingen Fans schwer im Magen liegen: “One day I would like to play in Premier League. It would be a great experience.

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