Noch mehr Ballbesitz?

“Der Grund, warum wir heute verloren haben, war, dass wir in der 1. Halbzeit keinen guten Ballbesitz hatten. Ohne Kontrolle hast du gegen Real Madrid keine Chance.” Pep Guardiola.

Pep Guardiola ließ bereits kurz nach der 0:4-Niederlage gegen Real Madrid in der Pressekonferenz mit diesen bemerkenswerten Sätzen aufhorchen. Am Freitag legte er in der PK vor dem HSV-Spiel noch einmal nach. “Ich bin nach den Spielen gegen Real Madrid noch mehr überzeugt von meiner Spielidee. Wieso haben wir verloren? Weil wir die erste Halbzeit nicht gut gespielt haben. Wir hatten nicht den Ball.” Im Angesicht von knapp 70 Prozent Ballbesitz in beiden Spielen gegen Real klingt diese Aussage widersprüchlich. Sie wurde ihm von einigen Kommentatoren bereits als Sturheit ausgelegt. Noch mehr Tiki Taka? Noch mehr Ballbesitz? Nicht unbedingt.

Was Guardiola meint ist sicher nicht, dass es Bayern in Zukunft gelingen muss den Ballbesitz auf 75 oder 80 Prozent zu steigern. Guardiola denkt nicht in Prozentzahlen, sondern an die Qualität des Ballbesitzes.

In gewisser Weise hat sich seine Mannschaft in der ersten Hälfte gegen Madrid in der Tat von seiner Philosophie abbringen lassen. Bayern spielte von Beginn an ein enorm hohes Tempo und rannte angetrieben von der Stimmung im Stadion an – suchte den offenen Schlagabtausch. Guardiola wird es nicht gefallen haben, dass Madrid schon in den ersten 15 Minuten zwei 3:3-Kontersituationen hatte. Eine davon führte zur Ecke vor dem 0:1. Bayern hatte zwar über weite Strecken die Kontrolle über den Ball, aber nicht unbedingt die Kontrolle über das Spiel. Geduldiges Ballbesitzspiel mit hoher Fluidität im Positionsspiel wie es Guardiola sehen will, war das nicht unbedingt. Guardiolas Aussagen sind insofern konsequent. Die Öffentlichkeit machte vor allem sein System verantwortlich für die beiden Niederlagen gegen Madrid. Guardiola dagegen eher die mangelhafte Umsetzung dieses Systems, die sich der Katalane in aller Deutlichkeit auch selbst ankreidete.

Den Auftrag für die kommenden Wochen, Monate, vielleicht Jahre hat sich Guardiola damit selbst gestellt. Er wird sein grundsätzliches System nicht ändern. Das wäre nach der insgesamt guten Saison der Münchener auch absurd. Er wird an den Details arbeiten und an einigen Stellen Anpassungen vornehmen müssen. Daran, nicht an Prozentzahlen sollte und wird er in Zukunft gemessen werden.

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Leserkommentare
  1. Ein Testament der Staerke wie ich finde. Dass Pep’s System in Vollendung funktioniert, hat man ja schon einige Male bewundern duerfen. Ich liebe es, wenn der Gegner 90 Minuten lang den Baellen hinterherlaeuft und dann irgendwann konditionell in die Knie gezwungen wird. Wenn die ganze Mannschaft nur auf 80% spielt, dann hilft gegen die Top 10 dieser Welt sowieso kein System. Madrid waere mit der Form von Manchester City auswaerts sicherlich ganz anders gelaufen.
    In der neuen Saison geht es um Feinjustierung. Ich freue mich schon auf die aufregenden Anpassungen. Ausserdem wird der Hunger zurueckkehren. Ich habe Vertrauen in Pep’s Weg.

    1. bligger

      ich auch!

      1. Bazi78

        Volle Zustimmung.Nächstes Jahr ist das CL-Finale in Berlin wieder ein tolles Ziel für die Bayern…

    2. TinkerBella

      Stimme dir zu!
      Wird interessant zu verfolgen, welche Stellschrauben er ‘anzieht’ und welche Neuverpflichtungen, speziell für die IV, kommen.
      Apropos IV, hoffe, dass Holger nächste Saison zu alter Stärke zurückfinden kann, denn dann bricht es nur einiger Backups für die Verteidigung, speziell für Alaba.

  2. Dem ist nichts hinzuzufügen. Sehr gutes statement.

  3. Steffen Wettengl
  4. Ballbesitz ist – wie bewiesen – eben doch nicht alles! Eine Ur-Ur-Weisheit im Fußball besagt: “man sollte jeden Angriff mit einem Torschuß abschließen!”. Wenn aber ein Angriff 3, 4 oder 5 min. dauert, da man mehr nach hinten und zur Seite spielt, als dorthin (in den 16.) wo wirklich eine Torgefahr ausgeht, steht die gegnerische Abwehr eng gestaffelt und hat ihrerseits nun die Möglichkeit auf schnelle!!! Konter. 15 Ecken in Madrid, über 70% Ballbesitz, ganze 3-4 wirklich torgefährliche Aktionen, und 0:1 verloren, das ist die Realität. In München 2 Standardsituationen von Real und 2:0 Führung. Letztendlich aus 3 Standards und einem schnellen Konter 4 Tore erziehlt. Und der FCB??? Für die Bundesliga mag das ja alles reichen, aber für die wirklich großen Gegner reicht 70% Ballbesitz eben nicht – wenn er nicht mit permanenter Torgefahr und Torabschluß vorgetragen wird. Und bei der Ausnutzung von Standards und an der Schnelligkeit beim Abschluß eines Angriffs mit Torgefahr fehlt es dem FCB momentan noch, wenn der Gegner mit dem aktuellen Weltfußballer, Weltmeistern und Europameistern besetzt ist! Pep – da mußt Du taktisch etwas nachbessern!!!

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