“Carlo muss nicht hart, sondern durchdacht, arbeiten” – Martí Perarnau über sein neues Buch

Carlo needs to work smart, not hard

“Herr Guardiola” war ein großer Erfolg für Martí Perarnau und nun erscheint sein zweites Buch über Pep Guardiolas Zeit bei Bayern München. Miasanrot hatte die Gelegenheit mit dem Autoren in München auf eine der wohl erfolgreichsten Phasen in der Geschichte des Vereins zurückzublicken.

Martí Perarnau, Sie haben jetzt drei Jahre lang mit Pep Guardiola und dem FC Bayern verbracht. Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Ich arbeite derzeit an einem neuen Projekt, das sich mit der taktischen Entwicklung im Fußball seit den 1860er Jahren beschäftigt. Es ist ein etwas verrücktes Projekt, aber wahnsinnig spannend. Wir denken ja immer, dass sich der Fußball, wie wir ihn heute kennen, erst vor 40 oder 50 Jahren taktisch weiterentwickelt hat – aber das ist falsch. Ich habe im aktuellen Buch eine Passage geschrieben, die sich mit Edward Niedham, dem Kapitän von Sheffield United, beschäftigt, der 1901 über das Aufbauspiel der zentralen Mittelfeldspieler geschrieben hat. Man muss sich das vorstellen: Vor 115 Jahren gab es im Fußball bereits dieselben Gedanken wie heute.

Interessieren solche historischen Themen Pep Guardiola eigentlich?

Durchaus. Es ist gar nicht mal so, dass er extrem viel Wissen mitbringt – aber er zieht trotzdem seine Lehren aus der Geschichte. Ein gutes Beispiel ist die Idee, Messi in Barcelona als falsche Neun aufzustellen: Die Idee hatte Pep von Juanma Lillo, einem der größten Experten auf dem Gebiet der historischen Taktik, der ihm von Spielern wie Adolfo Pedernera erzählte, die diese Rolle bereits gespielt hatten.

Wann brachte Pep diese Erfahrungen ins Bayern-Spiel ein?

Da könnte man sich zum Beispiel die Partie gegen Köln im Oktober 2015 anschauen. Pep ließ im 2-3-5 spielen und auf Twitter haben Leute angefangen, Grafiken zu bauen, die das System mit dem der Ungarn in den 1950er Jahren verglichen. Er hat das gelesen und meinte zu mir: ‚Schau dir das an, die sagen, mein Team hat wie eine der besten Nationalmannschaften aller Zeiten gespielt!’

Wie ein Baum an der Säbener Straße

Hat sich der Arbeitsprozess beim zweiten Buch eigentlich verändert?

Das erste Buch war von Anfang an so geplant, ich wollte Peps Leben und Arbeit in seinem ersten Jahr in München beschreiben. Daher ist es dann zu einer Art Chronik geworden: Ich habe aufgeschrieben, was im Training, bei den Besprechungen, den Spielen et cetera passiert. Danach hatte ich eigentlich gar nicht an eine Fortsetzung gedacht – aber na gut, jetzt sitzen wir hier und reden darüber.

Wie hat sich das Verhältnis zu den Spielern in den letzten Jahren entwickelt?

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Während meinem ersten Jahr waren die Spieler natürlich noch etwas misstrauischer. Ich habe auch versucht, mich ruhig zu verhalten, Freunde von mir haben mich schon als „Baum an der Säbener Straße“ bezeichnet. Nachdem dann aber alle mein erstes Buch gelesen hatten, wussten sie, dass sie nichts zu befürchten hatten und wurden deutlich offener.

Gab es eine besondere Verbindung zu einem Spieler?

Ich habe mich sehr viel mit Xabi Alonso unterhalten, der mir gegenüber sehr offen war. Manuel Neuer, Philipp Lahm und David Alaba waren ebenso wichtig – David vor allem, weil er ein unheimlich netter Kerl ist.

Wie sah ein typischer Tag an der Säbener Straße für Sie aus?

Wenn das Training um elf Uhr Vormittag startet, war ich stets schon etwas früher dort und habe ein paar Eindrücke vor Ort gesammelt. Ich habe es immer genossen mit dem Sicherheitspersonal, das nur bayerisch spricht, oder auch den Gärtnern zu unterhalten. Danach habe ich mir das Training angeschaut und mich dabei mit Pep oder seinen Mitarbeitern unterhalten. Nachmittags habe ich das alles aufgeschrieben.

Sind Sie auch mit dem Team gereist?

Nein, ich habe versucht so unaufdringlich zu sein, wie möglich – wenn ich in manchen Momenten nicht zurückgetreten wäre, hätte das die Spieler irritiert. Und wenn ich ein Problem mit einem der Spieler habe, kann ich mein Buchprojekt vergessen.

Sind Sie zum Bayern-Fan geworden in den letzten drei Jahren?

Ich habe schon versucht, meine Emotionen aus dem Spiel zu lassen und mich daran zu erinnern, dass ich ein Baum bin (lacht). Ich wurde öfters dafür kritisiert, ein Freund von Pep zu sein – das sollte ich vielleicht richtigstellen. Ich habe ihn 2013 kennengelernt und wir haben ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander entwickelt, aber keine Freundschaft.

Sie bezogen in ihre Buch-Recherche nicht nur Personen aus dem Fußball-Geschäft mit ein, sondern trafen auch Kreative wie den Koch Ferran Adriá oder den Dirigenten Christian Thielemann.

Ferran Adriá hat für mich eine sehr wichtige Rolle gespielt. Ich habe ihn 2015 getroffen, also mitten im Projekt. Bis dahin kannte ich Pep sehr gut, hatte oft mit ihm gesprochen – aber erst durch Ferran habe ich ihn richtig kennengelernt.

Also kannten sich beide davor schon?

Es geht in diesem Fall gar nicht darum, dass sie sich kannten, sondern dass sie die gleiche Art haben, über das Leben nachzudenken.

Ist das Positionsspiel bereits verschwunden?

Jetzt ist Pep Guardiola bei Manchester City, wo er laut Ihnen „Geschichte machen“ will. War das auch sein Anspruch, als er nach München kam?

Eigentlich überhaupt nicht. Als er nach München kam, war Pep ein junger Mann, der seine gesamte bisherige Karriere in der Komfortzone verbracht hatte. Er kannte La Masia, Xavi, Iniesta, Messi, den Cruyff-Fußball in- und auswendig. In München kamen so viele neue Dinge auf ihn zu. Die Kultur, die Sprache, die Legenden, die den Verein ausmachen. In Manchester ist das anders: Dort wird er weder die Geschichte des FC Bayern noch die Spielkultur des FC Barcelona vorfinden.

Hat Pep Guardiolas Arbeit in München einen langfristigen Effekt auf den FC Bayern München oder hat Carlo Ancelotti bereits zu viel verändert, um weiterhin die Handschrift von Pep zu erkennen?

Die Bayern haben mit der Verpflichtung von Carlo Ancelotti eine sehr beeindruckende Entscheidung getroffen. Er ist der beste Trainer der Welt, wenn es darum geht, ein Team zu managen. Während ich Pep als Architekten beschreiben würde, ist Carlo eher der Bauleiter. Er wird in jedem Fall mehr Zeit benötigen, um seine Anpassungen der Taktik der letzten Jahre umzusetzen, aber für mich steht dennoch fest, dass er Peps taktische Hinterlassenschaft perfekt verwalten kann. Er wird weiterhin ein Team auf das Feld schicken, das denselben Siegeswillen zeigt wie unter Pep.

Aus Fan-Sicht ist es dennoch etwas traurig, dabei zuzusehen, wie das Positionsspiel langsam verschwindet.

Ich würde nicht sagen, dass es verschwindet. Es ist vielleicht nicht mehr so klar wie im letzten Jahr, aber man muss sich bewusst machen, dass es für das „Juego de Posicion“ extrem viel Training einfordert. Die Spieler müssen jeden Tag an sich arbeiten und strenge Richtlinien einhalten – wenn sie das nicht tun, sind bereits kleine Dinge fatal.

Haben Sie ein Beispiel?

Es geht vor allem darum, dass Arturo Vidal seine Position anpasst. Sobald er das tut, wird Xabi Alonso besser spielen. Wenn Xabi zu viele Bälle verliert, liegt das immer daran, dass seine Mittelfeldkollegen zu weit weg von ihm postiert sind, da ist er Busquets sehr ähnlich. Schauen Sie sich das Spiel letztens gegen Manchester City an: Andre Gomes und Ivan Rakitic waren zu weit vorne und sobald Silva ihn mit Pressing unter Druck gesetzt hat, kam es zum Ballverlust.

Bleiben wir bei Xabi Alonso. Er scheint im Moment nicht gerade gut geschützt zu sein.

Das ist das Problem. Das Positionsspiel hat so viele Stärken, aber eben auch ein paar Schwächen. Eine davon ist die Nummer Sechs. Eine Möglichkeit, diese zentrale Position zu schützen, wäre eine zweite Nummer Sechs daneben zu postieren – allerdings zerstört man so das Positionsspiel, das von der vertikalen Aufstellung im Mittelfeld abhängig ist.

Jupp Heynckes hat mit der Doppelsechs die Champions League gewonnen.

Pep hat ebenfalls darauf zurückgegriffen. Er hat Alonso und Vidal, Lahm und Kroos oder Schweinsteiger und Alonso auf die Doppelsechs gestellt, aber nur in besonderen Situationen. Meistens hat er auf die andere Möglichkeit, die Sechs zu schützen, vertraut: Entweder er zog sie weit zurück zwischen die Innenverteidiger oder aber er ließ die Außenverteidiger einrücken. Aber das ist nur ein Teil der Lösung: Essentiell ist, dass die Acht und die Zehn nicht zu weit aufrücken. In diesem Fall wird immer viel Druck auf die Sechs möglich sein, die dann Probleme beim Passspiel bekommt.

Nachdem man ihr Buch gelesen hat, fühlt es sich so an, als hätte Xabi Alonso eine wichtige Rolle in Peps Fußball bei Bayern gespielt. Auf der anderen Seite war es schwer für ihn Toni Kroos zu Real Madrid ziehen zu lassen. Wäre Kroos der bessere Xabi Alonso gewesen, der nur sein bester Ersatz war?

Um diese Frage zu beantworten muss man hinzufügen, dass Toni Kross ein anderer Spieler ist als Xabi Alonso. Xabi ist der perfekte Sechser für das Positionsspiel, aber für nichts anderes. Kroos ist vielseitiger als Alonso, als Achter ist er meiner Meinung nach deutlich besser. In Peps erstem Jahr spiele Toni Kroos als Sechser im Supercup gegen Chelsea, aber auch nur, weil Bastian und Javi verletzt waren. Nach dreißig Minuten wurde es Pep und Dominic Torrent klar, dass er dort Probleme hat gegen Torres, also stellten sie Lahm zum ersten Mal auf diese Position. Danach konnte er seine Stärken viel besser demonstrieren.

In einer idealen Situation hätte man also Kroos gehalten und Alonso trotzdem verpflichtet?

Xabi als Sechser, Toni als Achter und Thiago als Zehner – das wäre das unglaublichste Mittelfeld, was ich mir vorstellen könnte. Vielleicht fügt man Philipp Lahm als hereinkippenden Außenverteidiger hinzu und es ist perfekt

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Leserkommentare
  1. Der Groninger

    Man wird wehmütig und sehnsüchtig zugleich. Ach, Pep!

    Ich habe das 7-1 gegen Rom zufällig in einer Bar in Mailand gesehen. Die Lombarden trauten ihren Augen nicht, welche Ball-Magie die Männer aus der “nördlichsten Stadt Italiens” (wie wir Münchner gerne sagen) auf dem Platz entwickelten. Vielleicht das beste Bayern-Spiel in meinen knapp 35 Jahren als Fan.

  2. Jo

    Schönes Interview.
    Ich bin überrascht, dass er Bayern offensichtlich immer noch aufmerksam verfolgt. Zumindest lassen seine taktischen Aussagen zu unserer mangelnden Kompaktheit darauf schließen.

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