Viktoria Schnaderbeck

„Was die anderen machen, ist erstmal nebensächlich“ — Interview mit Viktoria Schnaderbeck

Miasanrot traf sich zum Gespräch mit Viktoria Schnaderbeck und sprach über positionelle Variabilität, mentale Spielvorbereitung, kritische Situationen auf dem Platz, die Kunst, immer weiter zu lernen und Ziele im österreichischen Frauenfußball.

Gibt es außer der Torwartposition eine Position, auf der Du noch nicht gespielt hast?

Anfangs, als ich noch bei den Jungs in Österreich gespielt hab, war ich immer im Sturm. Vom Stürmer bin ich dann ins zentrale offensive Mittelfeld. Das war dann so die Zeit mit 12, 13, 14 Jahren in der Frauenauswahl. Aus der Offensive ging es ins defensive Mittelfeld auf die Sechs. Von dieser Position bin ich dann im letzten Jahr — teilweise schon davor — noch eins zurückgerutscht und war Außenverteidigerin. Inzwischen bin ich ganz hinten gelandet. Wenn ich das selbst beobachte, hab ich wirklich ganz vorne angefangen und spiel jetzt ganz hinten. Und dort liegen, glaub ich, auch meine Stärken. Dort kann ich mich am besten einbringen, auch wenn ich sowas wie eine Lieblingsposition in dem Sinne gar nicht habe. Wir spielen natürlich auch so, dass wir in der Abwehr den Spielaufbau übernehmen. Das macht schon mehr Spaß. Auf der Position würde ich mich nicht wohlfühlen, wenn es dort nur ums Verteidigen ginge ohne Fußballspielen. Da bin ich jetzt schon sehr zufrieden.

Gibt es dann bestimmte Tätigkeiten, die Du gerne auf dem Platz übernimmst unabhängig davon, wo auf dem Feld das genau ist?

Mittlerweile macht mir auch das Verteidigen Spaß. Nicht unbedingt Bollwerk und mauern, sondern entscheidende Zweikämpfe gewinnen — und zwar eher durch taktische Gedankenvorsprünge als nur durchs Reinkloppen. Klar, sich in den Zweikampf hauen gehört auch dazu, das macht mir schon auch Spaß. Aber hinten musst du taktisch noch mehr abwägen als auf der Sechs, wo du manchmal einfach rein musst: Entweder verlierst du das Duell und dann ist die Gegenspielerin vor dem eigenen Tor oder du gewinnst es. Da kommen einfach mehr Komponenten dazu und das macht den Reiz aus. In der Bundesliga sind in der Offensive so viele starke Top-Spielerinnen vertreten, dass es richtig Bock macht, sich mit denen zu messen und sich durchzusetzen. Die aus dem Spiel zu nehmen, da hab ich mittlerweile schon richtig Lust dran gefunden genauso wie an der spielerischen Komponente. Egal wo das ist, das findet bei uns ja auch hinten statt, dass man mit involviert ist in den Spielaufbau, ins Spielgeschehen, in die Spielentwicklung. Das sind beides Punkte, die ich gern mag und die auf jeder Position vorkommen, auf der ich in letzter Zeit gespielt hab.

Angenommen Du führst einen Defensivzweikampf, bei dem auch ein Laufduell involviert ist, musstest Du das Timing dafür, wann Du zur Grätsche ansetzt, komplett selbst über die Zeit und die Spielpraxis entwickeln, oder gibt es dort auch theoretische Hinweise, worauf man zum Beispiel bei der Fußstellung der Gegnerin achten muss?

Jein, da gibt es sicher Vorgaben, die sich aus dem Taktikbuch rauslesen lassen. Aber ich treffe die Entscheidung für mich mittlerweile rein instinktiv aus meinem Repertoire heraus. Ich denke also nicht, „aha, jetzt steht sie so, deshalb muss ich das so machen“. Aber es gibt natürlich Dinge, auf die man achten muss. Wenn die Gegenspielerin mit Tempo auf mich zukommt, kann ich natürlich nicht einfach draufstechen. Da wär ich so schnell ausgespielt. Ich muss also in gewisser Weise etwas verzögern und kann nicht einfach voll in den Zweikampf reingehen. Das sind zwar Sachen, die man theoretisch wissen kann, aber sie in der Praxis umzusetzen, ist nochmal etwas anderes. Durch die Erfahrung, durch einige Bundesligajahre und auch unterm Tom [Wörle, Cheftrainer der FC Bayern Frauen], der sehr viel Wert auf Taktik legt, darin gut geschult ist und auch uns gut schult, habe ich sehr viel gelernt und für mich eine gewisse Sicherheit entwickelt, wie ich gewisse Zweikämpfe auf welcher Höhe und in welcher Situation wie lösen muss.

Sind das situative Zuordnungen, weil Ihr generell den Raum abdeckt und wenn dort jemand aufkreuzt, ist klar, „das ist jetzt meine“?

Genau.

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Wenn wir nochmal auf Deine Positionen zurückkommen, dann hast Du in der letzten Saison Leonie Maier lange Zeit als rechte Außen- oder Flügelverteidigerin vertreten. Da warst Du auch viel offensiv involviert auch als Flankengeberin und immer mit viel Tempo die Linie hoch und runter unterwegs. Ich habe den Eindruck, dass die Flügelverteidigerinnen in dieser Saison noch häufiger diagonale Wege suchen, ins Zentrum reinziehen und in die Halbräume reinkippen, während ihr Spiel letzte Saison noch vertikaler ausgerichtet war. Als ehemalige Zehnerin und als Sechserin hätte es ja eigentlich zu deinen Fähigkeiten gepasst, Dich auch zentraler spielerisch einzubringen. War das nicht gewollt? Oder war der Platz einfach schon durch andere Spielerinnen besetzt?

Sowohl als auch. Es kommt natürlich auch aufs System an, wie welche Spielerinnen wo vertreten sind, aber es hängt auch vom Spieltypen ab. Ich habe dort viele Aktionen und Flanken gehabt, weil wir in der Mitte schon zahlreich vertreten waren. Dazu kommt, dass wir uns entwickeln und auch die Möglichkeiten, die uns das System gibt, wie man mit Spielerinnen zusammenspielen kann. Es war keine bewusste Entscheidung, dass ich das so machen muss und die Leo etwas anderes. Unser Spiel entwickelt sich einfach weiter.

Dann hat sich Nora Holstad verletzt und Du hast die eigentlich wichtigste Position in der Verteidigung direkt in der Zentrale übernommen. Jetzt spielst Du als linke Halbverteidigerin in der Dreierkette. Von der Außenbahn rechts über die Mitte auf die halblinke Position — es scheint für Dich keinen großen Unterschied zu machen. Hast Du einen stärkeren Fuß?

Mein stärkerer Fuß ist schon der rechte. Aber ich würde behaupten, dass ich ziemlich beidfüßig bin. Ich kann mit dem linken schon was anfangen und fühl mich auf der Position wohl, auf der ich jetzt bin. Ich traue mir auch zu, das Spiel mit links aufzubauen, das ist für mich eigentlich kein Problem.

Du bist die Führungsrolle aus der österreichischen Nationalmannschaft gewohnt. War es nochmal ein Unterschied, auf der zentralen Position die größte Verantwortung zu tragen?

Es kommt vielleicht so rüber, als hätte man in der Mitte, weil es die zentralste Position ist, mehr Verantwortung als die äußeren Spielerinnen. Aber ich muss ehrlich sagen, in der Art und Weise, wie wir es spielen, finde ich es nicht unbedingt so. Da sollte der ganz zentrale Innenverteidiger oft sogar sowas wie ein Backup sein, wenn man es gut spielt. Von daher ist es mir damals nicht schwer gefallen. Taktisch ist es in Nuancen schon unterschiedlich von außen oder der Halbposition, aber vom Verantwortungsbereich her ist es nicht unbedingt mehr geworden — oder weniger auf der jetzigen.

Wie hast Du erfahren, dass Du zentral spielen sollst? Hat Dich Tom für ein Zwiegespräch beiseite genommen? War das in einer Teambesprechung? Wie lief das ab?

Das Ganze ist damals aus der Wintervorbereitung heraus entstanden. Es scheint nicht ganz schlecht funktioniert zu haben. Natürlich hatten wir über die neue Rolle gesprochen und es in Trainings und Testspielen ausprobiert, das ist ganz normal. Ich bin halt sehr offen und gewöhne mich relativ schnell an neue Positionen und deren taktische Aspekte. Von daher hat das dann beidseitig gut gepasst.

Was für Anweisungen hat er Dir denn mit an die Hand gegeben?

Das waren allgemeine taktische und spielerische Dinge, die für die Position wichtig sind und wie er sich vorstellt, dass man sie spielt. Er hat mir gesagt, dass er mir die Position absolut zutraut. Alles andere ist und bleibt intern.

Gegen Bremen gab es viele Situationen, in denen die Mannschaft insgesamt weit aufgerückt war, auch weil sich Bremen so weit hinten aufgehalten hat. Häufiger haben sich auch Nora Holstad oder Caro Abbé weiter vorn mit eingeschaltet. Wie stimmt Ihr Euch ab, wer mit vorgeht? Ist das situativ, wenn man merkt, „zwei sind schon vorne, da bleibe ich besser mal hinten“ oder gibt es da feste Einteilungen wie zum Beispiel bei Eckstößen?

Ja genau, bei Standardsituationen gibt es feste Einteilungen. Aber im Spiel ist es situativ. Wie steht der Gegner gerade? Wo bin ich? Bin ich grad schon vorn? Bleibe ich da? Da gibt es in dem Sinne keine Regeln. Da müssen wir sprechen, es muss bei aller Freiheit organisiert sein.

Wie ist es denn so um Dein Kopfballspiel bestellt, wenn Caro und Nora bei den Standards vorne eingeteilt sind? Haben sie Dir da etwas voraus?

[Schmunzelt] Würde ich schon behaupten, ja. In der Defensive ist mein Kopfballspiel vielleicht noch einigermaßen in Ordnung…

So gleich…

…aber mein offensives Kopfballspiel ist sicher nicht das beste in der Mannschaft. Auch nicht ganz schlecht, aber es gibt definitiv bessere Spielerinnen oder Spielerinnen, die einfach gefährlicher sind bei Standardsituationen.

Gibt es eine Situation auf dem Platz, die der absolute Horror ist für Dich, wo Du schon im Ansatz merkst, „das wird jetzt furchtbar“?

Viktoria Schnaderbeck gegen WolfsburgViktoria Schnaderbeck gegen Wolfsburg, Bild: Fotoallerlei

Eigentlich selten, muss ich ehrlich sagen. Es gäbe Situationen, die es bei uns aber fast nie gibt, Gott sei Dank. Das sind natürlich immer Unterzahlsituationen, wenn der Gegner mit vier Spielerinnen kommt und du bist auf einmal nur noch zu zweit hinten. Da kannst du nur noch schauen, dass du taktisch irgendwie versuchst, gewisse Räume abzudecken. Das sind immer unangenehme Situationen, weil der Gegner das in Überzahl immer lösen könnte oder lösen können sollte und die Situation entscheiden kann. Aber wir schauen halt, dass es soweit gar nicht erst kommt. Da müssen wir uns vorher schon so verhalten oder aufstellen, dass wir nie in die Unterzahlsituation geraten.

Es ist vielleicht schwierig für Dich, weil Du in einem Team spielst, dass nun fast schon ein Jahr lang kein Pflichtspiel mehr verloren hat, aber kannst Du Dich noch an Situationen erinnern, wo Euch mehrfach Fehler passiert sind und Ihr sie nicht abstellen konntet, weil Ihr vielleicht gar nicht erkannt habt, was der Gegner mit Euch macht?

Fehler sind ja nicht unbedingt etwas Schlechtes. Bei uns passieren nach wie vor Fehler. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht und ob aus Fehlern sofort eine Chance gegen dich entsteht. Und solche Fehler versuchen wir im Spiel gering zu halten. Fehler passieren. Gerade, wenn man spielen will, passieren Passfehler, Abspielfehler, taktische Fehler. Da ist die Aufgabe, das dann mit dem Rest der Mannschaft zu lösen oder wieder auszubügeln.

Kannst Du sagen, wann Du ein Bewusstsein für taktische Aspekte entwickelt hast? Wenn man fast täglich Fußball spielt, geht das sicher mit der Zeit in einen über auch von den Vokabeln her und wie man über Fußball spricht. Aber ist Dir irgendwann mal ein besonderes Licht aufgegangen?

Da gab es immer wieder viele Momente, auch jetzt noch. Ich muss sagen, dass es einfach die Erfahrung und die Spiele sind, die es dann bringen. Ich kann mich noch erinnern, in den ersten Jahren Bundesliga, da hast du das Taktische gesagt bekommen und hast versucht, es umzusetzen. Mittlerweile ist es intus. Da braucht es dir eigentlich keiner mehr zu sagen. Es ist automatisiert. Du weißt, wie du in gewissen Situationen handeln sollst und das bringt einfach die Erfahrung. Damit meine ich sowohl gute als auch schlechte Sachen. Ich weiß nicht, wann der Zeitpunkt war, wo das übergegangen ist. Aber vielleicht kam es auch dadurch, dass ich viele verschiedene Positionen gespielt hab. Dadurch habe ich mich immer wieder auf neue Situationen einstellen müssen. Und das Einstellen, das immer wieder Bewusstmachen von taktischen Sachen hat mich in gesamttaktischer Hinsicht irgendwie stabiler gemacht.

Spielt Ihr im Training auch mal in völlig fremden Rollen — auch wenn das bei Dir schwierig wird, es sind ja nicht mehr viele übrig — um ein Gespür dafür zu bekommen oder um den Gegner zu simulieren?

Wenn wir ein Trainingsspiel machen, zum Beispiel elf gegen elf, dann achtet der Trainer schon darauf, dass jeder in seinen gewohnten Positionen spielt, das ist ja auch logisch. Da wird es selten sein, dass ich im Sturm auftauche und eine Mana Iwabuchi in der Abwehr.

Du meintest, dass die taktischen Vorgaben mit der Erfahrung irgendwann in Fleisch und Blut übergehen. Gibt es noch Sachen, die Dich irritieren oder überraschen? Und auf der anderen Seite, führen die vielen Jahre mit Fußball und dem eigenen Alltag dazu, dass man in eine Routine verfällt, bei der man vielleicht gar nicht immer bei der Sache ist? Oder steht man immer wieder neugierig da und lernt dazu?

Das ist ja die Kunst eines Profisportlers, dass man sich immer wieder aufs Neue konzentriert, fokussiert und voll dabei ist. Es kann noch so banal und einfach klingen, aber wenn du nicht konzentriert bist, kann dir jede Situation zum Verhängnis werden. Deshalb glaube ich, ist es die Aufgabe jeder einzelnen Spielerin, jedes Spiel wieder zu hundert Prozent ernst zu nehmen. Möge es noch so sehr klingen, als hätte man es zehn Mal durchbesprochen. Das ist es eben nicht. Es kann im Spiel wieder die Situation auftreten, man muss sich wieder richtig verhalten und dazu muss man einfach konzentriert und fokussiert sein. Ich versuche für mich jedenfalls, mit dieser Einstellung in jedes Spiel und in jedes Training zu gehen, dann kann man aus jedem Training was mitnehmen — aus jedem Spiel ja sowieso.

Hast Du bestimmte Rituale, um Dich zu konzentrieren, einzustimmen und Deinen Fokus zu schärfen.

Bestimmte Rituale nicht. Ich versuche mir natürlich gerade vor dem Spiel gewisse Situationen zu visualisieren und mir gewisse Dinge vorzustellen. Natürlich geh ich immer auf den Platz raus — das macht jede Spielerin von uns, um sich die Gegebenheiten schon mal anzuschauen, damit man weiß, auf was man sich einstellen kann. Ist es ein großer, ein kleiner Platz? Ist der heute total schlecht zu bespielen oder super? Das fließt ja alles ins Spiel mit ein.

Was hast Du Dir im konkreten Fall von Bremen vorgestellt und vor Augen geführt? Hast Du Dir bestimmte Situationen visualisiert?

Ja, ich versuch mir dann immer das Spielfeld, hier also in Bremen auf meiner Position halblinks vorzustellen und ruf mir dann bestimmte Situationen vor Augen: Wie es ist, wenn wir rausschieben, wenn wir uns fallen lassen, wenn wir einen Konter laufen, dass ich nachschieben muss, meinen Spielaufbau, dass ich mich zeigen muss, wie ich mich zeigen muss, welche Optionen es gäbe für die Spielfortsetzung.

Da waren viele „wie ich es machen muss“ dabei. Sind das Vorgaben vom Trainer? Was sind dessen Worte, bevor Ihr auf den Platz geht?

Das mach ich eigentlich immer schon vor unserer Besprechung. Wenn ich das alles schon visualisiert habe, fühle ich mich auf dem Platz sicherer. Es fällt dann einfacher, die Dinge umzusetzen.

Ich stelle mir eine Spielvorbereitung ja so vor, dass man schon weiß, mit welchem System der Gegner meistens aufläuft und wer da die guten Akteure sind, auf die man besonders aufpassen muss. Ist es schon mal passiert, dass Ihr in dem Sinne falsch vorbereitet wart und Euch der Gegner damit überrascht hat, dass jemand ganz woanders spielt? Oder ist das ohnehin nicht so konkret, weil zwar wichtig ist, wen man im Blick behalten muss, aber egal, wer das dann tut?

Klar machen wir Gegneranalysen und darauf stell ich mich und wir uns als Mannschaft ein. Aber letztendlich weißt du nie genau, in welchem System, in welcher Aufstellung der Gegner tatsächlich spielt. Da ist es dann Aufgabe des Trainers, der Mannschaft und auch der Einzelspielerin, sich im Spiel auf solche Sachen einzustellen.

Bei Euch läuft es ziemlich gut, von daher seid Ihr selten mit großen Problemen konfrontiert, aber das Spiel gegen Essen war ein Fall, bei dem Ihr bis zum Schluss Steine klopfen musstet, um noch zu gewinnen. Was kannst Du von hinten neben Deiner Defensivleistung für Impulse nach vorne setzen, um die Mannschaft noch zum Sieg zu pushen?

Gegen Essen stand es lange 1:1. Da ist es wichtig, dass jede Spielerin trotzdem mit ihren Aufgaben einfach weitermacht, dass man nicht den Plan aus den Augen verliert. Nicht, dass ich nach vorn renne und die Nora rennt nach vorn und wir dann hinten in Unterzahl stehen. Da gilt es nach wie vor, den Plan zu verfolgen. Wenn es taktische Änderungen gäbe, die sich der Tom überlegt, würde er die reinrufen oder bei den Auswechslungen eingreifen. Aber letztendlich muss jeder für sich weiter seinen Part übernehmen. Ich versuche dann schon, nochmal verbal zu pushen und durch Aktionen oder Zweikämpfe Zeichen zu setzen. Damit kannst du eine Kettenreaktion auslösen. Wenn sich jeder wieder ein Stück mehr auf seine kleinen Dinge konzentriert, springt es auf den anderen über und es kann wieder eine Power entfacht werden, die dann manchmal schon reicht, um die Schlagzahl nach vorne zu erhöhen.

Hast Du in Österreich eine Stammposition? Mann kennt Dich dort aus dem defensiven Mittelfeld.

Das muss ich korrigieren. Ich habe dort lange auf der Sechs gespielt, aber mittlerweile spiele ich schon seit einem Jahr auf der Innenverteidigerposition. Als sich Carina Wenninger verletzte, hatten wir da nicht so viele Alternativen.

Ihr habt mittlerweile aber auch schon zusammen dort gespielt.

Genau und das hat jeweils relativ gut geklappt. Man muss natürlich dazu sagen, dass wir auf der Sechserposition auch andere gute Leute haben, so dass das in der Summe in dieser Konstellation schon Sinn macht. Inzwischen bin ich diese Position zu spielen gewohnt. Der Trainer ist sehr zufrieden bisher. Auch hier bei Bayern sehen wir, wie wichtig eine stabile Defensive ist, damit du ein Spiel erfolgreich gestalten kannst. Nun habe ich mich auch in der Nationalmannschaft sehr gut hinten einbringen können. Das macht mir schon Spaß, wobei wir da in einem etwas anderen System spielen. Aber letztendlich ist das ja auch interessant.

Kurioserweise haben Carina und Du da jetzt ein bisschen durchgetauscht. Carina spielt bei Bayern jetzt häufiger auf der Sechs, dafür bist Du nach hinten gerückt. Sind alle Österreicher so flexibel?

Ja.

OK, gut.

Na gut, eine Manu [Zinsberger] steht im Tor, die ist am wenigsten flexibel. Aber auch eine Laura [Feiersinger] hat jetzt schon ein paar Positionen gespielt. Die kann in der Offensive im Sturm spielen, hat aber auch auf den Außenpositionen gespielt. Auch eine Carina, die ist meiner Meinung nach sicher eher zentral und passt vielleicht besser in die Innenverteidigung oder auf den Sechser. So viele Positionen, wie es bei mir waren, ist vielleicht nicht üblich, aber bei uns bei Bayern gibt es einfach mehrere in der Mannschaft, die schon mehrere Positionen übernommen haben und das auch spielen können.

Manchen wird es zum Verhängnis, weil sie auf keiner Position gesetzt sind. Es ist vielleicht auch ein Problem bei Laura, dass sie sich nicht irgendwo richtig festgespielt hat. Bei Dir scheint es überhaupt kein Problem zu sein. Warum?

Gute Frage. Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber da habe ich mir auch immer gedacht, die Flexibilität, dass man mich immer woanders einsetzen kann, könnte mir zum Verhängnis werden, weil du dir dann den Stammplatz auf einer gewissen Position nicht erspielen kannst. Aber die Vergangenheit hat bewiesen, dass es kein Problem war. Letztendlich habe ich mich darauf so eingestellt, dass ich versuche, mich auf der Position, wo ich eingesetzt werde, zu hundert Prozent einzubringen. Dass ich das, was ich mitbringe an taktischem und spielerischen Verständnis auf der Position so gut es geht umsetze und irgendwie hat es bisher immer geklappt. Vielleicht ist das der richtige Ansatz, wobei ich sagen muss, es wäre auch für mich schwierig, wenn ich jedes Spiel meine Position wechseln würde. Eine gewisse Konstanz und Stabilität muss man für sich bei aller Flexibilität schon reinkriegen, weil sich die Abläufe schon etwas unterscheiden. Auch ich habe ja zumindest immer für eine halbe Saison auf derselben Position gespielt.

In Kanada wart Ihr mit Österreich leider nicht bei der WM dabei und werdet es auch bei Olympia nicht sein. Was ist der Stand der Dinge im Nationalteam?

Das stimmt leider, aber hinsichtlich der EM 2017 haben wir gute Chancen. Es wäre für uns, für den ganzen österreichischen Frauenfußball ein echtes Ausrufezeichen und ein Signal, dass es auch uns gibt. So wie andere kleinere europäische Nationen wie Holland oder die Schweiz auf sich aufmerksam gemacht haben, könnte das auch bei uns der nächste Schritt sein. Darauf hätte ich schon Bock. Nicht nur im Vereinsfußball, sondern auch im Verbandsfußball bzw. für meine Nationalmannschaft mal richtig was reißen zu können. Das ist ein Prozess, den wir durchleben, und sich für die EM 2017 zu qualifizieren ist ein großes Ziel. Wenn man sich die Schweiz anschaut, dann sieht man, dass die in der Bundesliga enorm stark vertreten sind. Die haben ja in jeder Mannschaft Leute, sei es Potsdam, Wolfsburg, Frankfurt, Bayern, Hoffenheim und Jena fallen mir auf die Schnelle ein. Das hat natürlich Vorteile, wenn du immer wieder, jedes Wochenende mit den besten Spielerinnen maximal gefordert wirst, dann entwickelst du dich mittel- bis langfristig weiter. In Ligen, wo du vielleicht nur ein, zwei Top-Spiele hast im Jahr, ist das schwieriger.

Als junge Spielerin lernt man besonders viel dazu, bevor man sich vielleicht auf einem bestimmten Niveau stabilisiert. Wann meinst Du, hast Du nach dieser Anfangskurve nochmal den größten Schritt gemacht und aus welchen Gründen, mit welchen Leuten, in welchem Team?

Die Gründe liegen immer bei mehreren Komponenten. Einerseits ist das die Erfahrung und das Alter. Du brauchst deine Spiele, du brauchst deine Einsatzminuten, um dich zu entwickeln. Ein interessanter Punkt war auch die Konkurrenz, der Kader. Wenn man jetzt den Kader anschaut im Vergleich zu vor drei, vier Jahren, muss man ehrlich sagen, dass wir in der Breite, aber auch in der Qualität sicher nochmal stärker sind. Diese Konkurrenzsituation aber auch einzelne Spielertypen haben mich extrem weitergebracht.

Kreativ- und Techniktrainer Matthias Nowak war zwischendurch mal weg und ist jetzt wieder da. Was hat das für einen Unterschied gemacht?

Ich persönlich glaube, dass das ein Teil ist, ein wichtiger Teil für uns, was unsere ganze Entwicklung und unser Fußballspiel betrifft, weil er einen ganz anderen Ansatz von Fußball hat. Losgelöst von taktischen Vorgaben konzentriert er sich komplett auf das Techniktraining, was aber auch verbunden ist mit den Orientierungen, mit Reaktionsschnelligkeit, Handlungsschnelligkeit, mit technischem Geschick. All das kombiniert er in seinem sehr großen Repertoire und ich glaube schon, dass uns das über die Jahre weitergebracht hat. Es ist schwierig zu differenzieren, was hat das Taktiktraining, was hat das Techniktraining, was hat das Athletiktraining gebracht. Das ist immer ein Zusammenspiel, aber wenn man jetzt schaut, wo wir stehen, ist es wahrscheinlich die Entwicklung über die Jahre in den vielen verschiedenen Bereichen.

Als Du nach München kamst, bist Du noch sehr jung gewesen. Wie hat sich der Wechsel ergeben? War schon immer klar, dass Du Profi werden möchtest oder hast Du einfach gespielt, warst gut und dann kamen Menschen auf Dich zu?

Das ging schon von mir aus. Da hatte ich ein Jahr in der österreichischen Frauenbundesliga gespielt und langsam gemerkt, man stößt dort relativ schnell an Grenzen und die Entwicklung ist nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Da war für mich damals schon klar, es kann nur über den Weg übers Ausland gehen, damit der nächste Schritt kommt. Auch wenn dann die ersten Jahre sicher mit Schule, mit Verletzungen und Anpassungen weg von daheim, von Familie und Freunden schwierig waren, waren es in meiner ganzen Persönlichkeitsentwicklung wahrscheinlich die entscheidendsten. Wenn ich aktuell mein Leben betrachte, dann war es damals deutlich schwieriger für mich. Mittlerweile habe ich hier mein Umfeld. Damals hatte ich einfach mehr Sorgen, wenn man so will, musste mich viel mehr reinbeißen und immer wieder durchbeißen. Da gab es wirklich Zeiten, die nicht so einfach waren. Aber ich wusste, dass nicht immer alles von selber geht und man sich solche Dinge erarbeiten muss.

Hätte es auch ein anderer Club in der Bundesliga sein können oder war Bayern das Ziel? Wie wurde der Wechsel angebahnt?

Die Nähe zur Heimat hier ganz im Süden war damals ein Aspekt, damit man nicht so lange Fahrtzeiten hat oder sogar fliegen muss. Zudem gab es damals bei Bayern mit Nina Aigner, Sonja Spieler und Birgit Leitner einfach Vorbilder, zu denen man aufgeschaut hat. Da gab es schon den Gedanken, „dahin möchte ich auch mal.“

Wie kam dann der Kontakt zustande? Hat sich jemand bei Dir gemeldet? Hast Du die Eltern vorgeschickt?

Ich hab dann einfach gesagt, ich will mir das hier mal anschauen, eher unverbindlich. Dann hab ich mir das Trainingszentrum an der Säbener angesehen — das war ja damals alles noch etwas kleiner — und durfte mit der U17 mittrainieren. Das passte für beide Seiten ganz gut und ich wurde daraufhin nochmal eingeladen, um mit der zweiten Mannschaft und mit der ersten Mannschaft mitzutrainieren. Dabei scheine ich mich nicht ganz schlecht angestellt zu haben, so dass es dann immer ernster wurde.

In einem Spiel können viele unschöne Dinge passieren: Der Gegner schindet Zeit oder es gibt Fehlentscheidungen vom Schiedsrichter. Was löst so etwas in Dir aus? Wie gehst Du damit um?

Da bin ich Gott sei Dank relativ entspannt. Es kommt immer drauf an. Mit unfairen Sachen kann ich echt schlecht umgehen. Zum Beispiel, wenn mir jetzt jemand ständig in die Füße reinsteigt, dann sag ich schon auch mal was, meistens zur Spielerin selber. Aber grundsätzlich bin ich jemand, die relativ lange ruhig bleibt und versucht, mich nicht selber aus dem Spiel bringen zu lassen. Wenn man sich dann zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, leidet das eigene Spiel darunter und dann bin ich noch frustrierter.

Apropos unfaire Methoden. Gibt es in der Liga auch Trashtalker, also zum Beispiel Stürmerinnen, die in der Innenverteidigung herumscharwenzeln, ein Liedchen summen und rumnerven?

Da fällt mir jetzt niemand Spezielles ein. Man kennt aber natürlich mittlerweile die Liga und einzelne Spielerinnen. Die eine ist da vielleicht cleverer als die andere. Das muss man wissen und berücksichtigen, was das fürs eigene Spiel bedeutet. Man darf sich nicht provozieren oder gar nicht erst darauf einlassen. Von daher schenke ich dem Ganzen nicht besonders viel Aufmerksamkeit.

Gibt es sowas wie eine Lieblingsgegnerin oder einen Stürmertypus, wo Du besonders motiviert bist und sagst: „So, die soll mal kommen, die nehm’ ich aus dem Spiel und versau’ ihr jetzt den Nachmittag“? Zum Beispiel eine andere Österreicherin?

Eigentlich nicht. Es gibt mittlerweile so viele gute und unterschiedliche Spielertypen, jeder mit seiner eigenen Stärke ausgestattet, dass ich gar nicht sagen kann, gegen die spiel ich lieber und gegen die weniger gern. Auch nicht bei Österreicherinnen. Das war ja zuletzt im Spiel gegen Sand mit der Nina Burger als meiner unmittelbaren Gegenspielerin der Fall. Da bin ich genauso fair und lange mit fairen Mitteln genauso hin wie bei jeder anderen Stürmerin auch. Da bin ich nicht mehr oder weniger motiviert als sonst und versuche das einfach so professionell wie immer durchzuziehen. Aber in der WM-Quali konnten wir uns mit Frankreich messen oder im Valais Cup gegen Paris und Lyon. Da sind dann Stürmerinnen wie Le Sommer dabei. Wenn du merkst, du spielst gegen die französische Top-Offensive und du kannst deine Zweikämpfe und deine Laufduelle immer wieder aufs Neue gewinnen, sie können sich nicht durchsetzen, obwohl sie auch athletisch auf einem Top-Niveau sind, das macht dich persönlich schon stark. Das ergibt eine gewisse Präsenz, die man dann ausstrahlt und dem Gegner zeigen kann. Und das ist ein Punkt, der über die Jahre und mit den Spielen gegen Top-Mannschaften gekommen ist.

Wettkampfhärte ja, persönliche Animositäten nein, warst Du schon immer so aufgeräumt?

Jein. Ich glaub, das kommt auch mit dem Alter. „Mit meiner Erfahrung“ klingt immer ein bisschen blöd, denn so alt bin ich nun auch noch nicht. Aber zumindest habe ich doch schon ein paar Jahre Bundesligaerfahrung. Wahrscheinlich bin ich selber drauf gekommen, dass es die beste Art und Weise ist, wie ich meine Leistung bringen kann, wenn ich mir sag: „Konzentrier du dich auf dein Spiel, da fährst du am besten mit. Was die anderen machen, ist erstmal nebensächlich.“

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