Historischer Derbysieg

Über 24 Jahre nach dem letzten Aufeinandertreffen war es wieder so weit. “Unsre Kleinen sind für euch zu Groß!” sangen die Fans der Bayern Amateure nach dem 1:0 im Derby gegen die Profis des TSV 1860 München. Den goldenen Siegtreffer erzielte Fabian Benko in der 74. Spielminute.

Falls ihr es verpasst habt

Zum ersten Mal in der laufenden Saison konnte Trainer Tim Walter personell nahezu aus dem vollen schöpfen. Neben der vermeintlich besten Elf standen ihm auch Franck Evina und Manuel Wintzheimer aus der U19 zur Verfügung, die jedoch beide zuerst auf der Bank Platz nahmen. Im klassischen 4-2-3-1 überraschte der Trainer der kleinen Bayern vor allem mit der Besetzung der Viererkette. Mit Götze, Awoudja, Feldhahn und Friedl bot er vier nominelle und kopfballstarke Innenverteidiger auf. Damit sollte vor allem ein Gegenmittel gegen die Luftüberlegenheit der körperlich robusteren Löwenmannschaft gefunden werden. Nachteilig wirkte sich dies jedoch für die Offensivqualität auf den Außenpositionen aus. Vor den beiden defensiven Mittelfeldspielern Niklas Dorsch und Adrian Fein agierten Pantovic rechts, Benko zentral und Obermair links. “Otschi” Wriedt war rechtzeitig vom Auswärtsspiel der Profis aus Hamburg zurückgereist und bildete die einzige Sturmspitze.

Derby, GrundformationenDerby, Grundformationen

Löwentrainer Bierofka setzte ebenfalls auf ein 4-2-3-1, unter anderem mit den ehemaligen Bayernspielern Jan Mauersberger, Philipp Steinhart und Daniel Wein. In der Sturmspitze sollte der bundesligaerfahrene Sascha Mölders für die Tore sorgen, dessen Wechsel zum FC Bayern im Sommer aus finanziellen Gründen scheiterte. Ziereis, nominell als Zehner aufgeboten, agierte desöfteren auch als zweite Spitze.

Entgegen der ursprünglichen “60:40” Regel, die beim Ticketverkauf in den vergangenen Jahren bei Derbys angewendet wurde, stellte der TSV 1860 dem FC Bayern diesmal nur das Mindestkontingent zur Verfügung. 11.000 Blauen standen somit nur rund 1000 Bayernfans entgegen, die aufgrund eines völligen Versagens des Ordnungsdienstes teilweise erst zur 30. Spielminute ins Stadion kamen. Nach satten zwei Stunden Wartezeit an der Einlasskontrolle. Ordnungsdienst und Polizei suchten fieberhaft nach der Zaunfahne der “Giasinga Buam”, deren Verlust im vergangenen Jahr zur Auflösung der blauen Ultragruppierung führte.

Die Bayern Amateure starteten mit einem hohen Pressing ins Spiel, das für zahlreiche Ballverluste im Aufbauspiel der Löwen sorgte. Auf der Gegenseite pressten die Löwen eher situativ auf den Außenpositionen, während Feldhahn und Awoudja im Zentrum viel Platz zum Spielaufbau hatten. Gemeinsam mit der Überlegenheit bei den zweiten Bällen sorgte dies von Beginn an für ein spielerisches Übergewicht der Walter-Elf. Die ersten beiden Chancen durch Pantovic (7.) und Benko (12.) sorgten jedoch noch für wenig Gefahr. Auch auf der Gegenseite klärte Feldhahn die Kopfballvorlage von Mölders auf Ziereis im letzten Moment.

Zu Kopfballduellen kam es sehr häufig, weil die Löwen gegen das hohe Pressing der Bayern kaum eine spielerische Lösung fanden. Insofern erwies sich Tim Walters Entscheidung für die kopfballstarken Götze und Friedl auf den Außenverteidigerpositionen als komplett richtig. Konnten doch beide eine Vielzahl der hohen Bälle schnell in eigenen Ballbesitz umwandeln. Offensiv war hingegen die Unterstützung für die Offensivspieler selten vorhanden. Götze war fast gar nicht offensiv zu sehen, Friedl schon ein wenig öfter. Doch bei den Durchbrüchen über die Flügel fand keine Hereingabe einen Mitspieler. Die Gastgeber kamen zu ihren spärlichen Offensivaktionen meist über schnelle Gegenstöße, die der herauseilende Früchtl zweimal im Keim erstickte. Sie führten jedoch auch zur besten Chance in der ersten Halbzeit, als Andermatt freistehend an der Sechzehnerlinie nicht genügend Kraft hinter den Schuss bekam und weit über das Tor schoß (39.).

Auch zu Beginn der zweiten Halbzeit erspielten sich die Bayern Amateure eine Feldüberlegenheit, die sie jedoch viel zu selten in Torabschlüsse verwandeln konnten. Eine Schwäche, die auch ausschlaggebend für zu viele Punktverluste in der Hinrunde war und an der Tim Walter sicher weiterhin arbeiten wird. Auf der Gegenseite verlängerte Ziereis einen langen Ball zu Mölders, der einen Moment lang Marco Friedl entwischte und an Christian Früchtl scheiterte. Auch die nächste große Chance hatte der Tabellenführer, Ziereis schoss jedoch aus aussichtsreicher Position links vorbei.

Tim Walter reagierte und brachte Tillman für Obermair, um für mehr Ballsicherheit im Mittelfeld zu sorgen. Die jungen Bayernspieler liefen nun den Gegner wieder früher an, um die Präzision der zahlreichen langen Bälle der Blauen zu verringern. Mit Erfolg, denn man gewann nun wieder etwas die Oberhand und erspielte sich mehrere Eckbälle. Diese blieben jedoch leider meist harmlos. Erst in der 73. Minute gelangte eine Kopfballabwehr zu Niklas Dorsch, der aus 20 Metern verdeckt abzog und Löwenkeeper Hiller zu einer Glanzparade zwang. Eine Zeigerumdrehung später war es dann so weit: Tillman bekam viel Zeit auf dem linken Flügel, setzte Wriedt auf der Grundlinie in Szene. Dieser konnte in aller Ruhe präzise auf den zweiten Pfosten flanken, wo Fabian Benko freistehend zum Führungstreffer einnetzte.

Wer nun einen von den Zuschauern angepeitschten Tabellenführer erwartete, der die blutjunge Gästemannschaft unter Druck setzt, wurde enttäuscht. Während die selbstverliebten Fans des Gastgebers sich weiterhin nur am verhassten Gegner abarbeiteten, statt ihre eigene Mannschaft anzufeuern, waren es auf dem Platz die kleinen Bayern, die mehr Einsatz zeigten. Kein Ball wurde verloren gegeben, jeder Zweikämpf wurde mit 100% geführt. Der eingewechselte Evina fügte sich nahtlos in die Mannschaft ein und verrichtete bravourös fast ausschließlich Defensivarbeit. Nach einem rüden Foul mit offener Sohle an Evina sah Helmbrech die rote Karte. Während auf Bayernseite Wriedt und Tillman vielversprechende Konterchancen leichtfertig liegen ließen, kamen die Löwen nur noch in der 95. Minute zu einer Torchance. Fast schon Lukas-Raeder-Gedächtnismäßig sprang Früchtl an einer Kopfballverlängerung vorbei, doch Marco Friedl klärte den Ball rechtzeitig vor Überschreiten der Torlinie.

Kurze Zeit später war der historische Derbysieg der Bayern Amateure gegen die Profis des Lokalrivalen perfekt. Mannschaft und Fans feierten ausgiebig den Derbysieg im Stadion. Nach den zuletzt sehr zähen Spielen spürte man sichtlich, wie das mentale Tief, in dem sich die Spieler zuletzt befanden, vom Team abfiel. Die drei Punkte führen zu einem Sprung auf Tabellenplatz sechs. Bei einem Sieg im Nachholspiel gegen Buchbach geht es sogar auf Platz vier und das inoffizielle Saisonziel, nämlich Tabellenplatz zwei, wäre wieder in greifbarer Nähe.

3 Dinge, die auffielen:

1. Die Einstellung stimmt

Den letzten Derbysieg gab es für die Bayern Amateure im April 2015, als Lukas Görtler ein Traumtor gelang. In den zwei Jahren unter Heiko Vogel lautet die Bilanz gegen die zweite Mannschaft der Sechziger hingegen zwei Unentschieden und zwei Niederlagen. Dabei waren auch die zwei Unentschieden noch schmeichelhaft, denn die kleinen Bayern traten in jedem Spiel pomadig und zweikampfschwach auf. Diesmal jedoch wirkten die Rollen auf dem Platz komplett vertauscht: Die Spieler im roten Trikot ackerten, kämpften und warfen sich in jeden Zweikampf, während bei denen in den blauen Jerseys das innere Feuer eher auf Sparflamme zu brennen schien. “Zu viele Ich-AGs” monierte Tim Walter nach dem ein oder anderen Spiel in dieser Saison bereits. Doch im Derby war dies alles vergessen, gleich mehrere Spieler konnten am gestrigen Tag ihre beste Saisonleistung abrufen.

Beim Auswärtssieg unter der Woche in Rosenheim (2:0) gab es nach Spielende am Mannschaftsbus noch ein langes Gespräch zwischen Fans und Mannschaft zum bevorstehenden Derby. Gerade den auswärtigen Spielern sollte nochmal die Bedeutung des Spiels verinnerlicht werden. Nico Feldhahn versprach im Namen der Mannschaft, dass es nicht nochmal einen solch blutleeren Auftritt wie zuletzt im März geben würde. Er hielt Wort.

Beeindruckend ist dabei auch die Rolle von Tim Walter und Tobi Schweinsteiger. Bereits in der letzten Saison gelang es ihnen mit der U17, in jedem wichtigen Spiel das Leistungsmaximum abzurufen. Nahezu alle Spiele gegen Topteams wurden gewonnen, als Resultat stand am Ende die deutsche Meisterschaft. Auch in dieser Saison war die Mannschaft in den Spitzenspielen stets voll da und zeigte ihre besten Leistungen. Gegen die Teams auf den ersten fünf Tabellenplätzen gewann die Mannschaft alle vier Spiele, das fünfte gegen Illertissen steht nun direkt bevor.

2. Viel Ballbesitz, wenige Chancen

Ein Grund für die besseren Resultate gegen die Spitzenteams dürfte auch sein, dass deren offensivere Spielweise mit einem höheren Pressing den Bayern Amateuren entgegenkommt. Gerade in der Juniorenbundesliga, in der die Spieler viele Jahre unterwegs waren, spielt nahezu jedes Teams ein recht aggressives Pressing. Die Spieler lernen somit also hauptsächlich, hoch anlaufende Gegner zu umspielen. Nur selten trifft man dort auf sehr tiefstehende Mannschaften, die dann aber meist individuell so viel schwächer sind, dass sie kein Problem darstellen.

Die Herausforderung in der Regionalliga Bayern lautet nun, gegen deutlich erfahrenere und körperlich stärkere Gegenspieler Chancen zu kreieren. Und das, ohne den Kopf zu verlieren und in spielentscheidende Konter zu laufen. Auch das Derby zeigte wieder, dass Tim Walters Mannschaft hier noch Probleme hat, aus der spielerischen Überlegenheit ausreichend Torchancen herauszuspielen. Gleichwohl sollte man aber nicht vergessen, dass das Team diesmal deutlich mehr Wert auf Absicherung legte. Felix Götze beteiligte sich auf der Rechtsverteidigerposition kaum an Offensivaktionen. Marco Friedl auf der anderen Seite war da schon ein wenig aktiver, hat allerdings auch nicht den Offensivdrang eines Derrick Köhn, der bisher Stammspieler auf dieser Position war.
In der langen Winterpause, die von Anfang Dezember bis Anfang März reicht, wird dies sicher einen bedeutenden Teil in der Trainingsarbeit einnehmen

3. DERBYSIEGER!!!

“Die Nummer 1, die Nummer 1, die Nummer 1 der Stadt sind wir!” und “Die Nummer 2, die Nummer 2, die Nummer 2 sind wir jetzt auch!”

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Leserkommentare
  1. kita

    Schön hier auch mal ein bissl Fußballfolklore zu lesen.
    Die im Spielbericht eingestreute Kritik am Ordnungsdienst und sonstige Hinweise auf die Kätzchen hat einen originellen Ultras-Duktus. Besprechungen taktischer Feinheiten sind hier wohl nicht so gewünscht gewesen.
    Wie schon von Martin erwähnt, sind da einige Spieler bei 60 und auch beim FCB die die Seiten gewechselt haben.
    Wem ist z.B. bekannt dass Helmbrecht auch einige Jahre bei Bayern in der Jugend war?
    Somit ist es ja schön, dass es auf der Tribüne heiß hergeht, aber die Jungs auf dem Platz sind teilweise Schulfreunde (gewesen).

  2. Sehr schöner Beitrag!

    Bei einem Regionalliga-Derby erwarte ich persönlich auch keineswegs “Besprechungen taktischer Feinheiten”.

    Da geht es um Emotion, Tradition – zumindest bei den Münchner Fußballfans.

    Besonders gut hat mir diese “süffisante” Passage gefallen:
    “Wer nun einen von den Zuschauern angepeitschten Tabellenführer erwartete, der die blutjunge Gästemannschaft unter Druck setzt, wurde enttäuscht. Während die selbstverliebten Fans des Gastgebers sich weiterhin nur am verhassten Gegner abarbeiteten, statt ihre eigene Mannschaft anzufeuern, waren es auf dem Platz die kleinen Bayern, die mehr Einsatz zeigten. ..”

    Wer in den letzten Jahren das eine oder andere RL-Derby – vor allem die “Auswärtsspiele” – in der HGK miterlebt hat, weiß, was gemeint ist. (Negativer Höhepunkt August 2016)

  3. Jo

    Historisch ist hier sicher ein angemessener Begriff.
    Wer hätte sich träumen lassen, dass unsere Amas jemals auf Augenhöhe mit der 1.Mannschaft der Löwen agieren könnten?

    Zeitweise konnte ich meinen Augen kaum trauen, wenn die Löwen ganze Ewigkeiten kaum aus ihrer eigenen Hälfte kamen.
    Wenn ich Fan der Blauen wäre, wäre dieses Spiel, das Zustandekommen wie die Leistung, wohl einer meiner dunkleren Punkte in einer an Niederlagen so reichen Geschichte.

    Natürlich neben der körperlichen Verfassung in der sich ein Sascha Mölders präsentierte. Wenn die Spieler deines Vereins in einem solchen Zustand auflaufen (können/dürfen), weißt du endgültig an welchem Punkt du angekommen bist.

    Noch eine Frage an Martin: Du sprichst in deinem Bericht auch Derrick Köhn an. Kannst du aus deiner Anschauung eine kurze Einschätzung zu ihm abgeben? Ich habe leider bisher sehr wenig von ihm gesehen. Das wenige allerdings hat mich ziemlich neugierig gemacht.

    1. Martin

      Servus,

      Derrick Köhn ist bisher unangefochtener Stammspieler gewesen. Er bringt körperlich und technisch alles mit für einen Außenverteidiger. Schnell, wendig, gute Flanken. Leider hat er aber Defizite in der Spielintelligenz. Damit meine ich überflüssige Ballverluste, Defensivverhalten und Stellungsspiel. Vor allem bei schlechtem Spielverlauf will er dann viel zu oft mit dem Kopf durch die Wand. Dann versucht er zu flanken, obwohl der Gegenspieler direkt vor ihm steht und gar nicht ausweichen könnte, selbst wenn er wollte.

      1. Jo

        Besten Dank.
        Die positiven Eigenschaften hätte ich auch so gesehen, die negativen mangels Masse bisher weniger.
        Aber das hört sich ja durchaus hoffnungsvoll an. Das sind Defizite die sich bei einem 18-jährigen durch Erfahrung und Training noch deutlich verbessern lassen sollten.

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