Feeling like Barcelona – das Halbfinal-Rückspiel

Im Halbfinal-Rückspiel zeigt sich: Jedes System stößt irgendwann an seine Grenzen – nun endgültig auch Guardiolas bayrisches Ballbesitzspiel. Real ist in fast allen Belangen überlegen, und doch ist zu viel Schwarzmalerei unangebracht.

FC Bayern Choreo des Club Nr. 12 gegen Real Madrid

Bild: Patrick (@codepiX)

358 Tage ist es her, dass in der Allianz Arena ein System in sich zusammenbrach. Am 23. April 2013 zerpflückte der FC Bayern den bis dato übermächtigen FC Barcelona mit 4:0 – das Ende der Tiki-Taka-Ära. Mit einer taktischen Meisterleistung und einem perfekten Spielverlauf spielte man sich in einen Rausch, zum Leidwesen von Messi & Co. Nun ist es uns so ergangen. Ancelottis Real Madrid war perfekt eingestellt auf den Guardiolaschen Ballbesitzfussball, der in den letzten Wochen ins Stocken geraten war. Damals wie heute gilt jedoch: Das Endergebnis ist zu hoch.

Eigentlich waren die Roten gut ins Spiel gekommen, die ersten 10 Minuten verliefen wie erwartet, angestachelt von der Euphorie vor und rund um das Spiel, mit Vorteilen für den FCB. Jedoch gestaltete sich, wie Kapitän Lahm nach dem Spiel sagte, das Spiel zu offen – so hatte Bale nach einem Fehler von Neuer früh die Chance zur Führung. Dass Real Madrid nicht nur kontern kann, sondern auch anders Tore erzielt, bekamen die Münchner dann innerhalb von vier Minuten zweimal aufgezeigt. Ramos nach einer Ecke und Ramos nach einem Freistoß – nach 20 Minuten waren die Chancen auf den Halbfinaleinzug noch genauso groß wie die Chancen für die Defensive, gut bewertet zu werden. Im Halbfinale der Champions League zwei derart schlecht verteidigte Standardtore eingeschenkt zu bekommen, tut einfach weh. Bei beiden Gegentreffern wäre es falsch einzelne Leute rauszugreifen, denn das kollektive Raumdecken im Strafraum funktionierte überhaupt nicht. Nutznießer war Sergio Ramos, neben Nemanja Vidic und Teamkollege Pepe vielleicht der kopfballstärkste Innenverteidiger in Europa. Eine Eigenschaft, die man in der Vorbereitung auch hätte herausarbeiten können.

Mit dem 3:0 beendete schließlich Christiano Ronaldo in der 34. Minute jegliche Hoffnungen auf ein Wunder. Wie im Hinspiel entstand das Gegentor aus einem Ballverlust von Ribery am gegnerischen Strafraum, und über die gesamte Spielfeldlänge bestand kein einziges Mal die Möglichkeit die Konterwelle über Benzema und Bale zu stoppen. Ob Javi Martinez da gestanden wäre, wo Toni Kroos hätte stehen müssen, bleibt Spekulation. Im Nachhinein muss sich Pep für diese Personalentscheidung jedoch kritisieren lassen. Verständlicherweise frustriert reagierte das Team – nur leider auf die falsche Art und Weise. Was sich Ribery und Mandzukic in der ersten Halbzeit an Aggresivität leisteten schoss deutlich über das Ziel hinaus. Und im Falle des Franzosen hätte es nach der Ohrfeige gegen Carvajal zwingend Rot geben müssen – kurzum, der Auftritt der beiden war eine herbe Enttäuschung.

Wie geht man nun in eine zweite Hälfte, in der alles entschieden ist? Die Bayern machten da weiter, wo sie vor dem Gang in die Kabine aufgehört hatten. Lethargisches Abwehrverhalten, kein Zug zum Tor und im zentralen Mittelfeld eine sonderlich schreckliche Aneinanderreihung von Fehlpässen. Wenn Toni Kroos jemals in die Gehaltsriege eines Lahm aufsteigen will, sollte er einen solchen Auftritt niemals wieder hinlegen. Denn an ihm lässt sich festmachen, was dem Bayernspiel in erster Linie fehlte: Genauigkeit und Konzentration, Wille allein reicht nicht. Seine Passquote von 20 (!) Prozent in der ersten halben Stunde sagt alles. Aus der Lethargie heraus ragten lediglich Lahm und Robben, die auf der rechten Seite gut harmonierten, ohne jedoch defensiv aufzumachen (siehe Alaba/Ribery links) sowie der eingewechselte Javi Martinez, der ein ums andere Mal Bale ablief (Marc Bartra möge sich ein Video davon anschauen). Real blieb konsequent und, zum Glück, ohne Wille zu kontern hinten, hätte sich über einen Gegentreffer aber nicht beschweren dürfen. So kam es, wie es kommen musste. Ronaldo erzielte mit einem Freistoß kurz vor Schluss das 4:0, die Schmach war perfekt.

Zusammenfassend gibt es im wesentlichen drei Gründe, die entscheidend dafür waren, dass wir uns die Reise nach Lissabon schenken können:

  1. Die Formkurven. Real war in den Wochen zuvor immer stärker geworden, hatte sich durch den Copa del Rey-Sieg immer mehr Selbstvertrauen erarbeitet. Währenddessen brach die Münchner Konzentration in den Bundesligaspielen komplett ein. Wie wichtig im Halbfinale die Tagesform ist, muss eigentlich nicht mehr erwähnt werden.
  2. Überragender Ancelotti. Der Italiener wählte nicht zweimal das gleiche Konzept gegen Guardiolas Team – im Rückspiel attackierte Real früher und konterte fast noch effektiver. Faszinierend, wie er es geschafft hat, die wacklige Defensive niet- und nagelfest zu machen.
  3. Die eigene Unflexibilität. Von dem 4-1-4-1 (4-2-3-1) wollte Pep auch im Rückspiel nicht komplett abweichen. Anstatt mit Martinez hinten zusätzlich abzusichern und Konter zu unterbinden, suchte der Trainer das Heil in der Offensive. Resultat waren Bälle im eigenen Tornetz.

Auch wenn das Spiel weitestgehend enttäuschend verlief, ein großes Kompliment geht an den Club Nr. 12 und die Südkurve. Eine wunderbare Choreo (hier im Video) und eine fantastische Stimmung über 90 Minuten – so kann es weitergehen, vielen Dank an alle die mitgewirkt haben und 72+ Stunden für diesen großen Moment vor dem Anpfiff gearbeitet haben. Wunderschön auch, dass der FC Bayern den Club Nr. 12 (erstmalig) mit einem Dank auf Twitter würdigt. Leider haben nicht alle Medien gut genug recherchiert, um ihr Lob bei denen anzubringen, die es verdient haben.

Der Ruf der „Bestia Negra“, er ist erstmal passé. Doch sollte man nicht nach zwei Spielen gegen ein überragendes Real die gesamte Saison in die Tonne werfen. Immerhin hat man (fast) alle Saisonziele erreicht, ein Champions League-Sieg ist und bleibt nicht planbar. Es gilt in der Vorbereitung auf das Pokalfinale und in der anschließenden Sommerpause in erster Linie, für mehr Flexibilität und Anpassungsmöglichkeiten im System zu sorgen. Sollte das gelingen, würde ich mich auf eine Revanche gegen das „Weiße Ballett“ im nächsten Jahr freuen.

FC Bayern – Real Madrid 0:4 (0:3)
FC BayernNeuer – Lahm, Boateng, Dante, Alaba – Kroos, Schweinsteiger – Robben, Müller (72. Pizarro), Ribéry (72. Götze) – Mandzukic (46. Martínez)
BankRaeder, Van Buyten, Rafinha, Hojbjerg
Real MadridCasillas – Carvajal, Ramos (75. Varane), Pepe, Coentrao – Modric, Xabi Alonso, Di Maria (84. Casemiro) – Bale, Benzema (80. Isco), Ronaldo
BankLopez, Marcelo, Morata, Illarramendi
Tore0:1 Ramos (16.), 0:2 Ramos (20.), 0:3 Ronaldo (34.), 0:4 Ronaldo (89.)
KartenGelb: Dante / Xabi Alonso
Zuschauer68.000 (ausverkauft)
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Leserkommentare
  1. Peter

    Sehr gute Analyse! Ich würde beim dritten Gegentor sogar noch einen Schritt weiter gehen und den Herren Boateng und Kroos Arbeitsverweigerung vorwerfen. Klar, man ist schon 0:2 hinten, das ist nicht lustig – aber wie lustlos Boateng da neben Ronaldo herdackelt und Kroos überhaupt zuerst falsch steht und dann auch nicht zurückläuft ist eine Frechheit. Ich habe mir die Situation sehr oft in der Wiederholung angesehen und könnte jedesmal vor Wut schreien.

    Diese Situation hat das Spiel zwar nicht entschieden (da waren die beiden Standards schon vorentscheidend) aber es zeigt, wie auch von dir erwähnt, die fehlende Konzentration.

    1. Felix

      Sehe nicht ganz, wo Boateng da Ronaldo lustlos hinterläuft. Steht als nahezu letzter Mann Bale und Ronaldo gegenüber, da sieht jeder Verteidiger schlecht aus. Und Boateng sieht gegen Bale im Schritt noch zehnmal besser aus als Bartra im spanischen Pokalfinale. Der Fehler passiert deutlich weiter vorne (Ribery). Wenn die Real-Maschine dann im Rollen ist, kann man es nur noch sehr schwer verteidigen.

      Damit ist auch schnell eines der generellen Problem aus dem Spiel aufgezeigt: Versucht man mal einen Angriff schnell zu spielen, ist das System sehr instabil. Alles Sachen, die man vorher wusste und die daher zu verhindern waren. Warum Ribery jetzt genau den Angriff mit aller Gewalt schnell zu Ende spielen musste und nicht wie bei unserem System üblich der Angriff langsam aufgebaut werden konnte, wird nur er wissen.

  2. chrissie

    Guardiola muss sein System weiterentwickeln. Es kann gegen Spitzenmannschaften wie BVB oder Real nicht mehr bestehen. Pures tikitaka fuktioniert nur noch gegen schwächere Gegner. Bayern findet bei Ballbesitz keine verwertbaren Räume mehr vor (weil viel zu langsam umgeschaltet wird) – kommt hingegen der Gegner zu Ballbesitz, ist alles plötzlich sperrangelweit offen.

  3. Chris

    Ich kann dein Eingangsstatement nur nochmal wiederholen, weil es so irre ist: Die Tiki-Taka-Ära zweier Mannschaften wird innerhalb eines Jahres im selben Stadion mit dem gleichen Ergebnis zweimal beendet. Das ist so abstrus.

    Nun ja, das Ergebnis tut weh, aber wir haben schon schlimmere Rückschläge erlitten. Mir geht bloß einfach nicht in den Kopf, wie sich eine Mannschaft in ein paar Wochen selbst so zerschießen kann. Diese Rhythmus-Diskussion geht mir nicht ab. Ich bin ein bisschen verwirrt nach der letzten Zeit und hoffe, dass wir diese trotzdem überragende Saison nicht im Pokalfinale kaputt machen. Und damit meine ich nicht, dass man da nicht verlieren kann, aber so etwas wie gestern wäre wirklich schwer zu ertragen.

    1. Muss aber persönlich weiter betonen, dass es keine grundsätzliche Debatte des Ballbesitzfußballs an sich kommen sollte, weil dafür Madrid zu stark und wir in kleinen, aber entscheidenden Facetten, fehlerhaft unterwegs waren. Besonders bei der Betrachtung von gedeckten / zu deckenden Räumen war das gestern brandgefährlich. Bis zum ersten Gegentreffer sah das für mich durchaus gut aus – danach war die Nummer sowieso durch.

  4. […] der denkwürdigen Niederlage gegen Real Madrid, die aber nicht der Untergang des FC Bayern ist, obwohl einige anscheinend eine solche Stimmung an […]

  5. […] dabei ging es im Wesentlichen nicht um das Spiel gegen den Hamburger SV, sondern viel mehr das Ausscheiden aus der Champions League stand im Fokus der Betrachtung. Zum ersten Mal wurde Pep Guardiola von den Medien öffentlich […]

  6. […] Guardiola sieht sich seit dem verlorenen Heimspiel gegen Real Madrid und dem Aus in der diesjährigen Champions League Saison sowohl von der Presse als auch Bayernfans […]

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