Der Mythos – “die stärkste Mannschaft der Welt”

Es waren keine zehn Minuten im Emirates Stadium gespielt und die Bayernabwehr schwamm bereits bedenklich. Ein weiteres fehlgeschlagenes Pressing und einen Steilpass später holte Boateng Mesut Özil von den Beinen. Kurz darauf trat der Gefoulte selber an und scheiterte an Manuel Neuer – das Spiel kippte und der Ausgang ist bekannt – Bayern holte einen wichtigen Auswärtssieg.

Diese Szene ist sinnbildlich für den FC Bayern der jetzigen Zeit. Man hat den Eindruck, der FC Bayern München hat das Verlieren verlernt. Man eilt von Sieg zu Sieg und von Rekord zu Rekord. Der Weg ging in den vergangenen 18 Monaten nur nach oben. Der Höhepunkt dabei war kurz vor Weihnachten die “Klub WM” – man darf sich jetzt offiziell “die beste Mannschaft der Welt” nennen. Und Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Co. machten davon jüngst kräftig Gebrauch. Witzigerweise in der Zeit, in dem ein kleiner aber feiner Vortrag von Thomas Tuchel durchs Internet geistert, in dem er von der Schwierigkeit berichtet, den Erfolg zu vergessen, um den Hunger für neue Erfolge zu behalten. Erfolg kann auch eine Bürde sein, ein schwerer Rucksack den eine Mannschaft mit sich trägt und an der sie jedes Mal gemessen wird. Der Misserfolg von 2012 – die drei zweiten Plätze, das verlorene Champions League Finale in München sind mittlerweile vergessen, da sie 2013 korrigiert wurden. Aktuell lebt man von diesem Triumph.

Und man muss Tuchel recht geben. Von den Erfolgen in der Vergangenheit kann man sich nicht wirklich viel kaufen. Natürlich hilft es einem bei der Sponsorensuche, beim Verpflichten von neuen Spielern und so weiter, allerdings wird das Ergebnis einer Saison auf dem Platz erspielt. Und das Spiel / die Spiele finden nun mal im Hier und Jetzt statt. Daher wäre etwas mehr Demut angebracht. Demut im Sinne von Zeigen, dass es wohl besser läuft, als man sich das noch vor ein paar Jahren hätte vorstellen können. Dabei sollte man dankbar sein, dass sich die Entscheidungen der jüngsten Vergangenheit auszahlen – die richtigen Spieler wurden verpflichtet: Götze, Thiago, Martinez, Neuer – alle funktionieren. Zudem kommen Schlüsselspieler relativ verletzungsfrei durch die Saison. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Auch auf der Trainerposition hat man alles richtig gemacht. Ein Rädchen greift ins andere und so ist man in der Bundesliga den Konkurrenten weit enteilt. Klingt also doch nach der besten Mannschaft der Welt?

Mitnichten, wie das Arsenal-Spiel gezeigt hat. Wenn man nach 10 Minuten 0:2 zurückliegt ist man nicht der „beste Klub der Welt“, sondern eher der „größte Depp der Welt“. Aktuell lebt man davon, dass man das berühmt gewordene “Momentum” auf seiner Seite hat. Das kann sich aber schnell ändern, wenn die Qualität der Mannschaft nicht mehr auf den Platz gebracht wird. Die Fähigkeit, der Mannschaft zeigt sich genau darin, dass sie sich nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruht. Sie unterscheidet sich gegenwärtig von den letzten bajuwarischen Champions League Siegern. In der Saison 2002/03 – gab es einen krassen Leistungsabfall der Könige Europas. Die Mannschaft war überaltert und satt. Die 2000er Jahre waren zwar unterm Strich nicht unerfolgreich, aber so richtig steht man erst seit Anfang der 2010er Jahren wieder da, wo man Ende der 90er Jahre war – und zwar unter den Top vier bis acht in Europa. Man sollte daher nicht die gleichen Fehler wie damals machen und die Mannschaft bzw. die Spieler überhöhen und mit Attributen wie die “stärkste Mannschaft der Welt” anpreisen.

Der rückblickend mutige Schritt, den Trainer zu wechseln, war sicherlich hilfreich, aber auch in anderen Entscheidungen muss die Zukunft gelebt werden. Tradition ist kein Garantieanker für die Ewigkeit – wer das glaubt, sollte einen Blick auf den HSV werfen. Erfolgreich zu arbeiten ist schwierig, erfolgreich zu bleiben ist schwieriger. Der Vorstand der AG, aber auch das Präsidium des Vereins sollten vorleben, dass man nicht in der Vergangenheit lebt, sondern in der Zukunft. Wichtige Entscheidungen werden in den nächsten Monaten und Jahren anstehenden – diese zu treffen wird nicht immer einfach sein. Es kann nur hilfreich sein, wenn die Erfolge der jüngsten Vergangenheit ein Stück verblassen und man den Fokus vollends auf die Gegenwart legt – und zeigt, was wohl wirklich die beste Mannschaft der Welt ausmacht – möglichst viele Spiele gewinnen.

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Leserkommentare
  1. Jake1965Blues

    Danke für diese berechtigten, offenen und mahnenden Worte!

    Denn wenn auch der Erfolg erarbeitet ist und gegönnt wird, wenn auch das gute System mit dem neuen Trainer angepasst und perfektioniert wird, so ist es keineswegs selbstverständlich, dass das auch dauerhaft funktioniert. Aber man sollte in der Tat nicht davon ausgehen, dass das so bleibt. Denn auch andere entwickeln sich weiter und finden Antworten auf unser Spiel, auf unsere Variabilität. Früher oder später kommt eine Mannschaft, die es dann komplett richtig macht. Daher: richtig, dass du auf diesen Punkt aufmerksam machst.

    Nochmals: Danke dafür!

  2. jan

    Wenn man sich nach Gewinn der Klub WM nicht “die beste Mannschaft der Welt” nennen darf – wann denn dann? Man darf sich ja auch Champions League Sieger nennen, wenn man die Champions League gewonnen hat. Was würde es einer Mannschaft bringen die besser ist als der FC Bayern, aber keinen Titel gewonnen hat? Solche Bezeichnungen kommen doch immer über die Siege in der Vergangenheit. Solange man nicht abgelöst ist darf man sich halt so nennen.

    Dass man dadurch in der Zukunft natürlich nicht unbedingt weitere Titel gewinnt ist natürlich richtig.

    1. Meiner Meinung nach geht es genau um den Punkt in deinem letzten Satz und – da gebe ich Chris recht – dieser kommt öfters zu kurz. Wir schweben derzeit alle auf einer Wolke von Erfolg zu Erfolg und sind uns der Gefahren nicht so recht bewusst. Dieser Übermut wäre beim Spiel gegen Arsenal fast in die Hose gegangen.

      Wir könne uns alle “Fans der besten Mannschaft der Welt” nennen und singen hoffentlich noch oft & laut “Europapokalsieger”, aber es ist und bleibt ein Denken von Aufgabe zu Aufgabe und wer weiß was wir in der nächsten Saison noch über die Erfolge dieser Runde singen. Hoffentlich einiges, aber wer weiß.

  3. Hallo,

    ich kann deine Gedanken absolut nachvollziehen. Sehe es teilweise ähnlich.
    Und dennoch genieße ich gerne das Momentum – bin seit 1985 dabei, und so eine Zeit habe ich noch nie erlebt.

    Gleichwohl bin ich mir sicher, dass es nicht ewig perfekt laufen kann.

    Zum Schluss ein ganz großes Lob! Ihr seid die besten Blogger, die ich kenne. Lese gerne hier!

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