“Den Profis sehr ähnlich” – Tobias Schweinsteiger im Interview

Vor einigen Jahren hätte ein Interview mit Tobias Schweinsteiger sich vermutlich noch um die Bayern-Amateure, seine Sicht als erfahrener Spieler in einer jungen Mannschaft oder die einschneidende Niederlage in der Relegation 2014 gedreht. Mittlerweile jedoch ist der 34-Jährige ein gefragter Gesprächspartner, der als Co-Trainer der U17 einiges über den Nachwuchs beim FC Bayern erzählen kann.

Tobias, Hand aufs Herz: Wie schwierig war der fließende Übergang vom Spieler zum (Co-) Trainer, wie oft möchte man doch lieber selber rausgehen und spielen?

Natürlich war ich am Ende der Saison 2014/2015 sehr traurig und enttäuscht, dass mein Vertrag als Spieler nicht verlängert wurde. Aber ich habe dann schnell Vorfreude für die neue Aufgabe entwickelt und ich wollte auch lieber ein Training oder Spiel von draußen sehen, als selber mitzuspielen.

Die U17 ist mit sechs Siegen aus sieben Spielen sehr gut in die Saison gestartet und führt die Staffeltabelle an. Doch wie viel Augenmerk liegt auf der Tabellenposition, spielen Ergebnisse überhaupt eine Rolle oder ist das größere Bild, die Weiterentwicklung der Mannschaft, wichtiger?

Unser Hauptaugenmerk liegt in erster Linie auf der Weiterentwicklung unserer einzelnen Spieler. Nichtsdestotrotz sind wir der FC Bayern und wollen jedes Spiel gewinnen. Und zwar mit unserer Spielidee und unseren Mitteln.

Wie sieht diese Spielidee konkret aus?

Sie ist der der Profis schon ähnlich. Wir wollen das Spiel diktieren, soviel wie möglich den Ball haben und schauen, dass sich der Gegner an uns anpassen muss und nicht andersrum.

Ist eure Mannschaft die einzige, die bereits in diesem Alter versucht, Spiele immer zu dominieren?

Nicht viele Teams haben diesen Anspruch, die meisten versuchen eher defensiver zu stehen und weniger selber zu agieren.

Klingt so, als würdet ihr die Jugend darauf vorbereiten, wie es ist, beim FC Bayern in der Bundesliga zu spielen.

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Uns ist natürlich klar, dass die Wenigsten später als Profis beim FC Bayern spielen werden und somit die Mehrheit nicht das Problem haben wird, Woche für Woche gegen tiefstehende Mannschaften zu spielen. Aber wir glauben auch, dass man in der Jugend mehr lernt, wenn man im Spiel viel Ballbesitz hat, aktiv ist und gegen den Ball oft Eins gegen Eins verteidigen muss.

Würdet ihr als Trainerteam euer Spielsystem anpassen, um in der Abschlusstabelle besser da zu stehen?

Wir sind der vollen Überzeugung, dass unser Spielsystem und unsere Spielidee am Ende auch den entsprechenden Erfolg in der Tabelle bringen wird.

Der Fußball der U17 ähnelt dem Stil der Profis also. Hat sich der Wunsch von Rummenigge & Co. nach einer klareren taktischen Struktur bereits in der Jugend somit erfüllt?

Ich glaube, dass es nicht darauf ankommt, ob man die gleiche taktische Aufstellung spielt. Wichtig ist, dass sich in unseren Mannschaften ein Bild abzeichnet, das für die Werte und das Spiel des FC Bayern steht. Das Spiel mit und gegen den Ball in der Hand halten. Offensiv ausgerichtet, Pressing, Spielfreude und unbedingten Siegeswille.

Vergleicht man sich beim FC Bayern eigentlich mit anderen bekannten Ausbildungsstätten wie La Masia in Barcelona?

Ich denke, wir müssen weiterhin unseren eigenen Weg gehen. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht mal woanders gute Sachen abschauen und sich so selbst weiterentwickeln kann.

Eine Weiterentwicklung ist das neue Nachwuchsleistungszentrum. Was erwartest du dir von dem Projekt?

Infrastruktuell werden wir uns damit immens verbessern. Auch die Möglichkeit mehr Spieler vor Ort wohnen zu haben und noch individueller auf die Jungs einzugehen, verbessert unsere Möglichkeiten deutlich.

Wie intensiv ist die Kommunikation mit Carlo Ancelotti oder seinen Co-Trainern, wie sehr beobachten sie die Jugendmannschaften?

Tim Walter macht ja gerade seine Praktika für den Fussballlehrer bei unseren Profis. Von daher besteht sowieso eine gewisse Kommunikation mit deren Trainer-Team. Ansonsten schauen viele derer, die im Verein Verantwortung tragen unsere Spiele.

Auch Hermann Gerland?

Ich würde sagen, seine Hauptaufgabe ist eher, die jungen Spieler im Kreis der Profis zu betreuen, er ist eine Art Mittelmann.

Gerlands Blick für die Jugend ist legendär. Versucht man, sich als junger Trainer bei so jemandem etwas abzuschauen?

Natürlich hat Hermann Gerland sehr viel Ahnung und einen guten Blick. Aber ich versuche, Spieler immer selber zu beurteilen, mir eine Meinung zu ihnen zu bilden und diese dann mit den anderen beteiligten Trainern zu diskutieren.

Kritisch betrachtet sind die letzten großen Ausbildungserfolge beim FCB bereits einige Jahre her – woran liegt es, dass keine Talente nachkommen, die das Zeug haben, sich dauerhaft bei den Profis einen Platz zu erarbeiten?

Dafür gibt es mehrere Gründe. In erster Linie sind die Konkurrenten im Jugendbereich definitiv mehr und besser geworden. Dadurch wird es auch schwieriger Talente zu bekommen, da auch oft die räumliche Entfernung zum Zuhause eine Rolle spielt und noch dazu auch anderswo viel Geld für Jugendspieler bereitgestellt wird. Noch dazu ist die Kaderstärke und -qualität unserer Profis viel höher als noch vor 10-15 Jahren. Das heißt, dass Spieler, die vielleicht vor 10 Jahren noch leichter Spielzeit oben bekommen hätten, jetzt keine bekommen würden und daher auch nicht in den Fokus rücken.

Spieler anwerben ist eine Sache, aber gibt es auch Abwerbeversuche von anderen Vereinen?

Die gibt es schon, auch wenn wir weiterhin eine Vormachtstellung haben. Wir müssen in solchen Fällen die Spieler davon überzeugen, dass der Weg beim FC Bayern vielleicht steiniger ist, sie aber auf ein höheres Niveau bringen kann, als wenn sie früher den leichteren Pfad einschlagen.

Sprechen wir ein wenig über die Arbeit mit deinen Spielern: Wie vermittelt ihr einer Mannschaft, in der am Ende jeder auf seine eigene Karriere fokussiert ist, dass das Team an erster Stelle steht?

Wir geben vor der Saison ganz klare Regeln vor, in denen sich die Spieler frei bewegen können. Das hat viel mit Verlässlichkeit und Respekt zu tun. Auch durch unsere Spielweise und gewisse Abläufe vermitteln wir den Jungs, dass jeder jeden braucht um selbst erfolgreich zu sein. Die Jungs bekommen durch Erfolgserlebnisse dann auch ein Gefühl dafür, dass es funktioniert. Dann ist es für uns natürlich leichter.

Inwiefern versucht ihr die Spieler zu fördern: Geht es mehr darum, ihnen bereits jetzt eine klare Position zu geben oder versucht ihr, sie variabel aufzustellen und somit herauszufinden, wo sie am besten hinpassen?

Variabel einsetzbar ist das Eine, aber auch erkennen wo jemand später landen wird und ihn auch dort auszubilden was Anderes. Nichtsdestotrotz gibt es auf vielen Positionen ähnliche Abläufe und Situationen, die ein Spieler erkennen und lösen muss. Da liegt es an uns, sie so breit wie möglich auszubilden.

Einzelne Spieler aus der U17, wie Torwart Früchtl, trainieren bereits oft bei den Profis mit. Wie beeinflusst das eure Arbeit als Trainer?

Eigentlich gar nicht. Wir kommen damit klar, dass es Teil dieses Vereins ist, dass oft Jugendspieler bei den Profis trainieren.

Besonders Früchtl geriet im Sommer als großes Talent in den Fokus: Wie bringt man einem 16-Jährigen bei, dass er sich noch gedulden muss, nicht abheben darf?

Das ist schwierig, weil an so einem Jungen nicht nur wir reinreden, sondern auch Eltern, Berater, Mitspieler und andere Menschen. Ich handhabe es so, dass ich ihm gegenüber meine ehrliche Haltung vertrete, aber auch nicht zu meinungsstark bin und den Einfluss der sportlichen Führung akzeptiere. Und: Ein Torwart ist natürlich noch gesondert zu betrachten. Da geht mein Einfluss sowieso nur soweit, ihn im Training auf unser Spiel einzustellen und ihm den Druck zu nehmen.

Die U17 stellt in gewisser Form den Übergang vom Jugend- zum Herrenfußball dar. Worauf muss man in dieser Phase bei den Spielern besonders achten?

Körperliche Entwicklung und Persönlichkeitsentwicklung. Einerseits müssen wir im Individualtraining oft unterscheiden, ob wir mit einem Spieler mehr fußballerisch arbeiten oder mehr im körperlichen Bereich. Dann gibt’s natürlich auch große Unterschiede in der Persönlichkeit (Pubertät, Schule, Freundin, Eltern). Diese sind immer unterschiedlich zu bewerten ohne trotzdem nicht die Spieler zu unterschiedlich zu behandeln.

Vielleicht noch ein wenig zu deiner eigenen Karriere: Tim Walter wird beim FC Bayern sehr geschätzt. Siehst du ihn als guten Lehrer für dich als jungen Trainer?

Für mich ist es perfekt, weil er ein absoluter Jugendexperte ist. Auch menschlich verstehen wir uns vom ersten Tag an sehr gut und er ermöglicht mir auch, mich selbst viel einzubringen und zu entwickeln. Wir können auch offen über viele Themen diskutieren ohne dass einer sauer ist und kommen auch dann immer zu einem Ergebnis, von dem beide überzeugt sind.

Was sind die nächsten Schritte für dich, in welche Richtung möchtest du dich als Trainer entwickeln und welche Rolle spielt dabei der FC Bayern?

Ich mache im Winter meine A-Lizenz. Durch Tims Abwesenheit wegen dem Fussballlehrer, komme ich oft in den Genuss eigenverantwortlich für das Training zu sein und das ist ein nächster guter Schritt für meine persönliche Entwicklung als Trainer. Natürlich möchte ich weiterhin beim FC Bayern arbeiten, vielleicht irgendwann eine eigene Mannschaft im Junior Team übernehmen. Mein großer Traum ist natürlich irgendwann die erste Mannschaft von Bayern München zu trainieren. Aber diesen hat wohl jeder…

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Leserkommentare
  1. Petra Hindersmann

    Viel Erfolg!

  2. […] uns begann die Woche bereits am vergangenen Sonntag mit einem Interview mit Tobias Schweinsteiger, der mittlerweile als Co-Trainer bei der U17 tätig ist. Neben Vorschau und Analyse zu Eindhoven […]

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