BVB: Ohne Lewandowski noch gefährlicher?

Ohne Robert Lewandowski muss Borussia Dortmund in die neue Saison gehen – dafür haben sie eine Menge Flexibilität und Systemvariabilität hinzugewonnen. Statt linear auf aggressives Pressing und pfeilschnelles Umschalten zu setzen, will Trainer Jürgen Klopp künftig schwerer zu durchschauen sein. Eine Herausforderung für Pep Guardiola und die Bundesliga im Allgemeinen – der BVB ist ohne Verletzungspech und mit möglicherweise einschlagenden Transfers der Hauptgegner des FC Bayern München.

Transfers & Personal

Der BVB hatte erneut einen schwerwiegenden Abgang zu verzeichnen: Nach Nuri Sahin (2011), Shinji Kagawa (2012), Mario Götze (2013) verließ 2014 Robert Lewandowski den Klub. Hart getroffen? Nur auf den ersten Blick. Insgesamt investierten die Schwarz-Gelben deutlich über 40 Millionen Euro. Mit Ciro Immobile wurde für 18,5 Millionen Italiens Top-Torjäger geholt, mit Adrian Ramos Herthas bester Spieler aus dem letzten Jahr. Dong Won Ji darf auf Einsätze bei Schonung der Stammspieler hoffen. Auch sonst haben es Watzke und Zorc geschafft, auf jeder Position doppelt und hervorragend besetzt zu sein: Von der Linksverteidigerposition, auf der sich mit Schmelzer und Durm Deutschlands Zukunft duelliert, über das zentrale Mittelfeld mit Sahin, Gündogan, Jojic, Kehl und Kirch (der zu Saisonbeginn länger ausfällt) bis hin zu den Offensivpositionen, wo Mkhitaryan, Reus und Aubameyang von Großkreutz, Hofmann, Blaszczykowski und wiederum Jojic bedrängt werden. Auch Weltmeister Mathias Ginter soll auf die Innenverteidiger Druck ausüben – dort herrscht mit der Rückkehr von Subotic ohnehin schon Gedränge. Auf eines kann man sich diese Saison jedenfalls gefasst machen: Ein ähnlicher Einbruch wie letztes Jahr, nach der Verletzenmisere im Spätherbst, wird den Dortmundern dieses Jahr wohl nicht passieren. Zum ersten Mal wurde wirklich viel Geld in die Hand genommen – damit ist die Zielsetzung jedoch auch noch deutlicher definiert. Über kurz oder lang will die Borussia auf einer Stufe mit dem FC Bayern stehen.

System

Wie bereits erwähnt: In Dortmund ist dieses Jahr die Flexibilität das Credo. Klopp kann seine Elf in diesem Jahr in mindestens fünf verschiedenen Formationen auf den Rasen schicken:

Das klassische 4-2-3-1

Bekannt aus den letzten Jahren. Vor den zwei Sechsern, zu Saisonstart wohl Sahin und Bender, formiert sich die Offensivreihe aus Mkhitaryan, Reus und Aubameyang. Als einzige Spitze kann sowohl Immobile als auch Ramos spielen. Vorteil des Systems: Reus und Mkhitaryan kommen in den Genuss vieler Freiheiten hinter der Spitze, die Mannschaft ist gut eingespielt. Nachteil: Das Pressing+Umschalten, das Dortmund so stark gemacht hat, ist mittlerweile bekannt und wurde gerade im letzten Jahr oftmals von Gegnern ausgehebelt. Einige Mannschaften umspielten das Pressing mit langen Bällen und konnten sich im 1:1 gegen die Abwehr durchsetzen und so Nadelstiche setzen.

4-3-3

Reus und Aubameyang werden vorgezogen und bilden, wahrscheinlich mit Ramos, eine Dreierreihe nahe am gegnerischen Strafraum. Dem gegenüber stehen 3 Sechser, zwei davon defensiv (z.B. Kehl/Kirch), einer offensiver (Sahin). Vorteil: Gegen tief stehende Mannschaften entsteht eine Überzahlsituation im letzten Angriffsdrittel. Dadurch bieten sich mehr Kombinationsmöglichkeiten. Gerade in Heimspielen eine interessante Variante, da sich vor allem viele Teams aus dem Mittelfeld auf die Defensive konzentrieren und so der Borussia das Leben schwer machen werden.

4-1-4-1

Bereits im letzten Jahr, etwa im Rückspiel gegen Real Madrid, stellte Klopp vereinzelt auf ein System mit nur einem Sechser um. Eine Aufgabe, die Kehl entgegenkommen könnte, der offensiv selten Akzente setzt. In der kreativen Zentrale könnten dann Gündogan/Sahin und Mkhitaryan/Reus spielen – außen Blaszczykowski/Jojic/Hofmann oder Großkreutz zum Einsatz kommen. Vorteil: Wie beim FC Bayern unter Pep Guardiola entstünd gegen tief stehende Mannschaften mehr Druck – die „Doppelzehn“ birgt allerdings auch Risiken und ist anfällig gegen Konter, da die Verteidiger situativ die Lücken im Mittelfeld schließen sollen. In Vorbereitungsspielen hat dieses System noch nicht gefruchtet.

4-4-2 mit Raute oder Flach

Die Raute könnte wieder fest ins Dortmunder Spiel zurückkehren. Bereits am Ende der Rückrunde experimentierte Dortmund mit diesem System – wie schon zu Klopps Anfangszeiten. Mit Immobile und Ramos hätte man in beiden Systemen zwei echte Stürmer, die zusammen mit einem Zehner wie Mkhitaryan, der eher pass- als abschlussstark ist, gut harmonieren könnten. Das flache System hätte zudem den Vorteil, variabel auch defensiver zu spielen und schnell auf die laufstarken Stürmer zu spielen.

Allein diese kurze Übersicht zeigt: Klopp hat taktische Möglichkeiten, von denen die meisten Trainer nur träumen können.

Das gewisse Etwas

Die Offensivreihe um Marco Reus. Wirkten Mkhitaryan und Aubameyang letztes Jahr taktisch und spielerisch phasenweise noch überfordert, können sie das hohe Dortmunder Tempo mittlerweile besser mitgehen. In den Testspielen und vor allem im Supercup überzeugten die Zugänge der Vorsaison. Gerade Aubameyang, dem letztes Jahr zu viele technische Fehler unterliefen, will (und muss) sich zeigen. Hinzu kommt die individuelle Klasse von Marco Reus, der in der letzten Rückrunde hinter Lewandowski Woche für Woche Top-Leistungen auf konstant hohem Niveau zeigte.

Prognose

Den zweiten Platz hat der BVB durch vermeintlich kluge Einkäufe fast gesichert, auch wenn abzuwarten ist, wie schnell sich Immobile und Ramos einfinden. Wolfsburg, Leverkusen und Schalke sollte man normalerweise problemlos in Schach halten können. Wenn Dortmund 34 Spiele lang ohne längere Schwächephase oder Verletzungspech durchkommt, ist auch der Angriff auf den FC Bayern möglich. Für Klopps Jungs kann der Saisonstart, vor allem psychologisch, entscheidend sein: Sollten die Münchner am Anfang in die Saison stolpern und der BVB sich keine Blöße geben, könnte das bereits zu einem tabellarischen Vorsprung reichen, der den Westfalen am Ende den Titel beschert.

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Leserkommentare
  1. Superbayern

    Puuh. Im ersten Moment hab ich ehrlich gesagt den Hinweis auf einen Gastbeitrag von schwattgelb.de gesucht.

    Der Artikel ist sicher nicht grundlegend falsch, geht aber vom absoluten Optimalfall (praktisch keine Verletzungen, alle Transfers schlagen bombig ein, der vorhandene Kader entwickelt sich punktgenau weiter, Klopp schüttelt nach Jahren des eindimensionalen Umschaltfussballs plötzlich ungeahnte taktische Variabilität aus dem Ärmel, etc pp) aus, der so niemals eintreten wird. Und ganz ehrlich, wer ernsthaft den Supercup (bei diesen Voraussetzungen) für irgendwas als Argument hernimmt, der kann kaum ernst genommen werden. Selbst die BVB-nahen Medien konnten das deutlich realistischer einordnen.

    Das größte Fragezeichen, vor allem nachdem was bislang zu sehen war, ist ganz klar die Offensive. Immobile, Ramos, Ji…das liest sich erstmal ganz nett, aber gerade der Italiener rennt da bislang rum wie Falschgeld. Der wird auf jeden Fall Zeit brauchen. Alles andere muss man abwarten. Klopp hat schonmal taktisch experimentiert und ist nach zwei schwachen Spielen sofort wieder zu seinem alten “System” zurückgekehrt.

    Richtig ist natürlich das sie breiter besetzt sind und auch bei erneut großem Verletzungspech sicher nicht so ein Loch haben werden wie im Winter 2013. Ansonsten sehe ich beim BVB aktuell ähnlich viele Fragezeichen wie bei uns. Diese Saison kann durchaus eine Meisterchance für ein Team aus der zweiten Reihe werden.

    1. chicago_bastard

      Stimme dem Kommentar von Superbayern zu, ein euphorischer BVB-Fan hätte keinen rosaroteren Ausblick schreiben können. Schön und gut, dass Kloppo inzwischen offenbar ganz viele tolle Formationen draufhat, am Grundproblem des BVB, dass das Spielermaterial ungeeignet für Ballbesitzspiel gegen einen destruktiven Gegner ist, ändert das eher wenig.

      Micky und der gabunische Leichtathlet werden in Spielen, in denen sie viel Platz bekommen explodieren, kriegen sie den nicht wird ihre unterdurchschnittliche Balltechnik maximal für einen Blindgänger sorgen… Und Ramos und Immobile sind spielerisch mindestens drei Klassen unter Lewandowski anzusiedeln, wieso der BVB also ausgerechnet jetzt, wo sein bester Techniker und neben Gündogan kreativster Spieler weg ist auf einmal das können soll, was er in den letzten 4 Jahren nicht konnte – nämlich ein gutes Ballbesitzspiel gegen einen tief stehenden Gegner aufzuziehen – erschließt sich mir nicht, da helfen auch die schönen Zahlenspielchen bei der Formation eher wenig.

      Und ein verbessertes Ballbesitzspiel wird der BVB nunmal brauchen wenn er nicht wieder so viele Punkte gegen mauernde Teams wie letzte Saison verlieren will. Momentan hilft da aus BVB-Sicht nur Beten, dass Gündogan schnell wieder ganz der Alte wird, ansonsten siehts an der Kreativ-Front düster aus. Das Hauptproblem, dass die Offensivreihe hinter der Spitze aus 3 unkreativen Sprintern besteht, wurde nämlich nicht nur nicht behoben, durch den Wegfall des falschen Spielmachers Lewandowski wurde es sogar noch verschärft. Im ersten Spiel gegen einen taktisch gut eingestellten Gegner werden Dortmunds Probleme bei aufgezwungenem Ballbesitz schnell zu Tage treten.

      1. chicago_bastard

        Tja, sieht so aus als sei der BVB schon am ersten Spieltag auf einen taktisch gut eingestellten Gegner getroffen ;-)

  2. Hallo Superbayern,
    Ob ich jemals für Schwattgelb schreiben werde – fraglich ;)
    Ansonsten sehe ich deine Punkte natürlich auch, allerdings bin ich tatsächlich der Überzeugung (und ich mag sie selber nicht hören), dass Mkhitaryan und Aubameyang explodieren werden. Vor allem in Micky steckt derart Potential – DAS war eine der Erkenntnisse der gesamten Vorbereitung und auch des Supercups. Der ist mit Sicherheit nicht zu vergleichen mit der Bundesliga und trotzdem hat er uns damals auch geholfen, als wir 2012 gegen den BVB gewonnen haben. Klopp muss taktisch variabler spielen, wenn er diese Saison was gewinnen will. Das weiß er – und dass Umstellungen funktionieren, hat man, wie ich geschrieben habe, im Rückspiel letztes Jahr gegen Real gesehen.
    Ich geb dir Recht: Immobile wird Zeit brauchen, ja. Ich halte ihn ehrlich gesagt für alles andere als den idealen Stürmer für den BVB – umso interessanter finde ich Ramos. Schnell, abschluss- und nervenstark, das könnte passen.
    Und um deinen letzten Punkt zu beleuchten: Ich/Wir halten auch ein Team aus der dritten Reihe für möglich – deshalb widmen wir uns ja auch den besten 5 und nicht nur dem BVB. :)

  3. Fabian

    Klasse Blogbeitrag, aber ich denke Dortmund ist ohne Lewandoswki genauso gefährlich wie mit Lewandowski. Sie spielen jetzt halt anders, aber ich halte sie nicht für gefährlicher als letzte Saison. Ich denke eher, dass meine Bayern größere Schwächen zeigen werden aufgrund der nicht optimalen Vorbereitung. Sollte allerdings Benatia und ein Spieler fürs DM eingetütet werden, gehe ich davon aus, dann werden wir wieder Meister.
    Und man darf gerne auch Blogbeiträge verfassen, die die Stärken von Dortmund beschreiben, schließlich sind se in Deutschland die zweite Kraft und in der CL auch immer weit dabei :)

  4. Erich_B

    Ich will bei meinem Kommentar nicht so sehr ins Detail gehen… muss aber folgendes sagen:
    Grundsätzlich gefällt mir die Stimmung das dem FC Bayern nicht viel zugetraut wird, dies sollte für die notwendige Sensibilität beim FC Bayern sorgen.
    Gefällt mir besser als eine Diskussion “FC Bayern wird eh meister”, sowas wirkt sich auch auf die Mannschaft aus.

    Lasst mal ruhig den BVB als Favorit gelten…

    Meiner Meinung nach hat der BVB folgendes Problem: in 95% aller Spiele gilt er als Favorit (auch CL mittlerweile). Sie müssen ein Ballbesitzspiel entwickelt, da sich die Mannschaften hinten reinstellen. Das hat Klopp bislang nicht geschafft.

    Desweiteren ist der BVB einfach der Antrieb des FCB, wir brauchen eine starken Gegenpol, das war schon immer so wenn Bayern international stark war (die 70er Jahre mit Gladbach, 2001 mit Leverkusen und jetzt BVB).

    Über die – meiner Meinung nach – schwache Einkaufspolitik dieses Jahr habe ich schon mehrmals geschrieben (Eventuell wäre es besser gewesen man hätte das Pokalfinale verloren…)

  5. […] System auf eine Dreierkette um, der BVB will taktisch variabler werden und erlernte gleich eine Vielzahl an taktischen Varianten. Bayer 04 Leverkusen setzt gleich auf ein ganz radikales Konzept. Mark Weidenfeller sprach mit […]

  6. Mic

    Und heute? Erstmal Tabellenletzter, schnellstes Gegentor und so weiter und so weiter…Gefährlicher haben sie jedenfalls nicht gewirkt und waren mit Leverkusens Spiel “leicht” überfordert. Fand ich jedenfalls.

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